Theorie als (zu) hohe Hürde

"Mafiöse Tendenzen": Betrugsversuch bei jeder fünften Führerscheinprüfung im MK

Bei einer theoretischen Führerscheinprüfung zeigt der Prüfer ein Tablet mit einer Prüfungsfrage. Die Prüfungen finden seit 2010 zentral bei Tüv und Dekra statt. Im Märkischen Kreis ist daraus eine Betrugsmasche geworden (Symbolbild).
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Bei einer theoretischen Führerscheinprüfung zeigt der Prüfer ein Tablet mit einer Prüfungsfrage. Die Prüfungen finden seit 2010 zentral bei Tüv und Dekra statt. Im Märkischen Kreis ist daraus eine Betrugsmasche geworden (Symbolbild).

Schon zum dritten Mal ist ein Mann aufgeflogen, der für einen syrischen Landsmann die theoretische Führerscheinprüfung ablegen wollte. Dahinter steckt eine lukrative Masche.

  • Betrüger verdienen sich offenbar an der theoretischen Führerscheiprüfung eine goldene Nase.
  • Immer mehr Fälle von technischer Manipulation oder "Stellvertreter-Prüfungen" werden bekannt.
  • Im Märkischen Kreis (NRW) wurde ein Syrer jetzt zum dritten Mal auf frischer Tat erwischt.

Iserlohn/Lüdenscheid - Am 15. Juni in Lüdenscheid, am 22. Juni in Iserlohn – und Ende Februar schon einmal ebenfalls in Iserlohn: Ein Mann aus Bielefeld hat zum dritten Mal versucht, im Märkischen Kreis beim Tüv die theoretische Führerscheinprüfung für einen syrischen Landsmann abzulegen.

Der 53-jährige Mann gab sich diesmal als 50-jähriger Arnsberger aus und legte dessen Unterlagen vor, um für die Theorieprüfung am Computer zugelassen zu werden. Der "echte" Fahrschüler habe indes vor dem Tüv-Gebäude gewartet, so die Kreispolizeibehörde Märkischer Kreis.

Exakt eine Woche ist es erst her, dass der gleiche Mann aus Bielefeld als 44-jähriger Schalksmühler in Lüdenscheid diese Theorieprüfung ablegen wollte. Und schon da roch die Prüferin im Schulungsraum den Braten: Ihr kam der Mann bekannt vor – sie alarmierte die Polizei, wie COME-ON.de* berichtet.

Betrug bei theoretischer Fahrprüfung: Beim Tüv Hausverbot

Beamte schnappten den 53-Jährigen beim Fluchtversuch. Diesmal in Iserlohn wollten ihn Zeugen bis zum Eintreffen der Polizei stoppen, was misslang. Nichtsdestotrotz droht dem Bielefelder, der beim Tüv Hausverbot hat, jetzt richtig Ärger: Zusätzlich zum Verfahren wegen Missbrauchs von Ausweispapieren und wegen Hausfriedensbruchs droht ihm der Entzug des Führerscheins.

"Die charakterliche Eignung zum Führen von Fahrzeugen steht in Frage", betonte Polizeisprecher Christof Hüls. Seine Behörde werde sich mit der Fahrerlaubnisbehörde des Ordnungsamtes Bielefeld in Verbindung setzen. "Möglicherweise kann ihm die Fahrerlaubnis entzogen werden."

Betrug bei theoretischer Fahrprüfung: "Mafiöse Tendenzen"

Bis zu 2500 Euro lassen sich Betrüger ihre Arbeit offenbar kosten. Das Geschäft floriert vor allem wegen der Sprachbarriere und der damit verbunden Angst der "Kunden", durch die Prüfung zu fallen.

"Die Straßenverkehrsbehörde des Märkischen Kreises geht inzwischen davon aus, dass bis zu jede fünfte Führerscheinprüfung heute eine Stellvertreter-Prüfung oder technisch manipuliert ist", sagt Kreissprecher Hendrik Klein. "Das nimmt deutlich zu, wir gehen davon aus, dass das gewerbsmäßig betrieben wird. Das hat mafiöse Tendenzen", so Klein.

Betrug bei theoretischer Fahrprüfung: Prüfer werden geschult

800 solcher Fälle sind alleine beim Tüv Nord aktenkundig. Diese Häufung hat dazu geführt, dass Prüfer sensibilisiert und geschult werden. Schon beim Blick auf die Anmeldeunterlagen wuchs im konkreten Fall die Skepsis: Warum will ein Mann aus Arnsberg in Iserlohn die theoretische Prüfung ablegen? Das Misstrauen erwies sich als begründet.

Als die theoretische Prüfung noch in der Fahrschule des Vertrauens absolviert werden musste, gab es die Betrugsmasche nicht. Seit 2010 aber wird die theoretische Prüfung nur noch am PC zentral bei Tüv oder Dekra durchgeführt.

Betrug bei theoretischer Fahrprüfung: Beim Tüv Hausverbot

Wer dafür zugelassen werden will, muss einen Termin von seiner Fahrschule zugewiesen bekommen, Personalausweis oder Reisepass sowie die Bescheinigung über den "Abschluss der theoretischen Ausbildung" vorlegen und die Gebühren bezahlen. 

Wenn die Fake-Prüfung nicht als "Stellvertreter-Prüfung" von einer anderen Person abgelegt wird, kommt bisweilen technisches Equipment wie Mini-Kamera oder Knopf im Ohr zum Einsatz. Motiv sind entweder "Bequemlichkeit" in Sachen Lernen oder aber Unvermögen bzw. Sprachprobleme – wie jetzt im Fall aus dem Märkischen Kreis.

Betrug bei theoretischer Fahrprüfung: Arabischer Raum betroffen

Der arabische Sprachraum ist besonders betroffen. Zwar ist die Prüfung selbst auch auf Hocharabisch möglich, das aber längst nicht alle Prüflinge verstehen, weil sie Stammessprachen sprechen.

Wer sich auf die Betrugsmasche einlässt, sieht den Führerschein nach Einschätzung von Tüv und Polizei vor allem als Eintrittskarte für den Arbeitsmarkt an. Weil in vielen Ländern der Welt Führerscheine legal gekauft werden dürfen, greifen Menschen auch in Deutschland zu diesem Mittel.

Manchmal werden sie enttarnt – aber längst nicht immer. Nur gut, dass der Weg auf die Straße unverändert über Fahrstunden und die praktische Prüfung führt. Da helfen weder Stellvertreter noch Technik...

Video: Kennen Sie die richtigen Antworten?

Übrigens: Glauben Sie, dass Sie die theoretische Führerscheinprüfung bestehen? Sie können es im Netz ausprobieren.

*COME-ON.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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