Gursky und Co. in Essen: Ausstellung „Ruhrblicke“

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Wie eine klassische Landschaft aufgenommen: Matthias Kochs Fotografie „Schlacke-Abschüttung bei Thyssen, Duisburg, 2010“. (C-Print), zu sehen in der Ausstellung „Ruhrblicke“ im Sanaa-Gebäude auf der Essener Zeche Zollverein. ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Er hat die Fotografie von der Pike auf gelernt. Matthias Koch schleppte als Student die Fotostative für Bernd Becher, den Fotografen und Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie.

Nach Bernd und Hilla Becher ist eine Fotografengeneration benannt. Die Becher-Schüler. Matthias Koch zählt dazu. „Das Abwarten habe ich vom Chef“, sagt Koch in Essen und meint damit den Moment, wenn mildes Tageslicht auf sein Motiv scheint. Im Sanaa-Gebäude auf dem Weltkulturerbe Zeche Zollverein sind sechs seiner Bilder zu sehen. Der 42-Jährige zählt zu den elf Fotografinnen und Fotografen des Projekts „Ruhrblicke“. Ihre Arbeiten sind in der gleichnamigen Ausstellung zu sehen – ein Höhepunkt der künstlerischen Dokumentarfotografie.

Auch Fotostars wie Andreas Gursky und Thomas Struth sind beteiligt. Gursky hatte bereits 2008 im Hammer Bergwerk Ost die Schwarzkaue fotografiert. Seine monumentale Aufnahme besteht aus mehreren Bildern, die am Computer gemischt wurden. Gurskys Fotografie ist eine Behauptung, die jeder glaubt. Doch so dicht ist die Schwarzkaue mit Helmen, Schuhen, Hemden und Hosen gar nicht bestückt. Aber Gurskys digitales Bildverfahren nutzt die Authentizität der klassischen Fotografie und wirkt deshalb wahrscheinlich. Dabei konstruiert der Fotograf und bedient das Klischee Bergwerkswelt.

Thomas Struth ist in die Herzkammern der Industrieproduktion und Hochtechnologie vorgestoßen. „Lab Reactors“ (Gladbeck, 2009) zeigt Steuerungstechnik in dem Werk des größten Phenol- und Aceton-Herstellers der Welt, des Chemieunternehmens Ineos Phenol. Im Walzwerk ThyssenKrupp lichtete er eine gigantische Maschine ab, die wie ein Ungetüm aus einer anderen Welt wirkt. Struth bannt das Monströse in der Ordnungsstruktur seiner Fotografie und dosiert damit die Faszination der Technik („Hot Rolling Mill“, Duisburg 2009).

Die eigentliche Überraschung der Ausstellung „Ruhrblicke“ ist aber Matthias Koch. Bisher hatte sich Koch dem Thema „Orte der Geschichte“ gewidmet. Er fotografierte die Glienicker Brücke in Berlin/Potsdam, wo im Kalten Krieg die Ost-West-Spione getauscht wurden. „Ich spreche etwas an, was nicht mehr zusehen ist“, sagt Koch. Nun aber erreicht er mit der Fotografie „Schlacke-Abschüttung bei Thyssen, Duisburg, 2010“ eine andere erzählerische Dimension. Vom erhöhten Standpunkt aus inszeniert seine Kamera die Weite des klassischen Landschaftsgemäldes. Nur dass im Hintergrund nicht ein Bergmassiv zu sehen ist, sondern ein Stahlhüttenwerk. Koch steht dann auf seiner Feuerwehrleiter und entdeckt eine Industrielandschaft. Die Schnittstelle zur Geschichte gelingt ihm in „Grenze des Rheinparks/Niederrheinische Hütte, Duisburg-Hochfeld 2009“. Diese Fotografie zeigt die Trennlinie zwischen dem Ort der Freizeit und dem Ort der Industriehistorie. Hier Spazierweg und Baumgruppe, dort Schienenstrang und Buschgestrüpp – Ordnung und Verfall. Koch schafft brillante, große und helle Industrielandschaften mit dem „Dia-Sec“-Verfahren. Auf eine Plexiglasscheibe wird von hinten eine Silikon-Schicht als Bildträger aufgetragen.

Der Kurator der Ausstellung, Thomas Weski, hat für das Projekt „Ruhrblicke. Ein Fotografie-Projekt der Sparkassen-Finanzgruppe“ noch Laurenz Berges, Hilla Becher, Joachim Brohm, Jitka Hanzlová, Elisabeth Neudörfl, Jörg Sasse, Hans-Peter Feldmann und Candida Höfer gewinnen können. „Jeder hat sofort zugestimmt“, sagt Weski, der als Kurator international anerkannt ist. Die Künstler sollten sich innerhalb eines Jahres ihre Motive im Ruhrgebiet suchen. Mehr Vorgaben gab es nicht. Weski vergleicht „Ruhrblicke“ mit Fotoprojekten aus den 80er Jahren, als Künstler aufgefordert wurden, mit ihrer visuellen Handschrift Objekte zu erfassen. In den USA wurden zum 200. Jubiläum der US-Verfassung Gerichtsgebäude abgelichtet. Von Paris aus ging 1983 der staatliche Auftrag „Ansichten der Landschaft Frankreichs“ zu fotografieren. 30 Fotografinnen und Fotografen waren dabei.

Hans-Peter Feldmann zeigt für „Ruhrblicke“ zum Beispiel 15 Bürgermeister an den Orten ihrer Wahl. Ihm gelingt eine Porträtreihe von Volksvertretern, die das gewandelte Revier verkörpern. Candida Höfer konzentriert sich wie erwartet auf Innenräume. Die Stadthalle in Mülheim erstrahlt kühl und rot, das Interieur der Villa Hügel ist maniriert und neobarock. Und ganz vereinnahmend ist der Blick aus ihrer Fotokoje auf den Schacht 1/2/8 des Weltkulturerbes. Denn das Sanaa-Gebäude ist mit seinen wechselnden Fenstergrößen ein weiterer Star der Schau. Die japanischen Architekten Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa erhalten im Mai den Pritzker-Preis für ihr Werk.

Das Ruhrgebiet und künstlerische Dokumentarfotografie gehen kongenial zusammen. Ein Höhepunkt im Ausstellungsjahr.

Ruhrblicke im Sanaa-Gebäude auf der Zeche Zollverein Essen. Bis 24. Oktober; täglich 10 bis 19 Uhr; Katalog 29,80 Euro

http://www.ruhr2010.de

Quelle: wa.de

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