Interview

InnovationCity-Manager Burkhard Drescher: "Klimaschutz beginnt unten"

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„Deutschland ist gebaut“: ICM-Geschäftsführer Burkhard Drescher (68) plädiert für eine energetische Sanierung des bestehenden Gebäudebestandes im Land.

2010 wurde Bottrop zur Innovation City ausgerufen, einem Experimentierraum für einen klimagerechten Stadtumbau. Gut zehn Jahre später zieht der Geschäftsführer der Innovation City Management GmbH Burkhard Drescher eine positive Bilanz. 

Bottrop – Burkhard Drescher kommt täglich mit seinem E-Auto ins Büro nach Bottrop. Dieses Fahrzeug möchte er nicht mehr missen, zumal „die Ladesäule hier um die Ecke fast immer frei ist“, wie der 68-jährige Geschäftsführer der Innovation City Management (ICM) GmbH in Bottrop bemerkt. Diese wurde 2010 gegründet und hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, im Pilotgebiet in der Bottroper Innenstadt den Ausstoß des klimaschädigenden CO2 innerhalb von zehn Jahren um 50 Prozent zu verringern. Wenige Monate vor Ablauf der Frist sprach Jens Greinke mit Burkhard Drescher über die in Bottrop gemachten Erfahrungen in Sachen Klimaschutz.

Mögen Sie eigentlich Greta Thunberg?

Drescher: Ja, doch. Ich denke, dass es erstaunlich und auch erfreulich ist, dass sich so viele junge Menschen engagieren und etwas bewegen wollen. Unabhängig von Greta Thunberg. Ich sehe darin eine Chance für unsere Demokratie. Man dachte ja immer, dass die jungen Leute nichts mit Politik zu tun haben wollten. Der Vergreisungsprozess vom Kommunalparlament bis hin zum Bundestag nimmt zu. Deshalb stellen diese engagierten jungen Leute ein riesiges Potenzial dar. Alle Parteien wären gut beraten, die Tore ganz weit zu öffnen, um diese Menschen aufzunehmen. Ich halte unsere Demokratie manchmal bereits für recht wackelig, weil zu wenige Leute bereit sind, mitzuwirken. Da ist die aktuelle Bewegung eine riesige Chance, die Demokratie neu aufzurollen und zu festigen – unabhängig vom Umweltschutz.

Ein typische Zechenhaus-Siedlung in Bottrop.

Wie ergeht es Ihnen, wenn Sie die Forderungen von Fridays for Future heute hören? Schließlich setzen Sie sich bereits seit Jahrzehnten für den Umweltschutz ein. Fühlen Sie sich da manchmal auch ein wenig ungerecht behandelt?

Drescher: Ja, kann man so sagen. Wir haben hier mit der InnovationCity ein Projekt, das seit zehn Jahren läuft und das einen Laborstatus hat. Wir haben bestimmte Instrumente entwickelt, die erstaunlicherweise funktionieren. Wir werden unser Ziel, 50 Prozent des CO2-Ausstoßes in Bottrop innerhalb von zehn Jahren einzusparen, erreichen, davon gehe ich jedenfalls stark aus. Dabei geht es für die Bürger nicht darum, Verzicht zu üben. Wir haben Methoden entwickelt, die einerseits CO2 einsparen und andererseits die Lebensqualität steigern. Das ist das Problem, was ich bei Fridays for Future sehe. Es bringt nichts, keine Kassenzettel an der Bäckerei mehr auszugeben. Es bringt auch nichts, den weltweiten Flugverkehr zu unterbinden. Aber: Der Bund könnte – wenn er wollte – von uns lernen und seine Förderstrategie gezielter einsetzen und tatsächlich erreichen, dass sich unsere Städte klimagerecht umbauen und sich gleichzeitig ein volkswirtschaftlicher Effekt dabei entwickelt. Aber wir treffen immer wieder auf verkrustete Beraterstrukturen in den Bundesministerien. Auch die Energiewirtschaft in Deutschland tritt da immer wieder als Bremse auf. Aber wir geben nicht auf.

"Klimaschutz hat nichts mit Verzicht zu tun"

Sie könnten sich das Ruhrgebiet also in einer Art Vorreiter-Rolle vorstellen?

Drescher: Ja. Früher waren wir die Energieschmiede, die Stahlschmiede Europas. Wenn man nun eine Zukunftsvision entwickeln wollte, könnte man die Themen klimagerechter Stadtumbau und Energiewende zum Mittelpunkt des politischen Handelns machen. Wir haben hier in Bottrop gelernt. Vor allem, dass Klimaschutz nichts mit Verzicht zu tun hat. Kein Auto mehr fahren, keine Würstchen mehr grillen, im Winter in der kalten Wohnung sitzen – so ein Quatsch. Wir haben genug Energie. Wir können stundenlang duschen, wenn man es richtig organisiert. Wir könnten den Gebäudebestand in der Republik durchmodernisieren. Da müssen wir ansetzen, denn Deutschland ist schließlich schon gebaut. Wenn in Berlin die Vorschriften für Neubauten verschärft werden und sich gleichzeitig die Mieten erhöhen, weil das Bauen teurer wird, hat das mit Klimaschutz nichts zu tun. Ganz ehrlich: Die 200 000 Gebäude, die jedes Jahr neu entstehen, sind eine Winzigkeit in Relation zum Gebäudebestand. Der Deutsche Städtetag hat in seinen Stellungnahmen zum Klimagesetz immer geschrieben: Gestaltet die Förderung nach dem Vorbild InnovationCity. Aber das prallt an den Lobby-Mauern rund um Berlin offensichtlich ab. Wir werden in zwei Jahren sehen, dass das ganze Klimagesetz für die Tonne ist, weil hier die falschen Instrumente eingesetzt werden.

Was läuft beim Klimaschutz in Deutschland schief?

Drescher: Alle denken an den Klimaschutz von oben. Klimaschutz funktioniert aber nur von unten. Die gesamte Förderung von energetischer Modernisierung wird jetzt über die Bafa (Anm. der Redaktion: Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle) oder die KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) organisiert. Es ist absurd zu glauben, dass ein Call Center in Berlin oder wo auch immer die Menschen von Garmisch-Patenkirchen bis nach Kiel richtig beraten kann. Dann wurde verkündet, dass es 40 Prozent Zuschuss gibt, wenn ein Hausbesitzer seine Ölheizung ersetzt. Die 40 Prozent gibt es aber nur dann, wenn er regenerative Energien einsetzt wie beispielsweise eine Wärmepumpe. Aber eine Wärmepumpe können Sie in ein bestehendes Gebäude meist gar nicht einbauen, weil diese nur mit einer Fußbodenheizung im Niedertemperaturbereich funktioniert. Das heißt: neue Böden, neuer Estrich, neue Türen – da sind Sie schnell 100 000 Euro los. Und bekommen 2000 Euro Zuschuss. Das sind die praktischen Beispiele, an denen ich mich immer reibe. Eine machbare Alternative wären beispielsweise Gasbrennwert-Thermen, die aus ökologischer Sicht ebenfalls weit besser wären als Ölheizungen – und für den Verbraucher auch direkt 30, 40 Prozent an Einsparungen pro Jahr mit sich bringen. Aber diese Lösung ist in Berlin nicht erwünscht, weil sie nicht modern genug scheint wie die Wärmepumpen. Ich störe mich einfach daran, dass man sich in der Politik regelmäßig den fachlichen Erkenntnissen verschließt.

"Die Fridays for Future sind keine Eigenheimbesitzer"

Wo setzen Sie an?

Drescher: Es ist machbar, die Leute davon zu überzeugen, auch ohne staatliche Förderung auf umweltschonende Methoden umzusteigen – und zwar über den Hebel der Kostenersparnis. Nur das funktioniert. Die Fridays for Future sind noch keine Eigenheimbesitzer. Aber wenn sie mal so weit sind, werden auch sie überlegen, ob es sich für sie rechnet. Und das ist unsere Grundaussage: Klimaschutz rechnet sich. Energieeinsparung rechnet sich. Elektroautofahren rechnet sich.

Welche Erfahrungen haben Sie während der neun Jahre gemacht?

Drescher: In vielen Fördermethoden existieren Fehllenkungen, die nicht zum Ziel führen. Wir haben eigene Energieberater mit eigenen Strategien, die individuell beraten. Der Katalysator für den Klimaschutz ist das Einsparen von Geld. Wir haben in unserem Pilotgebiet, der Kernstadt von Bottrop, rund 10 000 Gebäude in Einzel-Eigentümerschaft. Rund 25 Prozent der Einzeleigentümer waren bei uns in der Beratung, von ihnen haben wiederum gut 40 Prozent unsere Vorschläge umgesetzt. Einige fangen erst einmal mit einer neuen Heizung an und tauschen später vielleicht mal die Fenster aus. Seit 2014 haben wir ein Fördersystem über den Städtebau eingeführt, bei dem die Förderung exakt so hoch ist wie die CO2-Einsparung. Wenn also jemand seine Fenster austauscht, spart das vielleicht zehn Prozent an CO2 ein. Das heißt: Dafür gibt es zehn Prozent Zuschuss von der Stadt. Die aktuellen Zahlen: Wir haben 740 Gebäude gefördert mit rund zwei Millionen Euro Fördergeld von der Stadt. Und damit ein Investment von 15,6 Millionen Euro ausgelöst. So ist es auch ein großes Konjunkturprogramm für die Stadt. Dabei haben wir 2,5 Millionen Tonnen CO2 eingespart pro Jahr, das sind rund 20,3 Prozent nur bei den privaten Hausbesitzern. Hinzu kommen ja noch die Wohnungsgesellschaften oder die Industriebetriebe wie beispielsweise unsere Kläranlage.

"Die Warmmiete in Deutschland einführen"

Beim Eigenheimbesitzer funktioniert Ihre Förderung gut. Wie sieht es mit Vermietern aus?

Drescher: Der Eigenheimbesitzer spürt den finanziellen Vorteil direkt. Der Vermieter hat zunächst einmal nichts von einer energetischen Modernisierung, davon profitiert zunächst nur der Mieter, weil er Energiekosten spart. Die Nettokaltmiete bleibt. Der Vermieter kann die Modernisierung nur refinanzieren, wenn er die Nettokaltmiete erhöht. Das wollen viele nicht, weil es oft schwer umzusetzen ist – gerade wenn man langjährige Mieter hat. In Schweden gibt es beispielsweise die Warmmiete. Wenn dort der Eigentümer in eine energetische Modernisierung investiert, spart der Vermieter Energiekosten und kann damit die Investitionen finanzieren. Das funktioniert bei uns nicht, weshalb die energetische Sanierung auch ins Stocken geraten ist. Der soziale Druck ist derzeit zu hoch, um zu investieren und danach die Mieten zu erhöhen. Deshalb lautet eine meiner Forderungen, die Warmmiete auch in Deutschland einzuführen.

Wo steckt im Wohnungsmarkt das größte Potenzial für Einsparungen beim CO2-Ausstoß?

Drescher: Die Wohnungsbaugesellschaften besitzen nur unter 20 Prozent der gut 19 Millionen Wohngebäude in Deutschland. Das größte Potenzial steckt bei den Einzeleigentümern. Und die erreiche ich nur, wenn ich mit ihnen kommuniziere. Wir haben jetzt gut 3800 Energieberatungen gemacht. Es muss sowohl im städtischen als auch im ländlichen Bereich eine Energieberatung zur Verfügung stehen, die jeden individuell berät. Wenn unten angesetzt wird, ist es egal, ob es sich um Berlin oder eine Gemeinde im Sauerland handelt.

Was halten Sie vom Klimanotstand, den einige Städte in NRW ausgerufen haben?

Drescher: Das ist für mich politische Selbstbefriedigung. So etwas ist schnell im Rat einer Stadt entschieden. Die sehen die jungen Leute, die auf Klimaschutz pochen. Und dann wird mal eben der Klimanotstand ausgerufen. Ich frage nur: Und danach? Es ist für mich eine populistische Maßnahme. Wer den Klimanotstand ausruft, muss auch etwas für den Klimaschutz tun und entsprechende Maßnahmen ergreifen.

Quelle: wa.de

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