Sirene, App oder SMS

Flutopfer erhebt Vorwürfe: „Wir sind nicht gewarnt worden“ - Warnsystem in der Kritik

Hat das Warnsystem bei der Flutkatastrophe versagt? Ein Hochwasser-Opfer aus NRW erhebt Vorwürfe. App, SMS oder Sirene - wie sieht die Katastrophen-Warnung der Zukunft aus?

NRW - Die Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz hat Menschenleben gefordert und Zerstörung in kaum zu benennendem Ausmaß angerichtet. Zahlreiche Flutopfer stehen vor dem Nichts. Ihre Häuser, ihr Hab und Gut - alles liegt in Trümmern. Und über allem schwebt die Frage: Hätte man besser auf die Katastrophe vorbereitet sein können? Hätten die Menschen anders gewarnt werden müssen?  Die Debatte um eine Verbesserung des deutschen Katastrophenwarnsystems ist in vollem Gange.

BundeslandNordrhein-Westfalen (NRW)
Bevölkerung17,93 Millionen (2019)
MinisterpräsidentArmin Laschet (CDU)

Katastrophen-Warnung per Sirene, App oder SMS - System in der Kritik

In der Sendung von Markus Lanz im ZDF hat Flutopfer Tina Rass aus Rösrath in NRW berichtet, wie dramatisch die Situation ist. Ihr Satz „Wir konnten nichts mehr retten, nur noch uns retten“ veranschaulichte überdeutlich die Situation, in der sich viele Menschen derzeit befinden. Ein Fluss in der Nähe ihres Hauses, der normalerweise 70 Zentimeter Wasser führe, sei auf fünf Meter angestiegen. Rass sprach auch von Todesopfern in ihrer Nachbarschaft. Gewarnt worden sei man aber nicht. „Wir sind nicht gewarnt worden. Gar nicht.“ Weder auf der Nina-App noch über Sirenen habe es Warnungen gegeben. Auch im vom Hochwasser vielerorts massiv betroffenen Märkischen Kreis wird diskutiert, ob es genug Warnungen gegeben hat. Darüber berichtet come-on.de*.

In der Diskussion ist derzeit, ob die Bevölkerung künftig per SMS vor Katastrophen gewarnt werden sollte. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) lässt die Einführung eines Systems zur Versendung von Warn-SMS prüfen. Das sagte Behördenpräsident Armin Schuster dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Es solle festgestellt werden, „ob eine Einführung von Cell Broadcasting sinnvoll und realisierbar ist“.

Katastrophen-Warnung per SMS: Warmsysteme in der Diskussion

Doch was ist Cell Broadcasting überhaupt? Mittels Cell Broadcasting können Textnachrichten an alle Mobiltelefone geschickt werden, die sich innerhalb einer bestimmten Funkzelle befinden. So können die Handynutzer in einer bestimmten Gegend erreicht werden, ohne dass deren Telefonnummern den Behörden bekannt sein müssten. Die Warnung vor einer Katastrophe käme also ohne das Zutun der Nutzer auf die Handys.

Sollte wieder in Sirenen investiert werden, um die Bevölkerung im Katastrophenfall gezielter warnen zu können? Nach der Flutkatastrophe wird darüber diskutiert.

Dass solche Warnungen künftig auf diese Weise umgesetzt werden können, dafür sind die Voraussetzungen aber noch nicht geschaffen. Bisher bietet laut Schuster kein Mobilfunkanbieter in Deutschland das System an. „Und es ist teuer.“ Auch an datenschutzrechtliche Aspekte sei zu denken. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gab zu bedenken, dass die SMS-Benachrichtigung nicht funktioniere, „wenn das Mobilfunksystem ausgefallen ist“. Dies sei beim jüngsten Hochwasser „zum Teil rasend schnell“ passiert.

Katastrophen-Warnung per Warnsirene: Anlagen flächendeckend wieder aufbauen?

In der Diskussion ist unterdessen auch „die gute alte Sirene“, wie Merkel sie zuletzt nannte. Diese sei womöglich nützlicher als zuvor gedacht. Auch der Feuerwehrverband forderte den Wiederaufbau der Warnsirenen, die vielerorts abgeschafft worden sind. „Ich habe das Gefühl, nicht alle Menschen nehmen das so ernst, was da kommt“, sagte Verbandspräsident Karl-Heinz Banse am Dienstag im Bayerischen Rundfunk mit Blick auf die genutzten Warn-Apps auf Smartphones. „Ich persönlich finde es viel sinnvoller, wenn die Sirenenanlagen wieder flächendeckend aufgebaut werden.“

Banse wies auch darauf hin, dass insbesondere ältere Menschen ihr Handy nicht laufend in der Hand hätten. Der Feuerwehr-Verbandschef gab zudem zu bedenken, dass über die Warn-Apps wie Katwarn und Nina relativ häufig gewarnt werde: „Wenn die Leute fünfzehn Mal gewarnt wurden, und fünfzehn Mal ist nichts passiert, und beim sechzehnten Mal passiert es dann, dann muss man sich nicht wundern.“

Sollten Sirenen wieder verstärkt zum Einsatz kommen, müssten Bürger laut Banse auch geschult werden, „was die Signale der Sirenenanlagen überhaupt bedeuten“. Seiner Ansicht nach hätte durch die Nutzung von beiden Systemen „vielleicht einiges“ verhindert werden können.

Katastrophen-Warnung bei Hochwasser nicht ausreichend? Scharfe Kritik

Die Betroffene aus Rösrath, die bei „Markus Lanz“ im ZDF schwere Vorwürfe erhob, steht mit ihrer Anklage jedenfalls nicht alleine da. Auch eine britische Wissenschaftlerin hat den deutschen Behörden „monumentales“ System-Versagen bezüglich der Flutkatastrophe vorgeworfen. Klare Hinweise, die im Rahmen des europäischen Frühwarnsystems EFAS bereits vier Tage vor den ersten Überschwemmungen herausgegeben wurden, seien offenbar nicht bei der Bevölkerung angekommen, sagte Hannah Cloke von der Universität Reading der Sunday Times.

Die Forscherin war am Aufbau von EFAS (European Flood Awareness System) beteiligt, das nach den verheerenden Überschwemmungen an Elbe und Donau im Jahr 2002 gegründet wurde. Mithilfe meteorologischer und hydrologischer Daten sowie anhand von Computer-Modellen werden dabei Überschwemmungen und Sturzfluten vorhergesagt. Ziel ist es, Zeit zu gewinnen, um die Bevölkerung besser zu schützen.

Hochwasser-Warnungen nicht vehement genug - und zu spät?

Dem Klimawandeldienst Copernicus zufolge wurde bereits am 10. Juli eine erste Warnung an die relevanten nationalen Behörden gegeben. Bis zum 14. Juli wurden demnach mehr als 25 weitere Warnungen mit fortlaufend aktualisierten Vorhersagen für spezifische Regionen des Rheins und der Maas herausgegeben.

Obwohl die genaue Vorhersage einzelner Überschwemmungsgebiete schwierig gewesen sei, hätte es „sicherlich Zeit“ geben müssen, um größere Gemeinden mit Warnungen und Evakuierungen vorzubereiten, sagte die Forscherin. Das Ergebnis zeige, dass viel schief gegangen sei. „Die Menschen hätten Warnungen erhalten sollen, sie hätten die Warnungen verstehen sollen“, kritisierte Cloke: „Es hat keinen Sinn, mit gigantischen Computer-Modellen vorherzusagen, was geschehen wird, wenn die Leute nicht wissen, wie sie sich bei einer Überschwemmung verhalten müssen.“

Hochwasser-Warnungen bei Flutkatastrophe über Katwarn und Nina-App

Behördenchef Schuster verteidigte hingegen, wie im Zusammenhang mit der Flutkatastrophe gewarnt worden sei. „Wir haben 150 Warnmeldungen über unsere Apps, über die Medien ausgesendet“, sagte Schuster. Er verwies darauf, dass die Warn-App Nina des BBK neun Millionen Nutzer habe. Wo die Menschen in den Hochwassergebieten durch Sirenen gewarnt worden seien und wo nicht, könne er im Moment nicht sagen. Noch sei man „in der Phase des Rettens“. Aber: „Das werden wir noch ermitteln müssen.“ 

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) räumt nach der Flut Verbesserungsbedarf beim Katastrophenschutz in seinem Bundesland ein, sieht hier aber keinen großen grundsätzlichen Probleme. Im Politiktalk Die richtigen Fragen bei Bild live sagte der CDU-Politiker am Sonntagabend: „Es kann nicht alles 100-prozentig funktioniert haben.“ Denn dann dürfte es keinen Toten gegeben haben. Aber: „Es gab nach meinem heutigen Erkenntnisstand keine großen grundsätzlichen Probleme.“

Man werde natürlich darüber nachzudenken haben, wie man Warnsysteme verbessern könne - etwa, wie man jene erreichen könne, die keine Warn-App vor Unwetter-Katastrophen hätten, sagte Reul. Auch bei der Koordination der Katastrophenhilfe sei „wahrscheinlich noch einiges zu tun“. Der Minister lehnte aber eine Zentralisierung des Katastrophenschutzes in Berlin ab.

Hochwasser in Deutschland: Spendenbereitschaft für Flutopfer beeindruckend

Die Solidarität unter den Menschen ist währenddessen riesig. Ein Mann aus Münster in NRW hat eine Mega-Summe für die Opfer des Hochwassers gespendet. Wer mit Geld helfen möchte, findet hier eine Übersicht, bei welchen Organisationen man spenden kann. (mit dpa-Material) *come-on.de* ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Rolf Vennenbernd/dpa

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