Istanbul: Türkische Moderne im Osthaus Museum Hagen

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Neben einem Werk von Erinc Seymen steht Huma Kabakci, die Tochter des Sammlers Nahit Kabakci im Osthaus Museum Hagen.

Von Ralf Stiftel ▪ HAGEN–Die Kuh glotzt dem Betrachter selbstbewusst aus dem rosa Kreis entgegen. Erst der zweite Blick entdeckt Sultan Selim: Als Flecken auf der Flanke des Tiers. Der türkische Künstler Erinc Seymen ironisiert in seinem Mosaik aus Pailetten subtil die Tradition seines Landes. Gewiss bedeutet es Spott, wenn der strenge Herrscher und Eroberer als Tierschmuck dient. Andererseits sah Selim sich so sehr als Diener Allahs, dass er einen Ohrring trug wie Sklaven und Knechte. Und die Kuh wird nicht nur in Indien als heiliges Tier verehrt. In seinem Witz wie seiner Umsetzung ist das unbetitelte Werk von 2008 ein sehr zeitgemäßer Beitrag türkischer Gegenwartskunst.

Von dieser Kunst weiß man hierzulande wenig – obwohl Türken doch im deutschen Alltag sehr präsent sind. Die Kulturhauptstadt ermöglicht nun ein ambitioniertes Projekt des Hagener Karl Ernst Osthaus Museums. Es zeigt einen Querschnitt türkischer Kunst von den 1950er Jahren bis heute. Die Ausstellung „Istanbul“ ist die erste Schau dieser Art in Europa, unterstreicht Museumsdirektor Tayfun Belgin. Sie stellt die Sammlung Huma Kabakci vor, die der Istanbuler Bauunternehmer Nahit Kabakci seit den 1970er Jahren zusammengetragen hatte und die nach der 20-jährigen Tochter benannt ist. Mit rund 110 Gemälden von 50 Künstlern und rund 60 Fotos des Magnum-Mitglieds Ara Güler bekommt der Besucher einen Querschnitt der modernen Tendenzen am Bosporus. Mit erstaunlichen Einsichten.

Gerade die frühesten Exponate aus der Nachkriegszeit könnten auch aus Deutschland oder Frankreich kommen. Die türkischen Maler folgten den internationalen Tendenzen der Zeit. Nedim Günsür zum Beispiel hatte in Paris studiert, unter anderem bei Fernand Leger, und in seiner „Abstrakten Komposition“ (1949) arrangiert er Sterne, Monde, Blüten in der Nachfolge von Matisse. Maler wie Ferruh Basaga und Fahr-El Nissa Zeid arbeiten mit dem Ausdrucksrepertoire des Informel. Gestische Malerei dieser Art gibt es bis heute, wie zwei Werke des in Lippstadt lebenden Malers Zeki Arslan von 1990 belegen. Das Türkische in dieser Kunst mag in Details aufscheinen: Eine unbetitelte Arbeit von Zeid von 1950 erinnert an orientalische Mosaike. Aber das kann auch Projektion des Betrachters sein.

Man findet schon solche Momente, gerade in den zeitgenössischen Arbeiten. Murat Morova zum Beispiel arbeitet in sein Diptychon „Vergessene Landschaft“ (2007) Stilelemente osmanischer Miniaturmalerei und arabischer Kalligraphie ein. Hier kommt auch die Gegenwart vor wie in Kezban Arca Batibekis Bildern: Die Malerin zeigt eine „Frau, namenlos“ (2008) als Augenpartie unter der Burka, schildert eine Ballerina mit verklebtem Mund: „Sag nichts“ (2007) – Reflexe auf eine patriarchisch geprägte Gesellschaft. Die Künstlerin Ardan Özmenoglu schreibt mit lila Neonröhren: „Cumaya gittim gelicem“ (2008). Es ist eine gängige Notiz in Geschäften in der Nähe von Moscheen: „Bin eben zum Freitagsgebet“. Als Dauerbotschaft ohne aktuellen Anlass zeugt diese Arbeit von souveränem Humor – der im Herbst verstorbene Sammler liebte das Werk sehr.

Gleich 15 Bilder sind von Güclü Öztekin zu sehen, einem 1978 geborenen Maler, der grafisch eingängige, von Pop-Art inspirierte Werke schafft, die sich nahtlos in die globalen Tendenzen der Kunst einfügen. Der „Angestellte“ (2007) hat Köpfe als Ohren, was auf einen anpassungswilligen Charakter schließen lässt. Als „Tier“ (2008) schießt ein Flugzeug aggressiv mit den Sonnenstrahlen aus dem Bild.

Ein besonderer Genuss sind die Fotos von Ara Güler, der in klassischem Schwarz-Weiß den Modernisierungsprozess der Millionen-Metropole Istanbul begleitete. Motive wie das Pferdefuhrwerk, das die Straßenbahn aufhält (1956), sind Klassiker. Nun kann man diese wunderbar malerischen Impressionen auf großen Abzügen genießen.

Istanbul im Karl Ernst Osthaus Museum Hagen, danach in Goslar und in Pecs, der ungarischen Kulturhauptstadt. Eröffnung 8.5., 16 Uhr, bis 25.7., di – fr 10 – 17, sa, so 10 – 18 Uhr, Tel. 02331/ 207 31 38,

http://www.osthausmuseum.de

Katalog, Edition Braus, Heidelberg, 24,95 Euro.

Quelle: wa.de

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