Babymord-Prozess gegen Soesterin

Gutachter hält Angeklagte für eingeschränkt schuldfähig

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Die Angeklagte am Dienstag mit ihrem Anwalt Matthias Meier im Gerichtssaal.

SOEST/ARNSBERG - Die Beweisaufnahme ist abgeschlossen und trotzdem bleiben viele Fragen. Ist die 22 Jahre alte Soesterin Opfer ihrer Geschichte oder eiskalte Mörderin? Das Arnsberger Landgericht hörte am Dienstag im Prozess um den grausamen Tod der drei Monate alten Fee den letzten Zeugen und einen Gutachter, der zur Schuldfähigkeit der Angeklagten Stellung nahm.

Dabei fischte auch der Experte ziemlich im Trüben. Er geht aber davon aus, dass die 22-Jährige möglicherweise eingeschränkt schuldfähig ist, weil sie während einer dreitägigen Drogenparty in Münster reichlich Extasy und Amphetamine genommen hatte.

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Außerdem berücksichtigte der Sachverständige auch eine Schädigung, die die Angeklagte schon als Ungeborene im Leib ihrer alkoholkranken Mutter erlitten habe: „Dieses Hirn hat in der Reifungsphase täglich 1,5 Liter Brandy abgekriegt. Und das vom ersten bis zum letzten Tag.“

Doch eine Erklärung für den Tod der kleinen Fee konnte auch der Neurologe und Psychiater nicht liefern. Immerhin könnte mit seinem Gutachten die junge Frau im Fall einer Verurteilung mit einer milderen Strafe rechnen.

Vor dem Gutachter hatte das Gericht noch den letzten Zeugen gehört. Der 37-Jährige aus Münster hatte mit der Angeklagten gefeiert und Drogen konsumiert, während der Säugling allein in der Wohnung am Soester Stadtrand starb.

Weil er beim letzten Termin Mitte Juni nicht erschienen war, hatte das Gericht ihn vorführen lassen und 300 Euro Ordnungsgeld verhängt. Die Geldbuße hob die Kammer dann aber sogar noch auf, weil sie dem Zeugen „einen gut behüteten Abend ohne Fußball“ verpasst hatte, denn der 37-Jährige war bereits Montagabend abgeholt worden und hatte die Nacht in einer Zelle verbracht.

Der Münsteraner stand noch sichtlich unter dem Eindruck der Ereignisse. Er hatte die Angeklagte kurz vor der Tat kennengelernt. „Sie hat mir von ihrer Tochter erzählt und dass das Kind einen Hirntumor hat und nur noch drei Monate zu leben hat“, sagte er.

Als er dann die drei Tage um Halloween mit der Soesterin in der Diskothek in Münster verbrachte, habe er von sich aus das Baby nicht angesprochen. „Sie hat gesagt, dass das Kind bei den Eltern sei.“ Er habe gedacht, dass die 22-Jährige einmal Urlaub brauche und nicht an ihr Schicksal erinnert werden wolle.

Hält die Angeklagte wegen ihres Drogenkonsums im Tatzeitraum und ihrer durch den Alkoholkonsum ihrer Mutter verursachten vorgeburtlichen Schaden im Mutterleib für eingeschränkt schuldfähig: Der Sachverständige Markus Müller-Küppers.

Nach der Party sei die Angeklagte einen Tag nach Soest gefahren. „Da hat sie ja ihre tote Tochter gesehen.“ Dann sei sie für zwei Wochen erneut nach Münster gekommen. „Aber sie hat nicht gewirkt, wie eine Frau deren Kind gerade gestorben ist.“

Er selbst habe sich nach der Entdeckung der Tat Vorwürfe gemacht. „Ich hatte zwei Wochen lang Albträume“, sagte der 37-Jährige nach seiner Vernehmung. Richtig geschockt reagierte er im Zeugenstand auf den Hinweis des Gerichts, dass das Kind keinen Tumor hatte. „Davon habe ich bislang nichts gewusst.“

Er habe viel über die Zeit mit der Angeklagten nachgedacht, berichtete der 37-Jährige. Aber ihm sei wirklich nichts aufgefallen. Und dann erzählte er im Gerichtsflur, dass die 22-Jährige es „faustdick“ hinterm Ohr hätte.

Dort nämlich habe sie eine kaum sichtbare Tätowierung mit dem Schriftzug „faustdick“. Das allerdings wird das Gericht wohl nicht bewerten, wenn es darum geht, die Zeugenaussagen und Beweise zu würdigen.

Denn immer noch gibt es keine Klarheit darüber, ob die 22-Jährige den Tod ihrer Tochter geplant und gewollt hat oder ob sie ihr Kind – wie sie selbst am ersten Verhandlungstag sagte – nur „vergessen“ hat.

Am kommenden Mittwoch wird der Prozess mit den Schlussvorträgen der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung fortgesetzt. Möglicherweise wird dann auch noch ein Urteil gesprochen. - jot

Quelle: wa.de

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