Immer mehr Städte geben Opfern der Hexenverfolgung ihre Ehre zurück

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Ein Relief der letzten Hexenverbrennung im Rheinland (1737/38) hängt in Düsseldorf-Gerresheim am Heimatbrunnen vor der Basilika St. Margareta.

KÖLN - Hexenprozesse sind in immer mehr Städten Thema. Bürger wollen die vor allem in der frühen Neuzeit als Hexen und Zauberer Verurteilten rehabilitieren, also ihre Würde wiederherstellen. Doch juristisch ist nichts zu machen: Die jahrhundertealten Urteile haben Bestand.

Rüthen hat es vorgemacht, Hallenberg und Düsseldorf haben es auch getan: Sie haben als Hexen und Zauberer verurteilte Menschen moralisch rehabilitiert. In immer mehr Stadträten und Ausschüssen in Nordrhein-Westfalen stehen Hexenverfolgungen auf der Tagesordnung. Bürger stellen Anträge auf eine sogenannte sozialethische Rehabilitierung der Verurteilten. Ihnen soll wieder Würde zuerkannt werden, wenn auch mehrere Jahrhunderte nach ihrem qualvollen Tod. Hexen und Zauberer wurden früher etwa öffentlichkeitswirksam auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

169 als Hexen und Zauberer verurteilte Frauen, Männer und Kinder aus der Region um Rüthen wurden im März dieses Jahres auf Beschluss des Stadtrates rehabilitiert. Nach Aussage von Hexenforscher Hartmut Hegeler aus Unna hatte diese moralische Wiedergutmachung eine enorme öffentliche Wirkung. Schüler aus Rüthen hatten den Stein dafür ins Rollen gebracht und ihre Stimme für die Opfer erhoben. Bürger in weiteren Städten zogen nach und stellten entsprechende Anträge – etwa in Arnsberg, Aachen, Hallenberg, Köln, Wernigerode oder Menden.

Nach Hegelers Empfinden ist damit schon eine Menge erreicht: „Die wichtigsten Leute in einer Stadt beginnen, dieses Kapitel der Geschichte aufzuarbeiten.“ Eine öffentliche Diskussion helfe, das Thema in die „Köpfe und Herzen der Menschen“ zu bringen. Der 65-Jährige ist pensionierter Pfarrer und engagiert sich im „Arbeitskreis Hexenprozesse“, einer Verbindung von Interessierten aus ganz Deutschland.

Aus heutiger Sicht seien die Urteile der Hexenprozesse nicht mehr nachzuvollziehen. „Die Menschen konnten nicht auf Besenstielen durch die Luft fliegen oder das Wetter verzaubern.“ Oftmals wurden etwa Hebammen oder Heilkundige verurteilt, aus Gerüchten entstanden Anschuldigungen – etwa, dass eine Person Tiere oder andere Menschen krank gemacht hätte. Dennoch haben die alten Urteile Bestand, wie der Jurist Professor Wolfgang Schild von der Universität Bielefeld betont. „Man darf nicht vergessen, dass die Menschen nach damals geltendem Recht verurteilt wurden. Hexerei war ein existierender Straftatbestand, auch Folter war erlaubt“, sagt der 65-Jährige. Schild lehrt Strafrechtsgeschichte und Rechtsphilosophie und beschäftigt sich mit Hexenprozessen. Eine tatsächliche juristische Rehabilitierung, also die Aufhebung der Urteile, sei deshalb nicht möglich. Was die Städte also lediglich tun können, hat vielmehr symbolischen Wert.Um einen solchen symbolischen Akt geht es auch Hexenforscher Hegeler mit seinem Bürgerantrag an die Stadt Köln. Hegeler beantragte, die als Hexe verurteilte Katharina Henot und andere Opfer von Hexenprozessen in Köln zu rehabilitieren. „Mehrere direkte Nachfahren, eine Schule, der Frauengeschichtsverein sowie Musiker der Bläck Fööss unterstützen dieses Anliegen“, sagt Hegeler. Die bekannte Kölner Band verfasste bereits 2004 ein Lied mit dem Namen „Katharina Henot“, in dem die Musiker an das Schicksal der Frau erinnern.

Ein Zeichen gegen Gewalt und Unterdrückung Andersdenkender zu setzen, ist nicht immer ein leichtes Unterfangen, wie der Fall von zwei Frauen in Düsseldorf zeigt. 1738 wurden die 15-jährige Helena Curtens und die 48-jährige Agnes Olmans im heutigen Stadtteil Gerresheim als Hexen verbrannt. Sie sollen unter anderem Hostien geschändet und Wunder vorgetäuscht haben. Ein Gedenkstein erinnert seit mehr als 20 Jahren an ihr Schicksal. Nach einem Bürgerantrag und vielen Diskussionen war sich die Bezirksvertretung des Stadtteils Gerresheim vergangene Woche einig: Sie verurteilte die Folterung und Verbrennung der Frauen auf dem Scheiterhaufen aus heutiger Sicht als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Im Rat gab es eine Schweigeminute. Auch soll ein Platz in der Stadt nach den Frauen benannt werden.

Mehr ist nach Auffassung des Juristen Schild nicht möglich. Ein Stadtrat könne maximal Bedauern ausdrücken über das Vergangene. „Mehr als ein solcher symbolischer Akt geht juristisch nicht.“ - dpa

Quelle: wa.de

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