Erinnerungen an den Einzelhandel in Oberbrügge

Was bleibt, wenn der Discounter geht?

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Hartmut Clever kennt sich in Oberbrügge und Ehringhausen dank seines jahrelangen sozialen Engagements bestens aus – nicht nur in der Gegenwart. Eine Gedankenstütze und alte Bilder des Halveraner Ortsteil liefern die Oberbrügge-Ehringhausen-Bücher von Alfred Brenne und Klaus Fastenrath.

Oberbrügge - Bäckereien, Lebensmittelgeschäfte, Schuhläden, Elektrogeschäfte, Friseure und Ärzte – ältere Oberbrügger erinnern sich vermutlich an ein reges Dorfleben. Tatsächlich war es einst möglich, fast alle Waren des täglichen Bedarfs in dem Halveraner Ortsteil zu kaufen.

Anfang 2016 schloss mit der Aldi-Filiale die letzte große Einkaufsmöglichkeit im Ort. Oberbrügge-Ehringhausen ist damit ein Paradebeispiel für einen aussterbenden Einzelhandel. 

Am 13. September 1995 wurde dieser eröffnet, schon damals hatten viele Geschäfte in Oberbrügge geschlossen. Hartmut Clever, Vorsitzender des MGV Oberbrügge-Ehringhausen, war 30 Jahre lang im Stadtrat, ist stellvertretender Vorsitzender des Rassekaninchenzuchtvereins W342 Oberbrügge, engagierte sich jahrelang im Kirchenchor Oberbrügge und hat „immer hier gelebt“, wie er selber sagt. Er erinnert sich noch an einige der alten Geschäfte und Händler, die das Dorfleben mitgestalteten. 

Besonders reich war der größte Halveraner Ortsteil an Landwirten und Lebensmittelgeschäften. Pixberg, Voerster, Weitzel, Nolte und Moll oder Huckenbeck sind Namen, die Hartmut Clever in den Sinn kommen. Entlang der Heerstraße versorgten die kleinen Betriebe die Oberbrügger mit dem täglichen Bedarf. 

Gegenüber der B 54-Einfahrt nach Oberbrügge waren einst der Frisör Lienen und das Kurzwarengeschäft Nagel. Heute gibt besonders das mittig gelegene Gebäude kein schönes Bild mehr ab.

Pixberg betrieb dazu eine Bäckerei, auch bei Linnepe und Gronau wurden Brote verkauft. Mit „Bäcker“ gegenüber der katholischen Kirche und „Clever“ am Glockenweg hatte der Ortsteil gleich zwei Schuhgeschäfte, bis letzterer vor einigen Jahren auch die Reparaturen einstellte. Der Schuhverkauf lohnte sich schon lange nicht mehr. 

Einer der letzten Oberbrügger Handwerker ist Erwin Schmidt, der noch heute an der Heerstraße fleißig Uhren repariert. In früheren Zeiten war dort, wie Hartmut Clever erzählt, der Frisör Theiß. An der B 54 gegenüber der Einfahrt zur Heerstraße wurden bei Lienen die Haare gemacht, halten konnte sich als einziger der Frisör Wiemann. 

Nur ein Frisör kann sich halten 

Neben dem Schuhgeschäft „Bäcker“ hatte Oberbrügge gegenüber der katholischen Kirche mit Eugen Reppel sogar einen Zahnarzt. Bis 1982 gab es dazu in der heutigen Praxis von Dr. Hans-J. Rüdiger auch den praktischen Arzt Dr. Heinrich Bicknäse. 

Wie es vor den Discountern und Shoppingzentren üblich war, hatte auch Oberbrügge zwei Kurzwarengeschäfte. Kurzwaren Nagel lag gleich neben dem Frisör Lienen an der B 54 und Kalthof gegenüber der Einfahrt zum Burgweg. Auch bei Schreibwaren Clever wurden die Oberbrügger fündig, gleich daneben hatte Oberbrügge eine Druckerei. An der B 54 in Richtung Brügge gab es sogar mit „Hettesheimer“ eine eigene Tankstelle mit Gleisanschluss im Ort. Am Ohler Weg hatte diese dazu ein großes Lager. 

Mit drei Bahnhöfen an der Bergstraße, am Alten Bahnhof und am Staklenberg waren Oberbrügge und Ehringhausen außerdem extrem gut an den Schienenverkehr angebunden. Vom Ehringhausener Bahnhof am Staklenberg wurden laut Hartmut Clever überwiegend Güter in Richtung Schalksmühle oder Halver transportiert. „Zum Schluss haben noch die Genossenschaft und die Firma Jung den Schienenverkehr genutzt“, erinnert sich Clever. 

Einige Zeit zuvor wurden auch die Kohlenhandel Friemann und Clever mit der Bahn beliefert. Wie auch heute noch am Alten Bahnhof zu lesen ist, hatte Oberbrügge auch einst sein eigenes Postamt. Der Zeit entsprechend wurde aus dem „Kaiserlichen Postamt“ an dem markanten gelben Haus schlicht „Postamt“ gemacht. Heute ist eine physiotherapeutische Praxis in dem Gebäude. 

Gute Anbindung über drei Bahnhöfe 

Um Elektronik zu kaufen, mussten die Oberbrügger ihren Ortsteil früher auch nicht verlassen. Bei Elektro Köster und bei K.H. Eicker wurden sie fündig. Wie Hartmut Clever erzählt, gab es zusätzlich zu den Einzelhändlern auch neun Landwirte, die von ihrer Arbeit und dem Verkauf der Produkte leben konnten. Mesenhöller, Schröder, Thiel, Voerster, Schmidt und Grassmann sind nur einige Namen. 

Wer abends weggehen wollte, war ebenfalls bestens bedient. Hartmut Clever erinnert sich gut an einen Treffpunkt bei Marianne Schmitz in Schmidtsiepen. „Bei ihr im Wohnzimmer, da traf man sich auf ein Bier“, erzählt er. Das gelbe Haus an der Ehringhausener Haltestelle war das Domizil von Hüttebräucker, später kam in dem flachen Gebäude eine Disco dazu. Auch einige jüngere Ehringhausener dürften sich noch an den Döner-Imbiss erinnern, der dort vor einigen Jahren schloss. 

Das rote Haus kurz vor dem Haus-Rhade-Weg war die nach dem Landwirt benannte Gaststätte Thiel und die Dorfschänke befand sich hinter der gleichnamigen Bushaltestelle in Oberbrügge. Neben einem gelben und einem roten Haus hatte Oberbrügge-Ehringhausen außerdem ein schwarzes zu bieten. Hartmut Clever ist dieser Name geläufig, heute ist es das Autohaus Noelle. 

Aus dem „Kaiserlichen Postamt“ wurde ein einfaches Postamt, bevor das Unternehmen dem Haus schließlich den Rücken kehrte.

In dem Haus mit der Schiefer-Fassade war als direkter Vorgänger die Gaststätte Budde. An der B 54 in Richtung Kierspe gab es zudem das „Süderland“, am Steinbruch den „Steinbruch“, das „Klein-Ahelle“ in Richtung Lüdenscheid und „Im Bahnhof“ an der Bergstraße. Für Wanderer war „Heck“ am Grünewald ein beliebter Treffpunkt, da dort Getränke in Flaschen ausgeschenkt wurden. Heute sind Oberbrügge und Ehringhausen keinesfalls leer gefegt. 

Aber der Einzelhandel konzentriert sich vielmehr auf die Innenstädte von Halver und Lüdenscheid. Mit dem Aldi-Markt schloss Anfang 2016 der letzte Lebensmittelmarkt, etwa 20 Jahre zuvor hatte wegen der Eröffnung des Discounters der letzte Lebensmittel-Einzelhandel geschlossen. „Das ist kein Oberbrügge-Phänomen. 

Die Zeit, in der überall kleine Geschäfte zugemacht haben, war die Zeit, in der die Discounter kamen“, erzählt Hartmut Clever. Ein Grund, warum es sich trotz der vielen Schließungen und Abgänge des Einzelhandels im Ortsteil noch gut leben lasse, seien die vielen Vereine. „Wenn es die nicht gäbe, wäre es schwierig“, sagt Clever. Heute gibt es noch den TuS Oberbrügge, den MGV Oberbrügge-Ehringhausen und von ehemals zwei Kaninchenzüchtervereinen blieb einer übrig. Auch die Bewegung-Sportgemeinschaft (BSG) und den Schießclub gibt es noch.

Discounter kommen, Einzelhändler gehen 

Und nicht zu vergessen sind ansässige Unternehmen wie Natürlich Wohnen Wessing oder Kattwinkel, die Sparkassen-Filiale und die Tatsache, dass trotz Plänen zur Schließung sowohl die Kita und die Grundschule erhalten werden konnten.

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