Helios Theater in Hamm: Hellwach-Theaterfestival

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Spiele auf dem „Dach“: „Isadac & La Nouvelle Scène“ aus Marokko spielt beim Hellwach-Festival zum ersten Mal in Deutschland. ▪

Von Edda Breski ▪ HAMM–Manchmal eröffnen ganz einfache Dinge eine neue Weltsicht. Rosa Toilettenpapier zum Beispiel. Michael Lurse hat das erlebt. Und in der kommenden Woche kann auch das Publikum in Hamm und umliegenden Orten das Aha-Erlebnis teilen: Dann zeigen im Rahmen des vierten Hellwach-Festivals Truppen aus Europa und darüber hinaus, wie sie die Theaterbesucher von morgen schon jetzt an die Bühne fesseln wollen.

Ab dem 20. April präsentiert das Helios-Theater für eine Woche neue Produktionen des Kindertheaters. Von Dienstag bis Dienstag gibt es in Hamm, Bergkamen, Bönen und Selm Aufführungen. Zum ersten Mal werden Erwitte und Lünen bespielt. Im Rahmenprogramm wird das Ruhr.2010-Projekt „Pottfiction“ noch einmal vorgestellt. Teilnehmer und Organisatoren stehen zum Gespräch bereit. Und es gibt das Symposium „Next Steps“, bei dem sich Fachleute über die Zukunft des Kindertheaters austauschen. Auch die Diskussionen sind öffentlich zugänglich – wer sich also über Trends und Strömungen informieren will, kann in den Kulturbahnhof kommen.

Der künstlerische Leister des Helios-Theaters bringt den Anspruch des Ensembles an das eigene Festival so auf den Punkt: „Uns interessiert beim Theater nicht ein konventioneller Ansatz, sondern die Frage, ob der Theatermacher einen ganz eigenen Blickpunkt hat auf das, was er macht.“ Seine Kollegin Barbara Kölling betrachtet die andere Seite: den Blickwinkel der Kinder. „Wir wollen Erlebnisse bieten, die den Kindern zeigen, dass man Dinge nicht immer wie gewohnt betrachten kann, sondern auch ganz anders.“

Aus dem bonbonfarbenen Toilettenpapier macht die französische Theaterfrau Barbara Mélois in ihrem Stück „Eine kleine rosarote Geschichte“ Leute, Dinge, eine ganze Umgebung. Die Gruppe „tiyatrotem“ aus Istanbul fragt sich in ihrem Stück „Wie erzählt man das?“, das Helios-Theater selbst zeigt die Eigenkreation „Spiel der Kräfte“. „Wir haben wieder Gruppen aus dem europäischen Ausland eingeladen. Darüber hinaus setzen wir eine Entwicklung fort, die wir beim letzten Mal angedeutet haben“, erklärt Barbara Kölling: Das Helios-Theater will mehr Stücke aus dem außereuropäischen Raum zeigen. Ziel ist auch, Menschen, die in Hamm und Umgebung wohnen und aus dem außereuropäischen Ausland kommen, kulturelle Erlebnisse in ihren Heimatsprachen anzubieten. „Wir haben damit schon wunderbare Erfolge erzielt. Beim letzten Festival 2007 herrschte teilweise sogar richtige Partystimmung.“

Wichtiger Gast ist „Isadac & La Nouvelle Scène“. Isadac steht für Institut Supérieur d’Art Dramatique et d’Animation Culturelle: eine Bildungs- und Forschungseinrichtung in der Hauptstadt Rabat. „Das ist die einzige Kindertheatergruppe, die es in Marokko überhaupt gibt“, erklärt Kölling. „Sie arbeiten bislang nur in Rabat.“ Im Rest des Landes, meint die Theatermacherin, sei das gar nicht möglich, weil zu viel an Infrastruktur fehlt.

Ein weiteres Problem kommt hinzu: „Die Produktionen, die wir einladen, bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Volkstradition, Kommerz und künstlerischem Anspruch“, sagt Michael Lurse. „In Westeuropa sind viele Truppen schon sehr weit, dort hat sich in den vergangenen Jahren eine eigene Kindertheaterszene entwickelt.“ Das sei in anderen Ländern nicht unbedingt der Fall. „Viele Gruppen suchen ihren Weg noch.“

Das Theater aus Rabat hat einen Weg gefunden. Ihr Stück „Das Dach“ richtet sich an Kinder ab vier Jahren. Für eine halbe Stunde nehmen die marokkanischen Theatermacher ihr Publikum mit auf die Dächerlandschaft einer Medina, einer typischen Altstadt im arabischen Raum mit ihren engen Gassen und wie abgeschlossen wirkenden Häusern. Lebensraum sind die flachen Dächer; in den Morgen- und Abendstunden, wenn die Sonne nicht so heiß sticht, wird dort Wäsche gewaschen, geredet, gespielt.

Außereuropäisches Theater ist ein Schwerpunkt der Hellwach-Aufführungen der kommenden Woche. Außerdem setzen die Organisatoren auf Theater in den Abendstunden. „In Italien gibt es die Tradition, auch abends für kleine Kinder zu spielen“, weiß Lurse. „Da geht die ganze Familie hin und feiert ein gemeinsames Erlebnis.“ Auch Erwachsene wissen Kinder-Stücke zu schätzen. „Wir haben inzwischen viele Erwachsene, die gezielt alleine kommen, vielleicht gar keine Kinder haben“, sagt Barbara Kölling.

Für die Local-Hero-Woche wurde das Hellwach-Festival verlegt. Eigentlich wäre 2009 eine neue Ausgabe geplant gewesen. Was in zwei Jahren sein wird – wenn das Theater den bisherigen Rhythmus beibehält – wissen die Organisatoren ebenfalls noch nicht. „Die jüngsten Debatten über Kürzungen kamen genau in der Planungsphase für Hellwach“, sagt Barbara Kölling. Für dieses Mal habe man keine Abstriche im Programm gemacht. „Wir können aber derzeit noch nicht sagen, wie und ob 2012 Hellwach stattfinden kann.“

Das Festival

Kulturbahnhof, Willy-Brandt-Platz 1 b, vom 20. bis 27. April.

Karten-Tel. 02381/926837

http://www.helios-theater.de

Dienstag: 16 Uhr Festivaleröffnung. 16.30 Uhr: Le fil rouge théâtre spielt „Wasserstaub“. 19 Uhr: Theatergespräch. Eve Ledig vom le fil rouge théâtre spricht über ihre Arbeit.

Mittwoch: 17 Uhr. Theatergespräch mit dem AktionsTheaterKassel und Theater o.N. / Zinnober. 19 Uhr Barbar Mélios‘ Stück „Eine kleine rosarote Geschichte“.

Donnerstag:11 Uhr. AktionsTheaterKassel mit „Erbs und Bohn Duell“. 16 Uhr. Theater o.N. / Zinnober zeigen „Die Bremer Stadtmusikanten“. 17.30 Uhr. pottfiction. Sieben Kinder- und Jugendtheater im Ruhrgebiet gestalten Theaterstücke- und -arbeit. Eine Zwischenbilanz. Moderation: Thomas Lang.

Freitag: 11 und 16 Uhr. Francesca Sorgato mit „Voll Kleiner Nichtse“. 14 Uhr. Next Steps. Das Theaterprojekt „Theater von Anfang an“ zielt auf neue Theaterformen und Kontakte zwischen Theatergruppen in ganz Deutschland. Es gibt eine „Bestandsaufnahme“.

17 Uhr. Theatergespräch mit Francesca Sorgato von der Compagnie Lili Désastres.

19 Uhr. Tiyatrotem aus der Türkei fragt: „Wie erzählt man was?“ Eine deutsche Erstaufführung.

Samstag: 10 Uhr. Next Steps. Entwicklungen und Perspektiven eines Theaterprojekts. 16 Uhr. florschütz& döhnert spielen „Sommerflügel“. 19 Uhr. Das Helios Theater mit dem Stück „Spiel der Kräfte“.

Sonntag: 11 und 16 Uhr. ISADAC & La Nouvelle Scéne aus Marokko zeigen „Das Dach“.

17.30 Uhr. Theatergespräch mit Kassi Lahlou Zakaria von LaLouvelle Scéne.

Montag: 9.30, 11 und 16 Uhr. Andy Manley & Starcatchers spielen „Mein Haus“.

Quelle: wa.de

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