Kampf gegen Kälte: Viele Obdachlose meiden Notunterkunft

+
Ein Gast im „Notel“ in Köln, eine Notschlafstelle für obdachlose Drogenabhängige.

KÖLN - Wenn das Thermometer sinkt, wird das Leben auf der Straße für viele Obdachlose zum Überlebenskampf. In größeren Städten gibt es Notschlafplätze. Einige Menschen bleiben trotzdem lieber im Freien. Sie fürchten in den Schlafsälen Diebe, Krankheiten und Gewalt.

Wenn abends die Dämmerung über Deutschland zieht, stehen Obdachlose wieder vor der Frage: Wohin, wenn die Nacht einbricht? Einer von ihnen ist Sven. Der 32-Jährige sitzt an dem großen Esstisch im Kölner „Notel“ und schlingt gierig seinen Aprikosenkuchen herunter. Er war im Gefängnis, ist drogensüchtig und obdachlos.

Insgesamt 17 drogenabhängige Obdachlose können im „Notel“ essen, duschen und schlafen. Sven versucht jeden Abend, ein Bett in einer Kölner Notunterkunft zu ergattern. Aber gerade im Winter werden die Plätze knapp. Sven hat schon öfter Pech gehabt: „Wegen Überfüllung wurde ich weggeschickt. Dann musste ich auf der Straße pennen. Das war arschkalt und unbequem.“

Sven ist nur einer von vielen. Rund 22 000 Menschen leben in Deutschland auf der Straße – Tendenz steigend. Nach Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) wird ihre Zahl in den nächsten vier Jahren um weitere zehn oder 15 Prozent wachsen, auch in Nordrhein-Westfalen.

Werena Rosenke, Sprecherin der BAG W in Bielefeld, belegt den Trend mit der gestiegenen Zahl an Räumungsklagen und Kündigungen. „All das deutet auf einen enger werdenden Wohnungsmarkt hin. Und Wohnraum ist für Obdachlosigkeit der entscheidende Faktor.“ Bei steigenden Mieten geraten Arbeitslose und Geringverdiener in eine Abwärtsspirale, können ihre Schulden nicht mehr abbauen und müssen schließlich ihre Wohnung verlassen. „Das ist ein Kreislauf, der in jedem Fall im Schlechten endet“, sagt Rosenke.

In Köln haben etwa 500 Menschen kein Dach über dem Kopf, heißt es beim Sozialamt. Zu den 70 Notschlafplätzen kommen in den kalten Monaten weitere 34 hinzu. „In Köln gibt es große Engpässe. Ballungsgebiete sind überhaupt sehr stark betroffen“, bestätigt Werena Rosenke. Dort sei kaum noch preiswerter Wohnraum vorhanden, wie auch in Düsseldorf.

Die Landeshauptstadt hat für die kalte Jahreszeit 130 Notschlafstellen eingerichtet. „Bei Bedarf werden auch Schlafsäcke verteilt“, hatte Oberbürgermeister Dirk Elbers im Oktober mitgeteilt. Zwischen 200 und 300 Personen leben dort auf der Straße.

Trotz aller Hilfsangebote ziehen viele Wohnungslose die Übernachtung im Freien vor. In vielen Schlafsälen bestehlen sich die Obdachlosen gegenseitig, sagt eine Sprecherin der Stadt Bonn. Von „Gewalterfahrungen und Abzockerei“ spricht Eckhard Sundermann beim Diakonischen Hilfswerk in Bochum. Auch die Angst vor Krankheiten und Ungeziefer treibe viele in Hauseingänge und Fußgängertunnel. „Wir können die Menschen nicht gegen ihren Willen irgendwo unterbringen“, heißt es in Duisburg. Werena Rosenke gibt aber zu bedenken: „Wie freiwillig ist dieses Wollen?“ Psychisch Kranke oder Betrunkene könnten eben nicht immer ganz frei entscheiden.

Auch in Bonn soll niemand in der Kälte schlafen müssen. „Alle kommen unter. Selbst, wenn wir irgendwo noch ein Bett im Speisesaal unterstellen müssen“, sagt eine Sprecherin der Stadt. 90 Betten sind in der Bundesstadt belegbar. Trotzdem verweigern auch dort einige Menschen die Hilfsangebote und verkriechen sich unter Brücken oder auf Parkbänke. Deshalb sind die Sozialarbeiter im Winter vehementer. Die Sprecherin bestätigt: „Man muss die Leute wachrütteln.“

Das Dortmunder Sozialamt fühlt sich für die kalte Jahreszeit gewappnet. Rund 50 Notschlafplätze gibt es dort, die Zahl der Obdachlosen wird allerdings auf etwa 200 geschätzt. „Viele sträuben sich. Die wünschen sich das, was wir unter freiem Leben verstehen“, sagt Anke Widow, Sprecherin der Stadt Dortmund.

In Duisburg und Gelsenkirchen werten die Behörden ihre Notprogramme der letzten Jahre als Erfolg. „Wir haben Gott sei Dank keinen Nachholbedarf“, sagt ein Mitarbeiter des Duisburger Sozialamtes. In Gelsenkirchen nutzen etwa 50 Wohnungslose die Schlafstellen. Das Hilfswerk Caritas schätzt ihre Zahl allerdings auf 300.

Sven hat im Kölner „Notel“ inzwischen seinen Kuchen aufgegessen. Er will noch mal los. Bis zum Abend muss er 15 Euro auftreiben, damit er genug Heroin für die Nacht hat. Um acht Uhr will er zurück sein. Und er hofft, dass er dann einen Schlafplatz bekommt. - dpa

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare