Erste Ausgänge aus JVA Werl

26 Jahre nach Geiseldrama äußert Degowski Bedauern

WERL - Späte Reue: Nach fast 26 Jahren kommen Worte des Bedauerns über das, was beim Gladbecker Geiseldrama 1988 mit insgesamt drei Toten geschah. Das zumindest berichtet Lisa Grüter als Anwältin von Dieter Degowski im Gespräch mit dem Soester Anzeiger.

"Ich erlebe einen freundlich-friedlichen Menschen, der seine Tat sehr bereut", sagt Lisa Grüter. Die Bilder, die von Degowski jetzt wieder gezeichnet würden, hätten nichts gemein mit dem Mann, den sie heute vertritt. "Daher spricht für mich auch nichts dafür, dass heute noch eine Gefahr von ihm ausgeht."

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Die ersten Schritte ihres Mandanten in Freiheit sind begleitet von einem Medienecho in ganz Deutschland. Kaum eine Zeitung, die nicht über die Entwicklung im Fall Degowski berichtet, die unsere Redaktion in Werl vergangene Woche öffentlich machten. Auch Fernsehteams kamen nach Werl, um mit ehemaligen Betreuern Degowskis und mit Bürgern über deren Sorgen zu sprechen. All das zeigt: Der Gladbecker Geiseldrama elektrisiert auch gut 26 Jahre später noch immer die Massen. Und mit ihm die Täter Degowski, der in der JVA Werl einsitzt, und sein damaliger Komplize Hans-Jürgen Rösner.

Aber es tauchen auch durchgängig Zitate auf, die Werls JVA-Leiter Michael Skirl einst über Degowski geäußert haben soll. Worte im "Focus", gegen die Degowskis Anwältin vorgegangen ist per Strafanzeige wegen Beleidigung. "Weil sie völlig aus der Luft gegriffen waren", sagt die Dortmunder Juristin. Skirl allerdings habe danach bestritten, die Äußerungen über den prominenten Häftling getan zu haben. Daher sei das Strafverfahren eingestellt worden, sagt Grüter.

JVA Werl

Nun aber ärgere sie umso mehr, dass genau jene umstrittenen Zitate ("Degowski hat die Therapien bei uns nur angekratzt und ist dissozial", "Er ist menschlich gesehen eine Null. Er ist wehleidig. Und ein klassischer Mitläufer.") wieder in Medien auftauchen. Dabei habe Degowski, der in der JVA die Lehre zum Koch machte, nichts mehr mit jenem Mann gemein, der 1988 vor laufenden Kameras für Angst und Schrecken gesorgt habe. "Dieses Negativbild trifft diese Person nicht", sagt die Anwältin. Skirl selbst wollte sich zu diesen Zitaten "nicht äußern."

Joe Bausch

Zu Degowskis Vorbereitung auf die Freiheit durch zuletzt ungefesselte Ausgänge zitiert die Deutsche Presse-Agentur den Werler Gefängnisarzt Joe Bausch: "So, wie das gemacht wird, mit begleiteten Ausgängen, sehe ich da kein Risiko für die Bevölkerung", sagt Joe Bausch zum Risiko. "Keiner, der so nah dran ist an der Freiheit, macht da eine falsche Bewegung."

Lisa Grüter zeigt sich "zufrieden und überrascht", dass die Vollzugslockerungen nun tatsächlich so umgesetzt werden, wie das Landgericht 2013 gefordert hatte. "Es läuft alles so, wie wir uns das vorgestellt haben." Nun werde sie den weiteren Verlauf der Lockerungen abwarten, bevor sie einen Antrag auf Aussetzung der lebenslangen Freiheitsstrafe zur Bewährung stellen wird. Das Justizministerium erwartet das für 2015. "Aber ich will keine Zeiten setzen", sagt die Juristin.

Als nächsten Lockerungsschritt werde Degowski alleine Ausgänge unternehmen können, danach Übernachtungen und schließlich Urlaube ohne Begleitung. Dann könne der offene Vollzug folgen. KIar ist: Lebenslang bedeutet nicht ein Leben lang hinter Gittern. Degowskis Komplize Rösner kommt zwar noch nicht in den Genuss von Vollzugslockerungen. Er gilt als unkooperativ, außerdem war in seiner Zelle Heroin gefunden worden, so das NRW-Justizministerium. Im Gegensatz zu ihm aber habe Degowski "im Rahmen seiner Möglichkeiten an sich gearbeitet", sagt Peter Marchelewski, Sprecher von Minister Thomas Kutschaty.

Dass diese "Möglichkeiten" aber begrenzt sind, daraus macht Marchlewski keinen Hehl. "Ich habe viel Verständis für jeden, der Bauchschmerzen hat", sagt der Justizsprecher zu den Lockerungen, die nicht überall auf Gegenliebe stoßen. Vier begleitete Ausgänge über mehrere Stunden gab es seit Februar - ohne Fesselung, zuletzt begleitet von einem Psychologen und einem Justizbeamten.

Aber das moderne Rechtssytem sehe nunmal die Chance auf Resozialisierung vor. Marchlewski betont aber auch: Die Lockerungen sind die eine Sache, eine Entscheidung frühestens in zwei Jahren die andere. "Auch dann ist Dieter Degowski noch lange nicht entlassen..."

Quelle: wa.de

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