Impressionisten-Schau „Bilder einer Metropole“ im Museum Folkwang Essen

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Die Freuden der Metropole bei schlechtem Wetter: Gustave Caillebottes Gemälde „Straße in Paris an einem Regentag“ (1877) kommt aus Chicago nach Essen.

Von Ralf Stiftel ▪ ESSEN–Selbstsicher flaniert das junge Paar durch die Stadt. Der Regen hindert sie nicht, nicht nur, weil sie einen großen Schirm haben, sondern auch, weil gepflasterte Straßen und Bürgersteige existieren. Kein Schlamm ist mehr da, in dem man versinken könnte. Für die Nacht sorgt die Gaslaterne für Licht. Und die großzügigen Straßenfluchten zeigen, dass wir in einer Weltstadt sind. Gustave Caillebotte malte 1877 die „Straße in Paris, an einem Regentag“, und es ist ein Manifest der neuen Zeit, obwohl das Wetter schlecht ist.

Das Bild mit seinen fast lebensgroßen Figuren gehört zu den Prunkstücken der Ausstellung „Bilder einer Metropole – Die Impressionisten in Paris“, die von Samstag an im Museum Folkwang in Essen zu sehen ist. Die ambitionierte Schau ist ein Beitrag zum Kulturhauptstadtjahr, und mit ihrer Fülle an kostbaren Leihgaben wird sie sicher ein Publikumsmagnet sein. Eine Reihe von Bildern wurde noch nie ausgeliehen, darunter Caillebottes Meisterwerk aus dem Art Institute of Chicago, aber auch Renoirs berühmte Szene „Tanz im Moulin de la Galette“ (1876) aus dem Musée d‘Orsay in Paris und Manets Bild „Eisenbahn“ (1873) aus der National Gallery in Washington. Doch das Haus trumpft nicht einfach mit solchen Ikonen der Moderne auf. Die von Francoise Cachin, der Gründungsdirektorin des Musée d‘Orsay, und Francoise Reynaud vom Musée Carnavalet kuratierte Ausstellung verfolgt mit rund 80 Gemälden und 120 zeitgenössischen Fotos ihr Thema mit beeindruckender Stringenz. Und viele Werke stammen von eher unbekannten Malern, fangen aber das Kolorit der Umbruchszeit prägnant ein.

Die Schau umspannt die Zeit von 1860 bis 1900, in der Napoleon III. und sein Präfekt Georges-Eugène Haussmann die Stadt radikal erneuerten. Aus einer im Grundriss noch mittelalterlichen Stadt machten sie eine Metropole mit Boulevards und Grünanlagen, mit Straßenbeleuchtung, Bahnhöfen, Metro, Kanalisation. In dieser Zeit wurden vier Weltausstellungen ausgerichtet, der Eiffelturm, die Oper und Sacre-Coeur gebaut. Museumsdirektor Hartwig Fischer sieht in dieser Epoche, die Paris ein Jahrhundert lang prägte, einen Modellfall für die Metropolenbildung. Man erkenne daran, wie städtisches Leben inszeniert wurde und welche Rolle die Künste dabei spielen, führt er aus, was durchaus lehrreich für eine mögliche Metropole Ruhr im 21. Jahrhundert sein könne.

Die Maler und die Fotografen begleiteten diesen Umbruch, der ohne Rücksicht auf die vorhandenen Strukturen geschah. Dabei behandeln beide Medien ihr Sujet sehr unterschiedlich. Die urbanen Strukturen findet man vorzugsweise bei den grandiosen historischen Fotos zum Beispiel von Eugène Atget, Charles Marville, Louis-Emile Durandelle und anderen. Die Technik ließ damals noch keine Aufnahmen mit bewegten Menschen zu. Also gingen sie bevorzugt in die Totale, zeigen die monumentalen Baustellen zum Beispiel des Eiffelturms und der Oper, die modernen Hallen der Bahnhöfe, die Teerfabrik der Pariser Gesellschaft für Gasbeleuchtung und -heizung, aber auch die gewundenen Gassen des alten Paris, die der Stadterneuerung zum Opfer fielen. Erst gegen 1900 widmet sich Louis Vert in einer Serie den Pariser Kleingewerben wie dem Sprenger mit Spritzdüse und dem Verkäufer von Stadtplänen. Wunderbar suggestiv sind stereoskopische Aufnahmen, durch die man mit Guckgläsern in der Wand räumliche Eindrücke der Zeit bekommt.

Die Malerei hingegen widmete sich durchaus dem brausenden Leben jener Epoche. Die neue Zeit war erfüllt von Vergnügungen, wie ja Renoirs Bild vom Tanz im Freien eindrucksvoll unterstreicht. Nicht nur die französischen Maler feierten das bunte Leben. Auch Adolph Menzel zeigt den „Pariser Wochentag“ (1869), und der Norweger Edward Munch zeigt 1891 den Blick auf die Rue Lafayette ganz ähnlich wie Camille Pissarro mit seinen populären Stadtansichten, die aus London und Los Angeles an die Ruhr kamen. Auch der Russe Ilja Repin und der Brite John Singer Sargent malten die Stadt im Wandel.

Die Architektur und die Technik rücken weniger in den Blick als bei den Fotografen. Vincent van Gogh malt eine Brücke mit der darüber fahrenden Eisenbahn und die Fabriken in der Vorstadt Clichy. Paul Signac zeigt die Gasometer in Clichy. Aber das bleiben Elemente in der Landschaft. Oft hat man den Eindruck, dass die Maler sich einfach faszinieren ließen. Louis Béroud schilderte die Kuppel der Weltausstellung 1889 als exotisches Treiben mit Orientalen. James Jacques Joseph Tissot lädt sein Bild „Die Sportliebhaberinnen“ (1885) aus einem Varieté mit unübersehbarer Sinnlichkeit auf.

Eher selten sind melancholische oder kritische Momente. Manet zeigt im Bild „Der Pflaumenschnaps“ (1878) eine einsame Trinkerin. Und wenn er den nationalstolzen Flaggenschmuck in der Rue Mosnier (1878) malt, dann setzt er in den Vordergrund einen Krüppel an Krücken. Ein Veteran aus dem verlorenen Krieg von 1870/71? Für den Aufstand der Kommune ist eher die Fotografie zuständig, die Barrikaden überliefert und einen Blick auf die gestürzte Vendôme-Säule. Aber André Devambez malt um 1902 auch den „Angriff“ der Polizei auf eine demonstrierende Menge. Der Umbruch gestaltete sich nicht völlig konfliktfrei.

Fest der Farbe – und eindringliche Geschichtslektion: Bilder einer Metropole im Museum Folkwang in Essen,

2.10.– 30.1.2011, di – so

10 – 20, fr bis 22.30 Uhr,

Tel. 0201/88 45 444

http://www.bildereinermetropole.de

Katalog, Steidl Verlag, Göttingen, 38 Euro

Quelle: wa.de

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