Fußball gegen Hochkultur

Theater stellen sich auf die WM ein

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Um die Reihen trotz Fußball zu füllen, hat sich das Düsseldorfer Schauspielhaus etwas Besonderes ausgedacht: An Spieltagen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft kostet jede Karte nur zehn Euro, egal welcher Platz.

DÜSSELDORF - Was machen Fußball-Muffel während der Weltmeisterschaft? Sie können ins Theater gehen und beispielsweise "Anna Karenina" gucken. Einige Stätten der Hochkultur in NRW machen an wichtigen WM-Spieltagen aber vorsorglich dicht.

Sag noch einer, der Kultur sei der Fußball schnuppe! Viele Bühnen in Nordrhein-Westfalen haben ihr Programm während der Fußball-WM angepasst, damit Theater- und Konzertfreunde weder auf Kultur noch auf Fußball verzichten müssen. Ausgemachte Fußball-Muffel können sich aber auch auf ein "Anti-WM-Programm" freuen.

Um die Reihen trotz Fußball zu füllen, hat sich das Düsseldorfer Schauspielhaus etwas Besonderes ausgedacht: An Spieltagen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft kostet jede Karte nur zehn Euro, egal welcher Platz. "Damit wollen wir vor allem die Leute in unser Haus locken, die kein Deutschland-Spiel sehen wollen", sagt Sprecherin Petra Serwe.

Die deutsche Oper am Rhein setzt während des Deutschland-Spiels gegen Ghana am Samstag sogar auf einen beliebten Klassiker - Mozarts "Die Hochzeit des Figaro". "Der Spielbetrieb geht während der WM ganz normal weiter", sagt Sprecher Daniel Senzek. Anders macht es die Düsseldorfer Tonhalle. Sie bietet an den Tagen der Vorrunden-Spiele mit deutscher Beteiligung gar kein Programm an. Die WM-Spiele können stattdessen beim Public Viewing auf der Terrasse des Hauses verfolgt werden.

"Wir haben die Vorstellungstermine angepasst", erklärt auch Kira Erkeling, Referentin des Schauspiels Köln. Die Stücke würden, je nach Anpfiff, vor oder nach dem Spiel aufgeführt. Sogar Public Viewing wird angeboten. Auch die Oper Köln hat den WM-Spielplan immer im Blick. Zum Halbfinale und Finale gibt es keine Vorstellungen. Beim letzten deutschen Gruppenspiel am 26. Juni gegen die USA wird zwar eine Donizetti-Oper gegeben. Auswirkungen bei den Besucherzahlen spüre man aber nicht, sagt eine Sprecherin. In der Pause wolle man jedoch den Spielstand durchgeben.

Besucher des Theaters Krefeld und Mönchengladbach können dem WM-Trubel gleich mit drei Bühnenangeboten entkommen. Tanztheater, Ballett oder "The Rocky Horror Show" bieten WM-Verweigerern am Samstag genügend Alternativen. Die Vorstellungen seien auch während WM-Zeiten gut besucht, sagt eine Sprecherin. "Erfahrungsgemäß kommen aber mehr Frauen."

Im Theater Bonn gebe es kein explizites "Anti-WM Programm", sagt Sprecher Michael Seeboth. An den Spieltagen der deutschen Kicker stehen Oper, Ballett und Theater auf dem Plan - ohne Bezug zum runden Leder. "Wir können auch keine fußballbedingten Zuschauerzahleneinbrüche feststellen. In den Sommermonaten sind die Besucherzahlen ohnehin rückläufig."

Wer vor dem Fußball Reißaus nehmen will, kann auch nach Aachen fahren. Als "Alternative für all die, die keinen Fußball gucken möchten", präsentiert dort das Theater seine Aufführungen. So wird etwa am 26. Juni, wenn im brasilianischen Recife Deutschland gegen die USA antritt, in Aachen "Homo Faber" von Max Frisch gegeben - die Vorstellung ist ausverkauft. Wer ganz schnell ist, könnte theoretisch Fußball und Max Frisch unter einen Hut bringen: Das Stück beginnt um 20 Uhr, Fußball um 18 Uhr.

Das Theater Münster holt die WM-Stimmung auch auf die Bühne. Am Samstag lädt noch vor Beginn des Deutschland-Spiels ein Fußball-Liederabend zur Einstimmung ein. "Wenn die deutsche Mannschaft spielt, sind natürlich Einbrüche zu verzeichnen. Ansonsten haben wir genauso viel Publikum wie sonst auch", sagt Sprecher Wolfgang Türk.

"Ob die Leute sich für Theater entscheiden, hängt auch von den Stücken ab, die man anbietet - und Tolstoi kann durchaus mit Jogi Löw mithalten", sagt ein Sprecher des Theaters in Essen. "Man muss es den Leuten so schwer wie möglich machen, wenn sie zwischen Fußball und Theater wählen können." So spielt das Theater "Anna Karenina", auch an heiklen Tagen mit WM-Konkurrenz. Alle Vorstellungen sind ausverkauft. Ohnehin sei der Bühnen-Spielplan mit einer Vorlaufzeit bis zu eineinhalb Jahre geplant. "Da steht der Spielplan der Fußball-WM noch gar nicht fest."

Auch im Dortmunder Konzerthaus rechnet man trotz WM nicht mit einem Rückgang der Zuschauerzahlen. "Wir haben ein festes Klassik-Publikum. Das will dann trotz Fußball auch Klassik sehen und hören", sagt ein Sprecher. Vorsorglich aber hat man Überschneidungen mit Vorrundenspielen der deutschen Mannschaft vermieden - dann bleibt das Konzerthaus geschlossen. Zur Not kann später im Foyer ein Fernseher aufgebaut werden.

Bei der Gestaltung des Spielplans nimmt das Schauspielhaus Bochum keine Rücksicht auf die Fußball-WM. "Wir gucken schon und wissen, wann die wichtigen Spiele sind. Aber wir werden deshalb nicht das Spielen einstellen und machen normal weiter", sagt eine Sprecherin. Ibsen aber kann doch nicht mit Müller und Co konkurrieren. So war das Stück "Hedda Gabler", das am Samstag auf dem Plan steht, Mitte der Woche nur zu einem Drittel gebucht.

Sollte die deutsche Elf das Finale der WM erreichen, drohen Theaterbesuchern zumindest in Bochum und Essen keine Konflikte mehr. Das Bochumer Schauspielhaus geht nach dem 6. Juli in die Spielzeitpause. Auch in Dortmund und Essen sind die Türen dann geschlossen.

# dpa-Notizblock

Quelle: wa.de

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