Großes Treffen in Lille / Teilnehmer aus NRW, Polen und Frankreich

Internationaler Jugendgipfel: Aufräumen mit Vorurteilen

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Julius Niggemeyer (19, Mitte) aus Hagen und andere Jugendliche aus NRW sprachen in Lille mit NRW-Europastaatssekretär Mark Speich (rechts).

NRW/Lille - 15 junge Menschen aus Nordrhein-Westfalen haben sich in Frankreich mit ebenso vielen gleichaltrigen Franzosen und Polen über Fake News ausgetauscht. Ein Ergebnis des Internationalen Jugendgipfels in Lille: Dass alle Deutschen Lederhose tragen, ist falsch. Doch es ging um mehr.

Es ging nicht nur um Vorurteile, sondern auch um Politik und Erinnerung. Der Jugendgipfel wird seit 2001 jährlich von den Partnerregionen NRW, Schlesien und Hauts-de-France organisiert. In Lille schlugen die 45 Teilnehmer aus den drei Ländern den Bogen von der Kriegs-Propaganda 1918 zu den Fake News 2018. „Am meisten beeindruckt hat mich der Ausflug zum Ring der Erinnerung“, bilanziert Anna Schmidt (19) aus Beckum.

Dieses Denkmal auf einem Soldatenfriedhof in Nordfrankreich erinnert an 600.000 Gefallene des ersten Weltkriegs. „Alle diese Namen dort zu lesen, das war schlimm“, sagt die junge Frau aus Westfalen. Im Gespräch miteinander sowie mit Politikern und Journalisten erarbeiteten die Jugendlichen in Lille Strategien zum Erkennen und zum Umgang mit gefälschten Nachrichten, zum Beispiel in sozialen Netzwerken.

„Es war sehr spannend, die Perspektiven aus anderen Ländern kennen zu lernen“, sagt Julius Niggemeyer (19) aus Hagen. Schön fand er auch, dass der Austausch nicht in den Workshops endete, sondern in der Freizeit weiterging. Er habe sich zum Beispiel sein Zimmer mit einem Franzosen geteilt. Auch den Sieg der französischen Mannschaft bei der Fußball-WM hätten Deutschen und Franzosen gemeinsam gefeiert.

Die polnische Gruppe stieß erst später dazu, trug dann aber auch ihren Teil zur Gemeinschaft bei. Die Polen hatten für ihr Land typische Süßigkeiten dabei und brachten Deutschen und Franzosen einen traditionellen polnischen Tanz bei. „Das hat riesigen Spaß gemacht“, sagt Julius Niggemeyer.

Anna Schmidt (19) aus Beckum räumte beim Jugendgipfel mit Vorurteilen gegen Deutsche auf.

Auch Anna Schmidt hat die Gruppendynamik gefallen. „Wir haben uns fast jeden Abend mit Teilnehmern aus allen drei Ländern getroffen“. Häufige Vorurteile von Polen und Franzosen seien gewesen, dass alle Deutschen Lederhose tragen, ordentlich und pünktlich sind. Diese habe man widerlegen können.

„Ich komme auch schon mal fünf Minuten zu spät“, gibt die Beckumerin lachend zu. Die Verständigung habe gut geklappt, alle hätten Englisch gesprochen – bis auf eine junge Französin. Das bekannte Klischee der Fremdsprachen hassenden Franzosen? Ebenfalls nur Fake News...

Am Freitag kamen die jungen Gipfel-Teilnehmer im Plenarsaal der französischen Region Hauts-de-France mit Politikern der drei Partnerregionen zusammen. Dort, wo sonst unter anderem Marine Le Pen, die Chefin der rechtsnationalen französischen Partei Rassemblement National als regionale Abgeordnete tätig ist, präsentierten die jungen Menschen den Staatsvertretern die Ergebnisse ihrer Arbeit – und teils auch kritische Fragen.

Zum Beispiel verlangten sie Auskunft darüber, wie die Regionen die Bildungspolitik verbessern wollen, um die kritische Urteilsfähigkeit von Schülern zu verbessern. Malgorzata Ochedusko-Ludwik aus der Direktion der Woiwodschaft Schlesien sieht ihre Hände da unter der nationalkonservativen polnischen Regierung aktuell gebunden.

Im Gegenteil, berichtete sie, werde in manchen polnischen Schulbüchern die Geschichte derzeit umgeschrieben, zum Beispiel durch gezieltes Weglassen. Die Polin forderte die Jugendlichen auf, selbst politisches Engagement zu entwickeln und vor allem auch häufiger wählen zu gehen.

NRW-Europastaatssekretär Mark Speich erklärte, er setze darauf, dass neue Technologien zum Beispiel im Bereich Spracherwerb den Lehrern mehr Freiräume bieten können, um Inhalte mit den Schülern kritisch zu diskutieren. Dafür seien die Lehrpläne derzeit zu eng, gab er zu. Der Politiker stand den Jugendlichen auch nach dem offiziellen Teil des Treffens noch für Gespräche zur Verfügung, zumindest bis er zum Bahnhof aufbrechen musste, um seinen Zug zu kriegen.

Noch ein Ergebnis des Jugendgipfels: Manche Deutsche mühen sich eben doch um Pünktlichkeit. Die beiden jungen Westfalen Anna Schmidt und Julius Niggemeyer sahen bei der Abreise des Staatssekretärs allerdings schon alle ihre Fragen beantwortet. Mit ihren neuen Bekannten aus Polen und Frankreich wollen sie künftig in Kontakt bleiben, über soziale Medien – und vielleicht auch persönlich bei einem weiteren Treffen in NRW. Dort findet 2019 der nächste Jugendgipfel statt.

NRW-Europastaatssekretär Mark Speich im Interview

In der französischen Stadt Lille hat NRW-Europastaatssekretär Mark Speich die weitere Zusammenarbeit zwischen der Woiwodschaft Schlesien (Polen), der Region Hauts-de-France (Frankreich) und dem Land NRW besiegelt. Die Partnerschaft besteht seit 2001. Die Regionen arbeiten insbesondere mit Jugendaustauschen, kulturellen Projekten und dem Expertenaustausch auf dem Gebiet des Strukturwandels eng zusammen. Was das bringt, erklärt Staatssekretär Speich im Gespräch.

Dr. Mark Speich ist NRW-Europastaatssekretär.

Auf nationaler Ebene sind die Beziehungen im Weimarer Dreieck zwischen Deutschland, Frankreich und Polen unterkühlt. Wie ist die Stimmung zwischen den Regionen? 

Mark Speich: NRW, Hauts-de-France und Schlesien haben ihre 2001 beschlossene trilaterale Zusammenarbeit jetzt zum dritten Mal förmlich erneuert. Das ist ein sehr positives Zeichen und beweist, dass es hier unabhängig von der politischen Großwetterlage große Kontinuität gibt. Auf regionaler Ebene, wo man sich länger kennt und auf vielen Gebieten zusammenarbeitet, gelingt sachlicher und offener Dialog besonders gut. Es ist wichtig, auch bei kontroversen Themen im Dialog zu bleiben. Angesichts der zahlreichen Herausforderungen auf der zwischenstaatlichen Ebene gehe ich davon aus, dass die regionalen und sub-nationalen Beziehungen künftig insgesamt an Bedeutung gewinnen werden. Wir haben in unserer Zusammenarbeit im regionalen Weimarer Dreieck feste Aktivitäten etabliert, die wir für die nächsten Jahre auch beibehalten: eine Jugendbegegnung, ein Künstlerprojekt und einen Expertenaustausch auf dem Gebiet des Strukturwandels. Begleitet wird das von verstärkten Bemühungen, den Austausch der Jugend zu fördern – gerade auch im Bereich der beruflichen Bildung.

Wie profitiert NRW vom Austausch der Regionen?

Speich: NRW, Schlesien und Hauts-de-France teilen die gemeinsame Geschichte als Montanregionen und stehen alle drei vor den Herausforderungen des Strukturwandels, die wir gemeinsam angehen wollen. Uns verbindet auch die Migrationsgeschichte, denn viele Bergarbeiter, die im 19. Jahrhundert aus Oberschlesien nach NRW gekommen sind, zogen nach dem ersten Weltkrieg weiter nach Nordfrankreich. Dieses gemeinsame Erbe ist ein Stück Europa. Durch unsere Kooperation machen wir es erfahrbar und entwickeln es weiter. Unsere Jugendlichen und unsere Kunstszene profitieren von diesen europäischen Netzwerken. Viele Kontakte, die über das Regionale Weimarer Dreieck geschlossen wurden, führen zu Folgeprojekten und auch langjährigen Freundschaften. Gemeinsam ist uns die Überzeugung, dass wir uns nicht damit begnügen können, die Erinnerungen an eine große industrielle Vergangenheit zu pflegen. Der Aufbruch in neue wirtschaftliche Wachstumsfelder mit neuen Beschäftigungsmöglichkeiten ist für alle drei Regionen von größtem Interesse. Hier profitieren wir vom gemeinsamen Erfahrungsaustausch. Es gibt in NRW 64 Städtepartnerschaften mit Hauts-de-France, 7 davon mit Beteiligung von Kommunen aus Schlesien. Aus Schlesien stammt die zweitgrößte Gruppe polnischer Firmen in Nordrhein-Westfalen – und das ist ein sehr dynamisch wachsendes Feld. Alle drei Regionen sind für ihre Staaten weiterhin wichtige Industriestandorte.

In Lille treffen sich 45 junge Deutsche, Franzosen und Polen. Was können Politiker von ihnen lernen? 

Speich: Viele Herausforderungen, vor denen wir gesellschaftspolitisch stehen, sind ohne Dialog und Mitwirkung junger Menschen über nationale Grenzen hinweg gar nicht lösbar. Dazu gehört auch das diesjährige Thema der trilateralen Begegnung in Lille – wie sollen wir dem Phänomen der Fake News begegnen? Ist ein Verbotsgesetz, wie in Frankreich derzeit diskutiert, der richtige Weg? Was kann die Politik auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene sonst tun? Vor zwei Jahren behandelten die Jugendlichen das Thema Flucht und Vertreibung. Auch das beschäftigt Europa weiterhin und auch hier setzen wir weiterhin auf das Engagement junger Menschen. Hier in Lille beeindruckt mich, mit welcher Reife, Neugier und Empathie die Teilnehmer des Jugendgipfels miteinander diskutieren. Diese offene Haltung braucht auch die Politik. 

Quelle: wa.de

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