Handel im Wandel

Das Ende vom Innenstadt-Shopping?

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Dieser Anblick wird immer seltener: Menschen, die mit ihren Tüten durch die Innenstadt laufen. In Zeiten vom Online-Shopping kaufen immer mehr Leute bequem von der Couch aus ein.

Düsseldorf/Berlin - Der Online-Umsatz wächst und wächst. Müssen sich die stationären Einzelhändler da nicht große Sorgen machen?

Nein, meint der Handelsverband Deutschland (HDE). Zumindest noch nicht, denn gleichzeitig wird auch dem stationären Einzelhandel ein steigender Umsatz um zwei Prozent für 2018 prognostiziert. Einer Umfrage unter 1000 Unternehmen verschiedener Standorte zufolge, rechnen mehr als zwei Drittel der Firmen mit mehr als 100 Beschäftigten mit einem Umsatzplus. 

Auf der anderen Seite stehen jedoch die „kleinen Händler“: Unternehmen mit weniger als fünf Mitarbeitern verzeichnen mehrheitlich ein Defizit. „Die Schere zwischen kleinen und großen Handelsunternehmen geht immer weiter auseinander“, sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. 

Kleine Händler unter Druck

Es zeigt sich, dass besonders jene Unternehmen profitieren, die den Online-Markt als Verkaufskanal nutzen. Mit rund zehn Prozent Zuwachs bleibt der Online-Handel nämlich der Treiber der Branche, macht die Hälfte des Gesamtzuwachses aus. Dieser Umbruch, die Digitalisierung als eigene Möglichkeit zu erkennen, setzt vor allem kleinere Händler unter Druck. Für diese sind deshalb besonders attraktive Standorte wichtig.

 „Der Handel befindet sich in einem tief greifenden Strukturwandel“, fasst auch Kai Falk vom HDE in Berlin zusammen. Der Online-Handel sei dabei freilich nicht die einzige Ursache für den Veränderungsdruck auf die Unternehmen. Auch der demografische Wandel spiele da eine große Rolle, so Falk. Die Bevölkerung in Deutschland wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten schrumpfen. 

Weniger Menschen bedeuten weniger Kunden

Denn sinkende Geburtenraten können voraussichtlich nicht durch Migration aufgefangen werden. „Und das wird gravierende Konsequenzen haben“, so Simone Schwan, Pressesprecherin des Handelsverbands Nordrhein-Westfalen (HV NRW). Die Folgen würden zunehmend spürbar – zunächst in den ländlichen Gegenden, weil ältere Menschen oft in die Städte ziehen, um das breitere kulturelle Angebot und bessere medizinische Versorgung zu suchen. 

Weniger Menschen bedeuten für die Händler weniger Kunden – und damit zwangsläufig weniger Umsatz. Das wirke sich dann früher oder später auf die Existenzgrundlage der Händler aus. „Ob der Online-Handel die Versorgung, auch von Lebensmitteln, in Zukunft voll übernehmen könnte, wird sich zeigen“, sagt Schwan.

Städte verlieren an Bedeutung 

Der demografische Wandel hat aber eine weitere Schattenseite: Neben sinkenden Kundenfrequenzen auf dem Land habe die Alterung der Gesellschaft auch massive Auswirkungen auf die Personalsuche. „Die Betriebe sehen sich einer immer weiter schrumpfenden Zahl an potenziellen Nachwuchskräften gegenüber“, erklärt Schwan. „Der Wettbewerb um die besten Köpfe wird immer härter.“ 

Zusätzlich haben stationäre Händler mit Problemen wie steigenden Immobilienpreisen (und damit auch Mieten), Attraktivitätsverlust von Innenstädten sowie den nicht an das Internet angepassten Ladenöffnungszeiten zu kämpfen. 

Die Online-Anteile am Gesamtvolumen des Handels steigen und nähern sich damit dem des Einzelhandels.

Bis 2020 könnte der Anteil des Online-Umsatzes am Gesamtumsatz von heute neun auf dann 20 Prozent wachsen, prognostiziert der HDE. „Die Entwicklung geht dabei nicht als Einbahnstraße in Richtung Online“, versichert Simone Schwan. Vielmehr sei eine Verknüpfung von Offline- und Online-Welt gefragt, um intelligente Lösungen zu finden. „Die junge Generation wächst mit der Möglichkeit des jederzeitigen Konsums auf.“ Schon heute könnten sich 27 Prozent der 16- bis 25-Jährigen Online-Shops als Ersatz für stationäre Geschäfte vorstellen.

 „Damit haben die Städte für einen Teil der Jugend ihre zentrale Bedeutung als Einkaufs- und Erlebnisort verloren“, sagt Schwan. Im Internet ist bequemes Shoppen rund um die Uhr und bei jedem Wetter möglich. In den Städten eben nicht. Oftmals bietet der Online-Handel die günstigeren Preise, kostenlose und schnelle Lieferung – Dinge, die der Einzelhandel auch bieten könnte, was aber immer schwerer wird, je breiter sich Riesen wie Amazon aufstellen. 

Tipps für Einzelhändler

Ist die Situation denn aussichtslos? Müssen wir zukünftig auf das Shoppen in den Städten verzichten? Nicht unbedingt, denn der Handelsverband hat auch Tipps für den stationären Einzelhandel: „Er muss sich auf seine Stärken besinnen“, rät Schwan. 

Meint: Die Händler sollen auf Innovation, Erlebnis, Nachhaltigkeit und Individualisierung setzen. Kaum etwas wirke stärker als Beratung und Service vor Ort – ein Vorteil gegenüber dem Online-Handel, zumindest noch. Die Kundenbindung sei das Wichtigste. 

Der Mix macht's

Die Geschäfte sind diesbezüglich auch auf die Kommunen angewiesen. „Der Einflussbereich der Händler endet oftmals an der Schaufensterkante“, sagt Schwan. Von dort an seien Gemeinde- und Stadtmarketing zuständig für eine attraktive City, wie auch das gemeinsame Engagement der Händler, etwa in Werbegemeinschaften. 

Hilfreich sei zum Beispiel ein Mix aus Unterhaltung, Gastronomie und Handel. Was der Online-Handel ebenfalls nicht zu bieten hat: Haptik. Produkte mit allen Sinnen erfassen – das geht nur im Geschäft. 

Wie lange gibt es noch lokale Shopping-Angebote?

Die Verschiebung der Marktanteile hin zum Online-Handel werde laut HDE vor allem Mittel- und Klein-städte treffen, während Toplagen wie Köln, Düsseldorf oder Hamburg hingegen sogar an Bedeutung gewinnen. Die Folge sind zunächst sinkende Kaufkraft, weniger Steuereinnahmen und anschließend das Abwandern oder die Schließung von Unternehmen. Händler, die ihre Stärken voll ausschöpfen, hätten allerdings Potenzial für langlebigen Erfolg. 

Auch Geschäft vor Ort muss im Netz präsent sein

Kai Falk meint: „Nicht jedes Unternehmen muss einen eigenen Online-Shop führen.“ Dennoch: „Das Internet gar nicht zu nutzen, ist keine Option.“ Zumindest eine Webseite mit Öffnungszeiten und einer kurzen Vorstellung des Geschäfts sei nötig, bestenfalls auch ein Google-Profil, um spontan gefunden werden zu können. 

„Weiterhin sollten Händler überlegen, wie sie ihre Produkte im Internet repräsentieren können.“ Auch die Zusammenarbeit mit weiteren Händlern kann Gewinn bringen – etwa in städtischen Verkaufsportalen. „Gemeinsam ist man stärker“, sagt Schwan. 

Wie sieht also die Zukunft aus? 

„In 10 bis 15 Jahren wird jedes zweite Filialunternehmen vom Markt verschwunden sein“, sagt Simone Schwan vom HV NRW. Es ist also ernst. Und ein Teufelskreis: Leerstände wegen Geschäftsaufgaben machen den Standort unattraktiver. So können auch die Nachbarn weniger locken und müssen früher oder später ebenfalls „dicht machen“. 

Natürlich ist die Gesamtprognose für den Einzelhandel nicht per se schlecht. Auch Simone Schwan meint: „Dass der Handel sich stetig modernisiert, ist an sich gut und wichtig – tragisch ist es nur für jene Unternehmen, die sich den neuen Marktbedingungen nicht anpassen.“ In dem aktuellen Wandel liege nicht nur ein Risiko, sondern zugleich eine Chance. 

War es früher wirklich besser?

Früher war also nicht alles besser. Es war einfach anders. Als Kunde sei man gut beraten, „sein“ Lieblingsgeschäft vor Ort zu unterstützen. „Ansonsten muss sich niemand wundern, wenn der klassische Bummel in einigen Jahren ganz wegfällt, weil es schlicht keine Innenstädte mehr gibt.“

Quelle: wa.de

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