Hochqualifizierte und Zuwanderung im Ruhrgebiet

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Prof. Dr. Anja Weiß ist Soziologin. ▪

Das Ruhrgebiet ist die einzige große Einwanderungsregion in Deutschland. 5,3 Millionen Menschen leben hier und der Begriff „Migrationshintergrund“ lässt sich über Generationen spannen. Gemeint sind Mitbürger aus Polen, aus Italien, der Türkei, vom Balkan, aus asiatischen Staaten, aus afrikanischen Ländern und vielen Lebensräumen mehr. Ist es im Ruhrgebiet so besonders angenehm, dass Menschen seit dem 19. Jahrhundert einreisen? Von Achim Lettmann

Politiker interessieren sich zunehmend für hochqualifizierte Ausländer, die vakante Stellen besetzen. Auch im Ruhrgebiet gibt es solche Stellen. Unsere Wirtschaft braucht Einwanderer, ist die aktuelle Losung – aber die richtigen. Eine Studie des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) und der Ruhr.2010 GmbH hat „hochqualifizierte Zuwanderung im Bezug zum Ruhrgebiet“ untersucht. Keiner der 20 Befragten hat sich negativ über die Lebensart und die Umgangsformen im Ruhrgebiet geäußert. Das sogenannte „Sozio-kulturelle Klima“ stimmt. Allerdings sagt Ulrike Ofner, die Verfasserin der Studie, auch: „Von dem Ziel, Stigmata zu beseitigen und sich auf gleicher Augenhöhe zu begegnen, sind wir in jedem Fall noch weit entfernt.“ Sie spricht vor allem den Arbeitsmarkt an. Einwanderer haben nach wie vor Probleme, ihren Bildungsabschluss anerkannt zu bekommen. Politikwissenschaftler und Projektleiter Claus Leggewie sieht Handlungsbedarf, die Weiterbildung und die Deutschkenntnisse bei Einwanderern zu fördern.

Wo fühlen sich Migranten wohl? Die Studie belegt nicht, das Hochqualifizierte lieber nach München und Düsseldorf gehen. Aber dort gibt es einfach mehr Jobs für die gut Ausgebildeten. Also stehen Essen und Dortmund hinten an. Die Berufsfrage ist auch bei deutschen Hochqualifizierten entscheidend, sagt die Soziologin Anja Weiß. Sie studierte in München, promovierte in Berlin und forscht seit drei Jahren an der Universität Duisburg-Essen. Die „soften Standortfaktoren“ seien bei langfristigen Ansiedlungen dennoch wichtig, so die Wissenschaftlerin. Ob die neue Heimat Theater, Oper und Kunsthalle vorhalten kann, ist das eine, aber wichtig sei vor allem, wie freundlich die Inländer zu den Neuankömmlingen sind. Die Studie hat belegt, dass es muslimischen Migranten gefällt, wenn eine Verkäuferin Pralinen ohne Schweinegelatine und Alkohol bereithält und nicht dumm schaut. Im Ruhrgebiet sind solche Zusammenhänge bekannt.

Anja Weiß, die mit Claus Leggewie zusammen das Projekt KWI-Studie leitete, weiß, dass die Behörden im Ruhrgebiet ähnlich schlechte Noten von Migranten bekommen wie im Bundesdurchschnitt üblich.

Bisher galt, Deutschland ist kein Einwanderungsland. Nun wird Einwanderung per Ausnahme genehmigt. Der Inder mit IT-Kenntnissen und Greencard werde die Stimmung in den Ämtern aber nicht verbessern, sagt Anja Weiß. Vor allem auch deshalb, weil Ausländerbehörden regional besetzt sind. Also, die Stadt, der Bürgermeister und der Behördenchef sind maßgebend für den Umgang mit Migranten. „Veränderungen müssen langwierig geplant werden“, sagt Anja Weiß und sieht gute Voraussetzungen im Ruhrgebiet: „Das Revier hat Erfahrungen mit Migranten. Das ist ein Vorteil zu anderen Regionen.“

Zum Beispiel hat die Stadt Essen eine International School eingerichtet, wo die Kinder der Hochqualifizierten unterrichtet werden. „Das muss sein“, sagt Anja Weiß. Es geht aber auch um Mitbürger mit mittleren Qualifikationen („Die können was“). Ein Beispiel ist der Existenzgründer-Wettbewerb für Migranten in Hamburg, den Aygül Özkan organisiert hat. Damals war die Migrantin noch Vorsitzende des türkischen Unternehmerverbands der Hansestadt, heute ist sie CDU-Sozialministerin in Niedersachsen – von Christian Wulff gerufen. Die Migranten erfuhren in dem Wettbewerb wie man an Kredite kommt und sie spürten, dass ihr Unternehmerwille Anerkennung findet. In Hamburg wurde das erste Hamam, ein türkisches Dampfbad, geschaffen – mehrere Arbeitsplätze entstanden. „So muss es gehen“, sagt Anja Weiß.

Es wird höchste Zeit. Einwanderung ist heutzutage heterogen. Das heißt, sie verläuft nicht in Wellen, wie zur Zeit der „Gastarbeiter“ und Spätaussiedler aus Russland und Polen. Heute kommen Flüchtlinge und qualifizierte Arbeiter, aber auch Familienzusammenführungen oder Liebesehen sind Motive für die Einreise nach Deutschland. Seit 2004 ist die Nettozuwanderung hierzulande unter 100 000 gesunken. Nur 30 Prozent der Deutschen stimmen dem Satz zu, „Einwanderer leisten einen großen Beitrag für unser Land“. In Schweden sind dies 79 Prozent der Befragten.

Deutsche hegen ein Unbehagen gegen Migranten. „Es wird diskursiv gehetzt“, sagt Anja Weiß. Und: „Es ist ein Armutszeugnis für ein Bildungssystem, wenn die Qualität von Schulen daran gemessen wird, welche ethnische Herkunft die Schülerschaft hat.“

Wie kann Einwanderung gelingen? Der Blick in die USA zeigt, dass Integration häufig ganz selbstverständlich gelingt, dass es aber auch Gruppen gibt, die dauerhaft deklassiert und schlechter behandelt werden. In Europa ist die Situation für Anja Weiß unklar. Historisch gesehen ist zum Beispiel die Intergration der „Ruhrpolen“ gelungen. Ob die Angleichungsprozesse bei Menschen mit türkischen Migrationshintergrund greifen, ist möglich, aber nicht sicher. Denn die Industriearbeitsplätze dieser Generation sind im Ruhrgebiet seit den 80er Jahren abgebaut worden. „Außerdem tut sich das deutsche Bildungssystem extrem schwer, alle Kinder gleich zu fördern“, sagt die Soziologin. „Wenn diese Gruppen auf Arbeitsplätze beschränkt bleiben, die es nicht mehr gibt, dann ist das ein Problem.“ Aber man kann auch eine andere Entwicklung nicht ausschließen, sagt Weiß: „Vor 50 Jahren waren die Italiener noch sogenannte Itaker und nun sind sie ein EU-Land, dessen Bürger allgemein geschätzt werden.“

Quelle: wa.de

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