Der BVB geht neuen Weg bei Stadionverboten

Fans im Dortmunder Stadion. Beim Thema Stadionverbot geht der BVB nun einen neuen Weg.

DORTMUND ▪ Von Holger Drechsel ▪ Die Strafe kommt schnell, sie ist hart, und viele Fans empfinden sie oft als reine Willkür: Rund 3 000 Fußballfans in Deutschland sind derzeit mit Stadionverbot belegt. Angesichts der proppenvollen Stadien keine große Zahl – aber ein ungemein heißes Diskussionsthema.

Bundesligist Borussia Dortmund will neue Wege gehen, um dieses Thema „zu entkrampfen“, wie es BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sagt. Gesperrte Dortmunder Fans sollen durch soziale Arbeit in Altersheimen oder bei der Jugendhilfe die Zeit ihrer Sperre verkürzen können. Laut BVB ein „bundesweit einmaliges Pilotprojekt“.

Bitter nötig war dieses Projekt ganz offensichtlich. „In den letzten Jahren hat sich eine konfrontative Situation hochgeschaukelt“, sagt Watzke. Die Fronten: Auf der einen Seite Verein und Polizei, die im Stadion für Ordnung sorgen. Auf der anderen Seite die Fans, die sich oft zu Unrecht kriminalisiert sehen und die Stadionverbots-Praxis für zu pauschal halten.

Tatsächlich gibt es große Unterschiede bei der Auslegung der seit 2008 gültigen Stadionverbotsrichtlinien, die der Deutsche Fußball-Bund (DFB) entwickelt hat, wie BVB-Fanbeauftragter Sebastian Walleit berichtet: „In Dortmund ist die Praxis recht liberal. In anderen Stadien aber, wie Leverkusen oder Wolfsburg, kann man schon drei Jahre Stadionverbot für das Kleben von Aufklebern bekommen – wegen Sachbeschädigung.“ Höchst umstritten sei auch die Auslegung beim so genannten Landfriedensbruch. Auch da reichten mitunter kleine Delikte für eine lange Sperre. „Da ist manches ungerecht“, sagt Walleit.

Reichlich Gesprächsbedarf also, auf den der BVB reagiert hat. Vor gut drei Monaten, so BVB-Chef Watzke, habe man einen Runden Tisch einberufen, an dem Vertreter von Verein, Polizei und „Ultras“, dem harten Kern der Anhängerschaft, Lösungen gesucht hätten. Die „Ultras“ haben sich das Thema Stadionverbot seit Jahren auf die Fahnen geschrieben. „Konstruktiv“ habe man gesprochen, so Watzke, aber auch schnell gemerkt, dass man „einen vierten, neutralen Player ins Boot holen“ müsse, „einen Mediator“.

Den fand man bei der Katholischen Kirche, in Propst, Stadtdechant und BVB-Fan Andreas Coersmeier. Er entwickelte das neue Modell mit, das Dortmunder Stadionverbotlern Hoffnung machen soll. Auch ihre Zahl ist eher klein, laut BVB sind derzeit rund 200 Fans gesperrt, die Hälfte der Sperren hat der BVB, den Rest haben andere Vereine ausgesprochen.

Wer von den vom BVB gesperrten Fans zurück ins Spiel will, kann eine Aussetzung der Sperre beantragen, über die je nach Schwere des Falls entschieden wird. Wer Ersttäter ist und jünger als 25 Jahre, kann sich in Altersheimen oder bei Einrichtungen der Jugendhilfe melden, die sich dem Projekt angeschlossen haben. Hier seien Hausmeister- oder Handwerkerarbeiten zu erledigen. „Zehn Stunden Tischtennis mit Jugendlichen reicht nicht“, sagt Watzke, der eine einfache Formel aufmacht: „Drei Stunden Arbeit für einen Monat Verkürzung der Sperre.“

Ein faires Angebot für die Fans, glaubt man beim BVB. Zumal es riskant ist, ein Stadionverbot einfach zu ignorieren. Die Chance, von Ordnern oder szenekundigen Beamten ertappt zu werden, sei groß. Und die Folgen seien heftig, wie Fanbetreuer Walleit weiß: „Wer im Stadion erwischt wird, bekommt ein Verfahren wegen Hausfriedensbruch und die Verdopplung des Stadionverbots.“

Info Stadionverbot:

Mit Stadionverbot belegt werden Fans, die im Zusammenhang mit einem Fußballspiel polizeilich auffällig geworden sind – etwa durch Schlägereien, Becherwürfe, Feuerwerk, Beleidigung, Sachbeschädigung. Ein richterliches Urteil ist nicht nötig, es reicht die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens. Je nach Schwere des Falles kann ein örtliches oder überörtliches Stadionverbot erteilt werden. Letzteres betrifft alle Stadien der 1. bis 3. Liga. Je nach Fall variiert auch die Dauer der Sperre – von einer Woche bis maximal drei Jahre. Ausgesprochen wird das Verbot in der Regel vom geschädigten Verein, möglich ist ein Verbot aber auch durch DFB und Ligaverband. Die Hauptkritik der Fans entzündet sich daran, dass ein Stadionverbot auch bereits beim bloßen Verdacht auf eine Tat verhängt werden kann. Der Bundesgerichtshof hat diese Praxis im vergangenen Jahr ausdrücklich erlaubt. ▪ hd

Quelle: wa.de

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