Vorher-Nachher-Aufnahmen

Einkaufen früher und heute: Knapp 50 Geschäfte im alten Halver

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Ruth Dahlhaus mit ihrem Buch „Früher in Halver“. Vor einigen Jahren hat sie ihre Erinnerungen an die Einkaufsmöglichkeiten in Halver aufgeschrieben und bebildert.

Halver - Die Innenstadt Halvers ist unter den Halveranern ein heikles Thema. Häufig hört man, hier sei nichts los und mit dem neuen Fachmarktzentrum könne die Innenstadt gleich schließen. Viele Halveraner erinnern sich noch an lebendige Zeiten, in denen alles Notwendige fußläufig erreichbar war und es für jede Sparte, ja sogar für Milchprodukte einen eigenen Laden gab. Auch Ruth Dahlhaus kennt diese Zeiten noch und hat ihre Erinnerungen daran aufgeschrieben.

"„Früher war alles besser!‘ Wie oft habe ich den Satz wohl schon gehört? In der Erinnerung ist alles verklärt", beginnt Dahlhaus ihr Buch. „Früher in Halver“, heißt das längst vergriffene Werk, es erzählt vom Einzelhandel vor vielen Jahrzehnten. „Ich war das jüngste von neun Kindern und wurde immer losgeschickt“, erzählt die inzwischen 83-Jährige. Geboren und aufgewachsen ist Dahlhaus in der Helle. In ihrem Elternhaus fand später eine Metzgerei Platz, heute ist dort die über den Berliner Platz erreichbare Indoor-Minigolfanlage. In der Helle startet auch Dahlhaus‘ gedanklicher Rundgang durch das frühere Halver.

Wiebel schon 1899 am Bächterhof

Schon auf den ersten Metern des Bächterhofs gab es vor einigen Jahrzehnten noch das Haus Isenburg, in dem eine Gaststätte und das Geschäft Filling waren. Etwas weiter hatte seit 1899 die Fleischerei Wiebel ihr Geschäft, später auch mit angrenzender Schlachterei. Wiebel ist eines der wenigen Unternehmen, dass sich über die vergangenen Jahrzehnte halten konnte.

Weiter im Bächterhof befand sich die Bäckerei Mähler, in der auch Dahlhaus‘ Familie mit der Restwärme nach dem Brotbacken regelmäßig Kuchen backen konnte. Gegenüber von Wiebel war einst der Tabakwarenladen Kickermann und gleich daneben das Lebensmittelgeschäft Jastorff. Das inzwischen geschlossene Geschäft für Dekorationen von Josef Flacke übernahm Werner Burghof, direkt daneben war mit Remmers auch damals schon ein Friseurgeschäft. Heute ist dort der Friseur Ackerschott zu finden.

Nach einem kleinen Sprung begibt sich Dahlhaus in ihren Erinnerungen an die Leye. Das Elektrogeschäft Köhler und später das Fahrradgeschäft Löbbeke, die Tankstelle Eckelmann, das Gasthaus und Hotel „Zur Leye“ und in Richtung Hagen die Metzgerei Karthaus machten den Kreuzungsbereich zu einem wichtigen Ort.

Bleyle-Schulweste von Vogt

Mit der Marktstraße – einst nach dem Wochenmarkt auf dem Platz vor der Kirche benannt – verbindet Ruth Dahlhaus zwei besondere Geschäfte: das Schuhhaus Loewen und das Haus Vogt. „Schuhe bis unter die Decke“, erinnert sie sich an Ersteres. Im Haus Vogt habe es Bleyle, ein besonders feines Wollgemisch, gegeben. „Als Schulkind habe ich eine rote Weste von Vogt bekommen. Meine Schwester hat sie bestickt und ich bin nur noch mit erhobenem Kopf gegangen“, erinnert sich Dahlhaus, wie stolz sie auf dieses Kleidungsstück war.

An der Ecke zum Bächterhof steht auch heute noch das „Haus zur Fuhr“. Die Gaststätte und der angrenzende Saal wurden zwischenzeitlich als Kino genutzt, bevor ein Teil des Gebäudes abbrannte und abgerissen wurde. Heute ist dort eine Spielothek untergebracht. Rechts daneben befand sich die Gaststätte Fassbender. „Da wurde ich dann mit einer Schüssel hingeschickt und sollte Rollmöpse holen. Das war früher so üblich“, erzählt Dahlhaus. Das Gebäude wurde nach langem Leerstand und Verfall abgerissen und Parkplätze geschaffen.

Schmerzlicher Verlust: Das „Runde Eck“

„Rund um die evangelische Kirche spielte sich früher in Halver das Leben ab“, schreibt Ruth Dahlhaus. Viele Halveraner werden sich noch an das „Runde Eck“ erinnern, oder es aus Gesprächen kennen, aber auch gegenüber der Marktstraße ging das geschäftliche Leben mit dem Brücken-Markt, heute als Rewe bekannt, los. Daneben wurden bei Fastenrath Textilien verkauft, heute ist auf der einen Seite ein Barbershop, auf der anderen ein Friseur. Weiter in Richtung heutiger Innenstadt lagen die beiden Gaststätten Hotel zum Löwen, früher „Zum Löwenwirt“, und Gaststätte Heckmann, neben der Lina Grüber ein Textilgeschäft betrieb.

Schließlich kommt Dahlhaus zum Runden Eck, dessen Verlust 1961 laut der 83-Jährigen für viele Halveraner schmerzlich war. „Es gehörte zu Halver dazu.“ Nebeneinander waren dort der Frisör Hedderich, das Schuhgeschäft Reinwald und ein Textilgeschäft untergebracht. Im Nockemann-Gebäude gab es neben dem Optiker und Uhrengeschäft auch den Herrenausstatter Kattwinkel, daneben war im letzten Schaufenster die Leihbücherei Heikhaus und daneben das Café Weyland untergebracht.

In ihrem Buch schreibt Dahlhaus noch, dass Konditormeister Walter Weyland das Geschäft führt, heute ist die Bäckerei allerdings geschlossen. „Es hat mal jemand gefragt, ob ich das Buch nicht aktualisieren möchte. Aber bis das fertig ist, ist wieder alles anders“, sagt Dahlhaus und lacht.

Allgemeiner Anzeiger auf dem Kirchplatz

Auf dem alten Kirchplatz hatte die Hirsch Apotheke in einem 1829 errichteten Gebäude ihr Domizil. Später zog sie in die Frankfurter Straße und ist dort laut Dahlhaus fast 190 Jahre nach der Gründung „eines der ältesten, wenn nicht das älteste ununterbrochen geführte Geschäft in Halver“. Auf dem oberen Kirchplatz gab es außerdem die Firma Bell mit der angrenzenden Druckerei. Auch die Redaktion des Allgemeinen Anzeigers war dort viele Jahre lang ansässig. Nebenan wurden bei „Simon“ Kurzwaren und Hüte gekauft und Laufmaschen repariert, noch einen Eingang weiter verkaufte Fräulein Brünninghaus Pfeifen, Spazierstöcke, Zeitschriften und Spiel- und Schreibwaren sowie Schulartikel.

Heute ist die Frankfurter Straße die Innenstadt Halvers, und obwohl früher auch die Helle, die Leye, die Markt- und Von-Vincke-Straße und das Runde Eck mit Geschäften gesäumt waren, war auch hier ein wahrer Einzelhandel zu finden. Los ging es gleich neben Kattwinkel mit dem Obst- und Gemüseladen Brüser. „Da musste die Schlange gerade sein“, erinnert sich Dahlhaus an den harschen Umgang. Gleich daneben lagen das Schuhgeschäft Spieß und das Haus „Auf dem Saale“, in dem ein Fräulein Denninghoff Kunstdärme verkaufte und das später der neuen „Alten Hirsch Apotheke“ weichen musste.

Gegenüber bei Margarete Kappe erhielten die Halveraner Wolle und Tipps zum Stricken, daneben bot Schirm Schröder „Schirme und modische Kleinigkeiten, die es sonst in Halver nicht gab“, heißt es in Dahlhaus‘ Buch. Doch auch früher wirkten sich große Einkaufszentren negativ auf den Einzelhandel aus: „Es ging wie bei so vielen kleinen Geschäften – in den Städten wie Lüdenscheid entstanden große Kaufhäuser, die viele Artikel in nie gesehener Vielfalt anboten – und wieder musste in Halver oder einer anderen Kleinstadt ein Laden geschlossen werden.“

Angrenzend befand sich ein weiterer Laden, der sich bis heute halten konnte: Franz Schneider verkaufte Uhren, Brillen und Schmuck, heute hat sich sein Enkel Michael Kortmann als Optiker spezialisiert. Eine Drogerie, Bekleidungs- und Haushaltswarengeschäfte, die Metzgerei Neuhoff und der Friseur Müller folgten in Richtung der Bahnhofstraße, Brennstoffe und landwirtschaftlicher Bedarf wurde bei Bürger und Lausberg verkauft. Nach Milch-Mesenhöller kam die Gaststätte August Vormann, heute ist in dem Gebäude die Neustadt.

Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich schon damals der Alte Markt, angrenzend war die Metzgerei Schnepper. Im unteren Bereich der Frankfurter Straße tummelten sich Uhren und Schmuck Alte, Obst und Gemüse Bangert, das Café Rövenstrunk, das Textilgeschäft Grüber, Hausrat Quabeck und eines von zwei Halveraner Möbelhäusern: Gebrüder Karthaus. Heute kann man dort bei Döner 2000 essen. Fast an der Kreuzung zur Bahnhofstraße befand sich noch die Drogerie Craemer. „Dort habe ich meine ersten Fotos entwickeln lassen“, erinnert sich Dahlhaus. Eine Kodak Retina 1B habe sie sich zugelegt. „Damit habe ich Fotos gemacht noch und nöcher.“

„Erstklassige Sachen“ von Hermann Köster

Die Kamera hat sie heute noch, ebenso wie Kristallschüsseln und 18 Kognac-Schwenker von Uhren und Schmuck Alte. „Die habe ich einmal benutzt“, sagt Dahlhaus und lacht. Auch von Hermann Köster findet sie im Schrank noch Wein- und Bowle-Gläser. Früher war das Geschäft an der Von-Vincke-Straße in der heutigen AOK-Geschäftsstelle. „Bei Köster kaufte man erstklassige Sachen“, erinnert sie sich. Nach dem Umzug in die Frankfurter Straße konnte sich das Geschäft nicht wie geplant halten. Heute ist zumindest noch der aus dem Geschäft entstandene Kö-Shop in Halver zu finden.

In ihrem Buch erinnert sich Dahlhaus an etwa 50 Geschäfte, in denen sie einkaufte. Heute sind es deutlich weniger, mit Michael Kortmann, der Alten Hirsch Apotheke und dem Kö-Shop sind aber Geschäfte in veränderte Form erhalten geblieben. Für viele Halveraner haben sich mit großen Vollsortimentern und Centren die Laufwege verkürzt, aber auch die Anonymität ist gestiegen.

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