Frie Leysen leitet Festival „Theater der Welt“

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Die Zigarette soll mit aufs Bild: Festival-Leiterin Frie Leysen ▪

Von Ralf Stiftel ▪ MÜLHEIM–So ein gewalttätiges Wort. Elektroschock. Das sagt Frie Leysen gern, um ein Festival zu beschreiben wie das „Theater der Welt“. Dabei meint diese wache, grauhaarige Frau, die als erstes fragt, ob es stört, wenn sie raucht, es nicht brutal. Ein Elektroschock soll es sein, dieses Fest der Künste, im Sinne einer Überdosis. Wenn die Leute sonst jede Woche einmal ins Theater gehen, dann sollen sie jetzt fünf, ja sieben Mal kommen. Sie empfindet das positiv, eine therapeutische Wirkung, eine Überwältigung will sie ihren Besuchern bescheren. Radikal, ja, das soll es schon sein, anders, ungewöhnlich. Alles, bloß kein Mainstream.

Die belgische Festivalmacherin leitet das „Theater der Welt“, das vom 30. Juni bis 17. Juli in Mülheim und Essen gastiert. Sie ist die erste internationale Programmdirektorin des Festivals, das im Drei-Jahres-Rhythmus vom Internationalen Theaterinstitut veranstaltet wird. Der Zyklus wurde verkürzt, damit das „Theater der Welt“ im Kulturhauptstadtjahr gespielt wird. Frie Leysen, 60, geboren in der flämischen Provinzstadt Hasselt, ist eine Idealbesetzung für so ein Ereignis. Zuerst natürlich, weil sie sich auf diesem Arbeitsfeld so bewährt hat. Sie hat als Gründerin gewirkt, hat in Antwerpen von 1980 an das Kulturzentrum De Singel aufgebaut, in Brüssel das genreübergreifende Kunstenfestivaldesarts gegründet, hat im arabischen Raum das Festival Meeting Points 5 ausgerichtet, in elf Städten zwischen Marokko und Syrien.

Sie passt auch, weil sie Gegensätze vereint. Sie trägt sich unprätentiös. Kein aufwendiger Schmuck, graue Kleidung. Sie begegnet dem Besucher auf Augenhöhe, stellt selbst schon mal eine Frage. Aber bei aller Freundlichkeit spürt man, dass sie ein klares Konzept hat. Was künstlerische Inhalte betrifft, kennt sie keine Kompromisse. Die studierte Kunsthistorikerin verließ 1979 das renommierte Festival van Vlaanderen, weil es ihr zu kommerziell war. In Antwerpen war de Singel ein Bau für das Konservatorium, gedacht für Studenten, um sich in professionellen Strukturen vorstellen zu können. Aber es war zu groß für diesen Zweck, erzählt Frie Leysen in ihrem Mülheimer Büro. Welcher Student mag schon im Konzertsaal mit 1000, im Theater mit 800 Plätzen auftreten? Sie sollte die Vermietung planen. „Ich habe angefangen als Concierge“, sagt sie bescheiden, „ich verwahrte die Schlüssel, sollte die Säle vermieten. Aber ich fand das nicht interessant. Noblesse oblige: Wenn man schon Ambitionen hat für die Steine, dann muss man auch einen Inhalt dazu präsentieren.“ So erfand sie ein Programm mit avantgardistischer Prägung, Tanz, Theater, Musik, Architektur. Anfangs ohne Budget. Aber mit schnellem Erfolg. Sie hatte die Großen in Antwerpen: Regisseure wie Peter Stein und Robert Wilson, den Künstler und Theatermacher Jan Fabre, Choreografen wie Merce Cunningham und Pina Bausch.

Das Erfolgsrezept? „Man kann nie sagen, es gibt kein Publikum. Zuerst muss man ein Angebot haben. Die Leute waren hungrig, etwas anderes zu sehen als Mainstream.“ 1991 gab sie den Job auf. „Eine Institution darf nicht alt werden mit ihrer Direktion. Nach zehn Jahren hatte ich gesagt, was ich in diesem Kontext zu sagen hatte.“ Sie ging nach Brüssel, ein Festival zu erfinden. „Brüssel war nicht nicht à la hauteur einer Hauptstadt, erst recht einer europäischen Hauptstadt. Den Anspruch muss man nicht nur politisch und ökonomisch erfüllen, sondern auch intellektuell und künstlerisch.“ So übertrug sie Antwerpener Vorstellungen hierher – nicht mehr als Saisonbetrieb, sondern als dreiwöchiges Festival, als, und nun fällt das Wort wieder: „Elektroschock“.

Schon damals interessierte sie sich für Kulturen außerhalb Europas. Sie fuhr nach China, suchte den Kontakt zur nichtstaatlichen Szene. Das ist ihr bis heute wichtig: der nichtkoloniale Blick. Sie möchte Ausdrucksformen zeigen, die nicht dem Regelkanon abendländischer Kultur folgen. Sie erklärt am Beispiel Frankreichs: „Da gibt es die Instituts Francaises. Zivilisation heißt dabei, dass die Afrikaner Molière spielen können, eine gute Kopie von westlichem Theater.“

Sie hat andere Vorstellungen. Auch wenn sie das „Theater der Welt“ mit abendländischer Kultur eröffnet, einer Barockoper von Carl Heinrich Graun auf ein Libretto des Preußenkönigs Friedrich II., des „Großen“. Nur eben, dass die Nachfahren der einst Kolonialisierten das Werk interpretieren. Regie in der lateinamerikanischen Produktion führt der mexikanische Regisseur und Sänger Claudio Valdés Kuri. Die Inszenierung soll das Werk nicht dekonstruieren. Frie Leysen schwärmt von der „wunderschönen Musik“. Und unterstreicht, dass Kunst zeitgenössisch sein muss, politisch bedeutsam.

Was andere Festivals als Markenzeichen betrachten, lehnt sie ab. Sie vergibt keine Aufträge. Sie hat kein Leitthema. „Wir sind Antennen, die spüren, what is in the air. Aber wir haben keine Agenda, was die Künstler machen sollen. Die Künstler sind nicht da, um unsere Ideen zu illustrieren.“ Am liebsten würde sie das Festival umbenennen, die Künstler in den Titel nehmen. Sie hat sich deren Arbeit gründlich angeschaut. Nun lässt sie ihnen Freiheit. Einige Gruppen haben sich inspirieren lassen vom Ruhrgebiet. Das belgische Medienkollektiv Berlin zum Beispiel zeigt ein „Dokufiktionspanel“, eine moderne Videokonferenz, in der es um ein Luxushotel auf Zollverein geht. Der Schweizer Künstler Hans-Peter Litscher hat die Sammlung eines Bergarbeitersohns aufgespürt, die der Heiligen Barbara gewidmet ist, und führt durch dieses Kuriositätenkabinett.

Seit mehr als zwei Jahren arbeitet Frie Leysen am Festival, wohnt in Essen, weil es ihr wichtig ist, zu verstehen, wie die Leute hier sind. Ein wenig unsicher ist sie schon. Ob denn die Ruhrgebietsbewohner so neugierig sind, dass sie nach Mülheim, nach Essen fahren, um sich überraschen zu lassen? Sie könne ja nicht versprechen, dass jede Aufführung fantastisch sei. „Was ich verteidigen kann ist, dass die Künstler wirklich interessante Leute sind.“ Einiges ist bereits bewährt wie die Operninszenierung von William Kentridge.

„Wissen Sie, es ist leicht, ein Festival mit Stars zu machen“, sagt sie, „man hat eine Liste, setzt Peter Brook drauf, Peter Stein, Luc Bondy... das geht schnell. Aber wir haben doch auch eine Verantwortung für die jungen Künstler. Die großen Künstler von heute kennen wir. Aber woher kommen die großen von morgen?“

32 Produktionen an 18 Tagen, zunächst eine Woche am Mülheimer Theater an der Ruhr, dann am Essener Grillo-Theater – das ist das „Theater der Welt“ (30.6.–17.7.). Elf Produktionen sind Weltpremieren, vier wurden für das Ruhrgebiet entwickelt. Einige Höhepunkte:

Montezuma. Barocke Heldenoper, Regie: Claudio Valdés Kuri, musikalische Leitung: Gabriel Garrido. 30.6., 1., 2.7.

Nijinsky Siam. Der thailändische Meister des Khon-Tanzes, Pichet Klunchun, würdigt den legendären Choreografen Nijinsky. 1.-3.7.

A Piece Of Land. Projekt der Künstlerin Anna Rispoli mit Mülheimer Bürgern über die Großbaustelle Ruhrbania. 1., 3.7.

Tagfish. Dokufiktionspanel der Gruppe Berlin über ein Luxushotel auf Zollverein. 2.-4.7.

I am not me, the Horse is not Mine. Opernarbeit des südafrikanischen Künstlers und Regisseurs William Kentridge. 3., 4.7.

Welcome To Rocksburg. Schrilles Gangstertheater des südafrikanischen Regisseurs Mpumelelo Paul Grootboom. 5., 6.7.

Birds With Skymirrors. Choreografie des Schamanen und Tänzers Lemi Ponifasio über den großen pazifischen Müllstrudel. 8., 9., 10.7.

Dyddiau Du - Dunkle Tage. Autobiografisches Konzert des Rockmusikers John Cale. 9., 10.7.

Il Ritorno d'Ulisse in Patria. Monteverdis Barockoper für Puppen, Regie: William Kentridge. 10., 11.7.

Tel. 0201/ 81 22 200, http://www.theaterderwelt.de

Quelle: wa.de

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