500 Jungtiere fliegen beim Brieftaubenflug-Ruhr.2010

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Hans-Peter Hülshorst kümmert sich jeden Tag ehrenamtlich um 500 Brieftauben. ▪

ESSEN ▪ Locker, aber bestimmt greift Dr. Ludger Kamphausen mit der linken Hand nach dem Hals der Taube, biegt ihren Kopf nach oben und öffnet den Schnabel. Mit der anderen Hand führt er ein Wattestäbchen tief in den Schlund des Vogels ein. Von Isabelle Strohkamp

Was daran heften bleibt, streicht er anschließend auf einem Objektträger ab. Genau so verfährt der Tierarzt mit einem Abstrich der Kloake, dem gemeinsamen Körperausgang für Geschlechtsorgane, Harnleiter und Darm. Die Proben untersucht der Arzt schließlich unterm Mikroskop. „Oftmals findet man darin Trichomonaden“, so der Doktor. Das seien Parasiten, die unbedingt behandelt werden müssten, da sie sonst auf den ganzen Bestand eines Züchters übergehen könnten. In diesem Fall aber sind keine Krankheitserreger zu sehen.

Dr. Ludger Kamphausen arbeitet in der einzigen Taubenklinik weltweit. Sie besteht bereits seit 1972, ihren Sitz hatte sie 34 Jahre lang in Essen-Kupferdreh. Vor vier Jahren ging es dann in ein neues Gebäude, nach Essen-Katernberg. Auch die Geschäftsstelle des Verbands Deutscher Brieftaubenzüchter (früher in Essen-Rüttenscheid) zog in den neuen Sitz an der Katernberger Straße 115, mit ihr die Redaktion der Verbandszeitschrift: „Die Brieftaube“. So entstand das Deutsche Brieftaubenzentrum, das jetzt alle drei Institutionen an einem Ort vereint.

Und dass dieses Zentrum nicht in Berlin oder München sitzt, hat seinen Grund: Brieftauben sind seit Jahrzehnten eng mit dem Ruhrgebiet verbunden. „Früher hatten fast alle Bergleute zuhause einen Taubenschlag. Die waren froh, wenn sie nach acht Stunden unter Tage zu ihren Vögeln am Himmel gucken konnten“, erklärt Hans-Peter Hülshorst, der seit Anfang Juni auf dem Gelände des Zentrums sechs Taubenschläge mit rund 500 Vögeln betreut. Unterstützt wird er dabei jeden Tag von Josef Münch.

Als sie gerade einmal 30 bis 35 Tage alt waren, wurden die Jungtiere Anfang Juni von ihren Züchtern nach Essen-Katernberg gebracht. Seitdem dürfen sie jeden Tag ein bisschen länger fliegen, das Gelände erkunden und als ihr Zuhause kennen lernen. In mehreren Ausflügen üben sie dann, von einem Ausgangspunkt zurück zu ihrem Schlag am Brieftaubenzentrum zu fliegen. Nach zunächst fünf, zehn und 50 Kilometern werden die Distanzen immer größer, bis am 18. September der große Finalflug ansteht. In einem sogenannten Tribünenflug geht es dabei von Würzburg aus rund 300 Kilometer weit zurück nach Essen-Katernberg – und die Züchter, die die Taube als Jungtier abgegeben haben, fiebern dem Moment, in dem die Tauben vielleicht nur um eine Zehntelsekunde versetzt einfliegen, nervös entgegen. Denn die schnellste Taube beschert ihrem Züchter immerhin einen Neuwagen, außerdem gibt es hochwertige Reisegutscheine zu gewinnen. Nach dem Finalflug werden die 500 Brieftauben meistbietend versteigert. Die Siegertaube könnte dabei sogar bis zu 10 000 Euro erzielen.

Die Zeit bis zum Eintreffen der Tiere können sich die erwarteten 2000 bis 3000 Besucher gut vertreiben, öffnet doch am 18. und 19. September das Deutsche Brieftaubenzentrum seine Türen. Auf die Kinder wartet eine Hüpfburg, große Besucher können sich durch die Taubenklinik führen lassen. Natürlich wird es auch zur Geschichte des Sports viele Infos geben, die die Faszination der Brieftaubenzucht vermitteln sollen. Denn die Blüte erlebte der Sport in den 60er-Jahren, über die Tauben wurde der soziale Status des Besitzers bestimmt. Vor allem mit den Zechenschließungen ließ die Züchterzahl dann aber stark nach. „Es ist schwer, Nachwuchs für den Sport zu finden. Der Brieftaubenzucht hängt ein alter, vermoderter Ruf an“, erklärt Christoph Schulte, Redakteur bei der „Brieftaube“. Dabei würde mittlerweile viel mit Technik gearbeitet, vor allem bei den Wettbewerben. Aber junge Leute für die verantwortungsvolle Beschäftigung mit dem Tier und für das tägliche Reinigen des Schlages zu begeistern, sei nicht leicht.

Außerdem werden die Brieftaubenzüchter immer wieder mit einem gängigen Problem konfrontiert: „Manchmal kriegen wir Anrufe, wie wir solche Tiere, die die Städte verschmutzen, auch noch züchten können“, so Schulte. Diese Vorwürfe seien aber leicht zu entkräften, denn zahlreiche Studien belegten, dass nur eine sehr geringe Prozentzahl der Brieftauben verwildere. Und diese könnten jederzeit anhand ihrer Beringung ihrem ursprünglichen Besitzer zugeordnet und zurückgegeben werden.

Auch in der Taubenklinik werden hin und wieder gefundene Tiere abgegeben. Dr. Kamphausen, seine Kollegin Dr. Elisabeth Peus sowie das Team beschäftigen sich aber nicht ausschließlich mit Tauben, vielmehr behandeln sie „alles, was Flügel hat“. Und nicht immer reicht eine ambulante Behandlung bei den Tieren aus, manchmal muss es auch eine Operation oder einfach nur kontinuierliche, professionelle Hilfe sein. So verbringt derzeit ein rosa Kakadu einige Tage auf der Station der Klinik, er hat sich unter dem Flügel selbst aufgebissen. Diese Wunde muss nun täglich von den Ärzten behandelt werden. Wenn die dann soweit gut aussieht, darf der Vogel endlich wieder nach Hause in sein trautes Heim – das liegt auch mitten in der regionalen Hochburg der Brieftaubenzucht: in Gelsenkirchen.

Gemeinnützig

In Deutschland werden Brieftaubenflüge und -versteigerungen zu gemeinnützigen Hilfsmaßnahmen genutzt. Die Erlöse werden etwa an die „Aktion Mensch“ weitergeleitet – in den vergangenen 40 Jahren rund acht Millionen Euro. Seit 2008 werden die Spenden vom Prof. Dr. Kohaus-Förderverein gesammelt und von dort aus an karitative Einrichtungen und an Projekte zur Förderung des Brieftaubensports verteilt.

18.9.: Brieftaubenflug-Ruhr.2010, 18./19.9.: Tage der offenen Tür, Katernberger Straße 115, Essen

http://www.brieftaube.de

Quelle: wa.de

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