Zu Hans Werner Henze: „Element X“ in Dortmund

Von Ursula Pfennig ▪ DORTMUND–Am Anfang, im Saal des Harenberg City Centers, ist alles noch heimelig. Die Zuschauer wissen, wo sie hingehören – nämlich auf die Ränge – und vorn auf der Bühne tanzt Mark Radjapov. Der Raum ist klar begrenzt, die Bühne klein. Radjapov ertastet sie, reagiert mit seinen Sinnen und seinem Körper auf den Raum. Pantomimisch definiert er einen fiktiven Bezugspunkt, den er sich wie ein Bonbon einverleibt. Dann überschreitet er den Bühnenrand, verlässt den Saal. Und die Zuschauer müssen mit.

„Element X – Versuchsanordnung Sehnsucht“ nennt der Dortmunder Ballettdirektor Xin Peng Wang seine Choreographie, die auf der Idee und dem Konzept von Christian Baier basiert. Für Ruhr.2010 wurde sie im Rahmen des Henze-Projekts entwickelt.

Hans Werner Henzes „Royal Winter Music Nr. 2 (Romeo an Julia)“ kommt in der Interpretation von Hans-Werner Huppertz an der Gitarre zurückhaltend daher. Als Psychogramm der Shakespearschen Charaktere zeichnet die Musik die Sehnsucht des Einzelnen nach. Die Live-Gitarrensoli stehen im krassen Gegensatz zu der voluminösen, teils mystisch-sakralen Klangfülle der Musik von Mauricio Cazzatti, David Bowie, Pink Floyd, Jean LaBarbara u.a. die vom Band eingespielt wird. Auf der einen Seite ist ein Individuum mit Gefühlen und Sehnsüchten, auf der anderen eine komplexe und bedrohliche Welt, in der der Einzelne seinen Platz finden will.

Die Zuschauer müssen ihren Platz rund um einen Tanzboden finden, der im Foyer des Harenberg City Centers gespannt wurde. Statt Henze wird nun Bowie gespielt. Unheimlich wirken die Tänzerinnen und Tänzer mit maskenhaft geschminkten Gesichtern. Sie stürmen aus Seiteneingängen oder dem Aufzug des rundum verglasten Gebäudes herein oder seilen sich aus den oberen Stockwerken ab. Vier Karrieretypen rennen über die Brücken zwischen den Gebäudeflügeln, klammern sich an die Geländer.

Weiter geht es die Treppe hinunter. Die Eingangssituation wird zum Thema, dieser Glaskasten zwischen innerer und äußerer Eingangstür. Einer ist da eingesperrt, tanzt lange in dem Kasten, bevor ihn jemand hereinlässt. Im Untergeschoss wabert ein Farbnebel hinter einer durchscheinenden Leinwand. Dort agieren die Karrieristen. Sie kommen sehr nah an die Leinwand heran, vor der die Zuschauer stehen, drücken fleischige Lippen dagegen. Triebhafte Momente.

Mit dem Aufzug geht es in den 18. Stock mit grandiosem Ausblick. Draußen baumelt ein Tänzer vorm Fenster. Nach der Platzangst wird die Höhenangst gekitzelt.

Diese Erkundung des Harenberg City Centers weist auch auf eine globalisierte Welt, in der der Einzelne nach einem Ort, nach Bezugspunkten und Beziehungen sucht. Xin Peng Wang knüpft explizit an seine eigene Biografie zwischen der asiatischen und europäischen Welt an. Chinesische Gedichte eines Exilanten aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. werden zitiert, mit klassischen Tanzbewegungen, zum Teil auch auf Spitze zusammengefügt.

„Element X“ steht als Platzhalter für das fünfte Element in der chinesischen Weltauffassung: den Äther, das Nichts zwischen den Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft. Die Choreographie, vor allem die Teile mit Mark Radjapow auf die Gitarrensoli von Henze, fordert auf, sich dieser Sehnsucht zu stellen.

Das Finale stimmt positiv. Die Zuschauer blicken nun von oben auf die Szenerie im Foyer. Die ungewohnte Perspektive lässt das harmonische Miteinander der Tänzer im Raum noch deutlicher hervortreten. Im Pas-de-deux von Radjapov mit Monica Fotescu-Uta gelingt eine Beziehung. Radjapov reicht sein virtuelles Bonbon aus dem ersten Teil weiter, den Bezugspunkt, den er sich im Äther selbst geschaffen hat.

Zum Stück

Ein intensives Tanzprojekt im extremen Stadtraum, das von den Triebkräften in der globalisierten Welt stimuliert wird.

Element X im Harenberg City-Center in Dortmund.

Tel. 0231 / 50 27 222

2., 13. Mai, 5. Juni, 2., 3. Juli

ww.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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