„Helden“ in Hattingen: Stars im Industriemuseum

Der Heilige Georg wird in einer lebensgroßen Holzfigur (um 1450) als Drachentöter gezeigt. Er gilt als Glaubens- und Ritterheld. In Hattingen ist er Stadtpatron. ▪

HATTINGEN ▪ Sie rücken zusammen, die Helden unserer Bewusstseinskultur, unserer Geschichte. Ein Foto von Tana Schanzara, der Duse des Reviers, ist über dem Freiheitskämpfer Nelson Mandela und neben einer Kreuzigung Jesus Christi zu sehen. Fußballer Helmut Rahn ist nicht weit, und Wilhelm der Große, Kaiser des Deutschen Reichs von 1871 zählt dazu. Im „Heldenpanorama“ scheinen sie mit zahllosen anderen Mutigen, Starken und Klugen als Lichtbilder auf. „Helden“ heißt dann auch die engagierte Ausstellung in der Henrichshütte in Hattingen. Von Achim Lettmann

Im Industriemuseum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) werden Objekte, Bilder, Videos, Tonaufnahmen, Überreste, Plakate, Nachbildungen und vieles mehr präsentiert. „Von der Sehnsucht nach dem Besonderen“ handelt die Schau und bietet einen chronologischen Parcours der Heldenverehrung. Bei immerhin 850 Exponaten von 180 Leihgebern ist die Gefahr groß, sich zu verlieren. 1,6 Millionen Euro hat der LWL in das „Leuchtturmprojekt“ gesteckt, wie Kulturdezernentin Barbara Rüschhoff-Thale sagt. Und auf 1200 Quadratmetern Schaufläche muss man sich Zeit nehmen, damit nicht die Momentaufnahmen überwiegen. Hier der glänzende Harnisch von Kaiser Maximilian I. von 1492, dort eine Büste des Stahlbarons Alfred Krupp, um 1888 entstanden.

Interessant sind vor allem die Geschichten dahinter. Maximilian war der letzte Herrscher des Heiligen Römischen Reichs, der sich als Ritter verstand. Ein typisches Heldenbild des Mittelalters, das vom Christentum geprägt wurde. Der Ritter war nicht nur Kämpfer, sondern er schützte auch die Schwachen. Der Mildtätige und die Heilige wurden Idealbilder. Die Heldenverehrung begann schon in der Antike. Bei Griechen und Römern entwickelten sich bereits die Typen Krieger, Sportler und Nationalheld.

Die Krupp-Dynastie gab nicht nur Gipsbüsten in Auftrag. Im Ruhrgebiet wurden Denkmäler für die Firmenlenker in Stein gemeißelt. Auch ein Gegenbild zu Arbeiterführern und bürgerlichen Politikern. Vorbilder hatten im Nationalstaat Konjunktur. Die Krupps wollten gar in Ritterrüstungen das 100-jährige Firmenjubiläum feiern. Zur glorreichen Show im Jahre 1912 kam es aber nicht, weil am gleichen Tag eine Schlagwetter-Explosion auf der Bochumer Zeche Lothringen Tote forderte. Kaiser Wilhelm II. kondolierte, die Feier in Essen fiel aus.

Mit der „Helden“-Ausstellung präsentieren sich die acht Industriemuseen Westfalens neu. Dirk Zache, Direktor des Museumsverbunds, will Bildungspartnerschaften mit Schulen schließen, die über das Kulturhauptstadtjahr 2010 hinausreichen. 40 Schulklassen haben bereits in Hattingen mitgewirkt. Das Industriemuseum öffnet sich noch mehr und ist für Dirk Zache ein „außerschulischer Standort“.

Unterricht in Heldenkunde steht an. Das ist kein neues Thema, denn die Genesis von Superman und Co. wird längst als ein wiederkehrender Lehrstoff behandelt. Neu ist allerdings, dass Kurator Dietmar Osses nicht nur deutsche Helden in Position rückt. Weil im Ruhrgebiet rund 25 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund haben, wissen viele nicht, wer Siegfried und Hermann sind. Also erhalten die „germanischen Heroen“ aus Nibelungenlied und Varus-Schlacht neue Kollegen. Der Dalai Lama, Papst Johannes Paul II. und Mustafa Kemal Atatürk, der Vater des modernen türkischen Staates, zählen dazu. Auch Otto Rehagel reiht sich ein. Der Fußballtrainer gewann mit Griechenland die Europameisterschaft 2004. Er ist auf einem Wandteller als „Rehakles“ zu sehen, Leihgabe von einem griechischen Imbiss.

Rehagel ist in Essen geboren und fällt in die Schnittmenge Sportidole. Wie Max Schmeling oder Josef Krämer. Er war der erster Olympia-Sieger aus dem Ruhrgebiet. 1906 im Tauziehen. Wo sind die anderen Revier-Helden?

Ausstellungsmacher Osses zählt Tana Schanzara und Adolf Tegtmeier dazu. Sie vertreten den Typus des Bergarbeiters, hätten Mutterwitz, die Ruhri-Sprache und stellten sich der Alltagsbewältigung. Auch die TV-Figur Horst Schimanski, von Götz George verkörpert, sei ein handfester Kämpfer, ehrlich und gradlinig – im Revier immer noch gefragt.

Die „Helden der Arbeit“ werden in Hattingen zum gesamtdeutschen Thema. Adolf Hennecke hatte 1948 sein Plansoll um 387 Prozent überschritten. Die DDR feierte ihn, gebürtig war er aus Werl. Kurios dagegen eine Arbeit von Josef Wiwczaryk, der im VEB Plattenbau-Kombinat Hoyerswerda schuftete. Aus einer Plansoll-Tafel baute er eine Transportkiste für Kaninchen – 1991. In Hattingen zu sehen. Zu hören ist, was die Arbeiter zur Schließung ihres Stahlwerks 1987 sagten. Hochöfner August Kuhnert: „Da sind mir doch verdammt die Tränen gekommen.“ Heute macht er Hüttenführungen auf dem Gelände des Industriemuseums.

Die Schau

Ein Stelldichein unserer Heldenbilder, die um Idole der Menschen mit Migrationshintergrund erweitert werden. Abwechslungsreich arrangiert.

Helden. Von der Sehnsucht nach dem Besonderen im Industriemuseum Henrichshütte in Hattingen. Ab Freitag, 12. März, bis 31. Oktober. di-so 10 bis 18 Uhr, fr 10 bis 21.30 Uhr;

http://www.helden-ausstellung.

lwl.org; Tel. 02324 / 9247 142

Katalog im Klartext-Verlag, Essen erschienen, 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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