Geschichten der Baudenkmale im Ruhrgebiet

Renaissance-Architektur in Westfalen: Das Schloss Horst bei Gelsenkirchen ist nach französischem Vorbild im 16. Jahrhundert entstanden. ▪ Fotos (2): LWL

Es fing alles viel früher an. Kohle und Stahl haben das Ruhrgebiet geprägt, aber große Veränderungen gab es schon vorher. Als sich ab dem 8. Jahrhundert der christliche Glaube verbreitete, als im Mittelalter Duisburg und Dortmund zentrale Handelsplätze wurden, als Napoleon einmarschierte und im Anschluss Preußen seine Ordnung an Rhein und Ruhr durchsetzte. Und was ist davon geblieben? Von Achim Lettmann

Die Denkmalämter der Landschaftsverbände Rheinland (LVR) und Westfalen-Lippe (LWL) haben sich zu Ruhr.2010 vorgenommen, die Wechselbeziehungen mit Europa aufzuzeigen. „Fremde Impulse“ nennen sie ihr Projekt und meinen „Baudenkmale im Ruhrgebiet“. „Das Altbekannte war mal neu“, sagt Barbara Seifen und spielt auf die Gebäude an, die zum bekannten Stadtbild gehören, aber in ihren Zeiten innovativ waren. „Der Baubestand dokumentiert den Wandel“, sagt die Denkmalpflegerin, „und nicht den Zustand.“

Vor allem das Bewusstsein der Revierbewohner, aber auch der Touristen, soll mit Infos über Baugeschichte bewegt werden. Zum Beispiel ist das Schloss Horst in Gelsenkirchen ab 1554 gebaut worden und noch heute ein Beleg für herrschaftliche Profanarchitektur in der Spätrenaissance. Damals reist Rütger von der Horst durch Europa. Er genoss als Adelsspross eine humanistische Bildung. Nach seiner Heirat verfügte er über ein stattliches Vermögen und ließ einen niederländischen Architekten das kastellartige Schloss bauen: mehrgeschossige Galerien wie in italienischen Palazzi, ein Treppenhaus wie in den Niederlanden und ein Grundriss von französischen Schlössern abgeguckt. Ein echter Baukunsttransfer.

Im Projekt „Fremde Impulse“ fällt Schloss Horst unter „Kunst und Architektur“. Dazu gibt es weitere Klassifikationen wie Glaube, Leute, Herrschaft, Kapital und Technologie. Und ganz ohne Zechenturm kann die Initiative der Landschaftsverbände zusammen mit den Industriemuseen auch nicht auskommen. Als Beispiel für Investitionen im Ruhrgebiet wird die Zeche Erin genannt. Ihr Gründer und Finanzier, der Ire William Thomas Mulvany, hatte auf dem Bergamt in Dortmund die geologische Karte der Emscherregion begutachtet und erkannt, wie reich an Kohle dieser Landstrich sein musste. Er führte eine irische Investorengruppe an und gründete 1866 mit der Zeche Erin in Castrop sein eigenes Unternehmen. Erin heißt auf gälisch „grüne Insel“, also Irland. Die Zeche ist erst 1983 stillgelegt worden. An dem Fördergerüst entstand in den 90er-Jahren ein Landschaftspark.

Solche Orte sind schnell zu ermitteln, wenn man die „Box“ zur Hand hat. 80 Denkmale sind für historische Streifzüge im Revier porträtiert worden und als Karten-Sammlung verfügbar. Hier finden sich Fachwerkhäuser aus Hagen-Eilpe, die 1664 für Arbeiter aus der Schmiedestadt Solingen errichtet wurden. Der preußische Kurfürst Friedrich-Wilhelm forcierte den Technologie-Transfer und ließ die „Lange Riege“ bauen, auch um den Landstrich in der Grafschaft Mark wieder mit Menschen zu bevölkern. Der 30-jährige Krieg hatte seine Spuren hinterlassen.

Das Projekt „Fremde Impulse“, zu dem es auch eine kleine Wanderausstellung gibt, erweitert den Migrationsbegriff unserer Tage. Annette Menke, Leiterin des Hamaland Museums in Vreden an der niederländischen Grenze, erinnert daran, dass Männer aus Vreden nach 1945 in den Bergwerken gearbeitet haben. Die Textilindustrie war pleite. Die Männer mussten ins Revier und wurden zu Hause abfällig „Berschken“ genannt – eine Verballhornung für Menschen aus dem Bergischen. Die Jungbergleute, die tägliche An- und Abfahrtswege von über vier Stunden verkraften mussten, malochten in Doppelschichten, um sich daheim ihr Häuschen zu bauen. Sie setzten auf langlebige Werte, während die Kumpels im Revier das Geld für ihren Lebensstil gebrauchten. „Kleine Denkmale“ nennt Annette Menke diese Häuser, weil sie für die ertragreiche Arbeit unter Tage stehen, die in Vreden auch beneidet wurde. So war das Ruhrgebiet wirtschaftlicher Impulsgeber und nicht nur Importeur von Baukunst, Kapital und Technik. Auch die Milchwirtschaft in Westfalen ist ohne das industrialisierte Ruhrgebiet undenkbar. Der Journalist Gisbert Strotdrees erinnert daran, dass noch vor 150 Jahren die Milch ein Nebenprodukt der Landwirtschaft war. Kühe mussten auf westfälischen Höfen Dung liefern. Dies änderte sich ab 1870 als Milch für die Versorgung der Industriearbeiter entdeckt wurde. Unter Bauern entwickelte sich der Unternehmer, der eine Abmelkwirtschaft mit vielen Kühen in großen Hallen betrieb, um dem hohen Bedarf bei Stahlarbeitern, Krankenhäusern, Schulen und Kindergärten gerecht zu werden. Im Kreis Beckum produzierten zwischenzeitlich zwölf Molkereien täglich 67 000 Liter Milch. Der Absatzmarkt Ruhrgebiet entwickelte neue Lebensmittelindustrien. Noch heute ist die Landwirtschaft im Kreis Borken (Schweinemast) und im Oldenburger Land (Geflügelmast) ein Wirtschaftsschwerpunkt, weil sie sich parallel zum Ruhrgebiet entwickeln konnte. Auch solche Fakten sind „Denkmale“ der Reviergeschichte.

Quelle: wa.de

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