Der "Möbelflüsterer" aus Ennigerloh

Jürgen Grabowski: Der Mann, der mit den Möbeln spricht

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Seit zwölf Jahren ist Jürgen Grabowski vor allem im Münster- und Rheinland als "Möbelflüsterer" unterwegs. Knapp 2000 Mal wurden seiner Dienste in dieser Zeit in Anspruch genommen.

ENNIGERLOH - Jürgen Grabowski hat seinen Traumberuf vor zwölf Jahren gefunden. Oder besser, sein Traumberuf fand ihn. Der 56-Jährige, der mit seiner Ehefrau in einem schmucken Einfamilienhaus in Ennigerloh lebt, nennt sich "Möbelflüsterer", und laut seiner Visitenkarte ist er "einzigartig in Deutschland". Das dürfte stimmen, denn auf die Idee, mit dem Verrücken von Einrichtungsgegenständen anderer Leute sein Geld zu verdienen, muss man erst einmal kommen.

Von Andreas Tiggemann

Doch Grabowskis Dienste sind gefragt. Knappe 2 000 Wohnungen überall in Deutschland hat er im Laufe seiner Tätigkeit schon umgeräumt. Auch eine Hotellobby war darunter.

Große deutsche Zeitungen wie Der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung haben über ihn berichtet, auch im Fernsehen war er mit seiner "Möbelflüsterei" schon zu sehen.

Der "Möbelflüsterer" schaut sich alles genau an

300 Euro kostet eine sechsstündige Sitzung mit dem "Möbelflüsterer". Die ersten drei Stunden schlagen mit je 60 Euro zu Buche, danach arbeitet Grabowski für 40 Euro in der Stunde.

Gut zu wissen

Die Kunden:

Ursprünglich ging Jürgen Grabowski davon aus, dass vor allem Menschen mit kleinerem Geldbeutel seine Dienste in Anspruch nehmen würden. Tatsächlich stellen die gehobene Mittelschicht und vermögende Menschen das Gros seiner Kunden.

Der Einsatzbereich:

Meist flüstert Grabowski im Wohn- und Essbereich, manchmal auch im Arbeitszimmer.

Das Einzugsgebiet:

90 Prozent seiner Aufträge erhält Grabowski über Empfehlungen. Seine Haupteinzugsgebiete sind das Münsterl-und das Rheinland, doch er wurde auch schon nach Frankreich und Spanien gerufen. 

Die Kosten:

Grabowski "flüstert" auf Stundenbasis. je 60 Euro kosten die ersten drei Stunden, ab der vierten kostet's je 40 Euro.

Der Kontakt:

Telefon: 0170/4157676

Hier geht es zur Internetseite des "Möbelflüsterers"

Ob Keller, Garage oder Speicher: Der "Möbelflüsterer" schaut sich den Raum, den er umgestalten soll, genau an und überlegt sich dann, wie er - ausschließlich mit den vorhandenen Möbeln - für ein "völlig neues Wohngefühl" sorgen kann.

"Ich erarbeite meine Lösung immer immer aus dem Bestand", betont Grabowski. Will heißen: Neue Möbel werden nicht angeschafft. Zum Bestand gehört in der Regel alles, was sich im Haus befindet.

"Einmal habe ich bei einem Kunden einen 248 Jahre alten französischen Schreibtisch entdeckt. Den hatte man im Keller zu einer Werkbank umfunktioniert", erzählt Grabowski und schüttelt den Kopf. "Manchmal horten die Leute wahre Schätze zuhause, ohne es zu wissen..."

Im münsterländischen Senden soll Jürgen Grabowski seiner Kundin, Dr. Anna Schönfelder, das Wohnzimmer umgestalten. Über private Kontakte war die Frau auf den "Möbelflüsterer" aufmerksam geworden.

Nun durchschreitet er den etwa 50 Quadratmeter großen Raum. Immer wieder bleibt sein Blick haften: an einem ausgestopften Fuchs vor dem Fenster, an einer großen Standuhr, die etwas verloren im Zimmer steht, an der Couchgarnitur, die "über Eck" aufgebaut wurde. Alles wirkt ein wenig zusammengewürfelt.

Hochkonzentriert geht der "Möbelflüsterer" ans Werk. Schnell sind die Teppiche eingerollt, Sessel und Stühle verrückt.

Der berufstätigen Frau war das Interieur auf Dauer zu langweilig. Ganz klar, ein Fall für den "Möbelflüsterer". Mit höchster Konzentration geht er ans Werk. Schnell ist das Zimmer geleert, sind die Teppiche zusammengerollt, Tische, Sessel, Stühle verrückt, Bilder abgehängt.

Im Haus ist es still, nur Grabowskis schweres Atmen ist zu hören. Die Kundin hat sich ins Obergeschoss zurückgezogen, der "Möbelflüsterer" braucht jetzt absolute Ruhe.

Zur "Möbelflüsterei" kam Jürgen Grabowski vor gut zwölf Jahren durch das tragische Ende einer Ehe. Ein befreundetes Paar, das sich gerade ein neues Haus gekauft hatte, trennte sich, weil der Mann sich urplötzlich in eine andere Frau verliebt hatte. Die vollkommen aufgelöste zurückgelassene Ehefrau und Mutter zweier kleiner Kinder bat Grabowski, ihren Umzug in das neue Haus zu organisieren.

Bis dahin war Grabowski in der Modebranche tätig gewesen. Doch er war unzufrieden, wollte etwas Neues versuchen und war zu dieser Zeit auf der Suche nach einem neuen Betätigungsfeld. So ging er bei der sitzengelassenen Freundin frisch ans Werk und machte mit vielen pfiffigen Ideen aus ihrem dunklen Fachwerk-Bauernhaus, das sie sich mit ihrem Mann gekauft hatte, ein lichtdurchflutetes Schmuckstück, das er auch noch komplett einrichtete - mit den vorhandenen Möbeln, versteht sich.

Als er der Frau schließlich das Ergebnis präsentierte, flossen die Freudentränen in Strömen - und Jürgen Grabowski hatte seine Berufung gefunden. "Ich wusste sofort, dass ich das zu meinem Beruf machen würde", erinnert er sich. Seinen ersten Kundenkreis erarbeitete Grabowski über Mundpropaganda.

Der "Möbelflüsterer" verrät im Vorfeld nichts

Dr. Anna Schönfelder weiß nicht, was sie erwartet. Der "Möbelflüsterer" verrät im Vorfeld nämlich nicht, wie er die Umgestaltung plant. "Wenn ich vorher alles preisgebe, schickt man mich womöglich weg und macht es hinterher selbst - mit meinen Ideen. Das Risiko ist mir zu groß", sagt Jürgen Grabowski.

Vorher: Das Wohnzimmer von Dr. Anna Schönfelder wirkt ein wenig zusammengewürfelt. Der Kundin war das zu langweilig. (hier klicken zum Vergrößern)

Natürlich findet ein ausführliches Gespräch statt. Das gehört zur "Möbelflüsterei" dazu. Grabowski lotet den Geschmack, die Vorstellungen und Vorlieben seiner Kunden genauestens aus. Sogar die Geschichte der Möbel ist wichtig, vielleicht handelt es sich um Erbstücke oder Geschenke.

Sollte seine Arbeit nicht gefallen, hat Jürgen Grabowski stets Alternativen parat. "Aber meistens treffe ich ins Schwarze", sagt er. "Das Wichtigste bei der Möbelflüsterei sind nun einmal die Kunden. Wenn ich wieder weg bin, sollen sie sich wohlfühlen."

Von handwerklichen Arbeiten lässt er die Finger. Falls notwendig, werden die von Fachleuten erledigt. "Ich habe dafür zwei linke Hände."

Nach ein paar Stunden ist das Werk im Haus von Dr. Anna Schönfelder vollbracht. Der "Möbelflüsterer" ist zufrieden, das Ergebnis ist verblüffend. Das Wohnzimmer wirkt tatsächlich deutlich luftiger, moderner, irgendwie aufgeräumter.

Nachher: Der "Möbelflüsterer" hat mit seinen Ideen für ein neues Wohngefühl gesorgt. (hier klicken zum Vergrößern)

Fast alles hat einen neuen Platz. Über der Sitzgarnitur, die Grabowski neu angeordnet hat, hängt nun ein abstraktes Bild, das die letzten Jahre offenbar auf dem Dachboden des Hauses verbracht hat, bis er es fand. "Das passt doch wunderbar hierhin", sagt Grabowski.

Die Kundin stimmt zu: "Aber eigentlich muss man es senkrecht aufhängen", sagt sie. "Das macht nichts, jetzt hängt es eben so, ist doch abstrakt", sagt der Möbelflüsterer. Vorher hing dort ein Spiegel, das Bild sieht eindeutig besser aus.

Der Fuchs wurde in den Korridor verbannt, Teppiche wurden verlegt, die Standuhr verrückt, der Esstisch umdekoriert. Anna Schönfelder ist beeindruckt: "Ich hatte ja wirklich Bedenken vorher, aber nun bin ich total begeistert."

Quelle: wa.de

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