Mohammed: Schüler aus Syrien im Kirchenasyl

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Mohammed könnte bei SKV eine Ausbildung absolvieren, wenn ihm jetzt nicht die Abschiebung drohen würde.

Kierspe - Ali, Alaa und Mohammed sind syrische Flüchtlinge im Kirchenasyl der evangelischen Gemeinde. So schützen sie sich vor einer drohenden Abschiebung. Mohammed macht ein Praktikum in einem Architekturbüro.

„Er hat viel Talent und ist dazu ein netter Kerl. Wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind, könnte ich mir vorstellen, dass er eine Ausbildung bei uns macht, vielleicht sogar schon ab August“, äußerte sich Bernd Schölzel, Geschäftsführer des Architektur- und Ingenieurbüros SKV über den 20-jährigen Flüchtling Mohammed. Doch daraus wird wohl erst einmal nichts. Bei einem Besuch des Ausländeramtes erfuhr der Syrer, dass ihm in Kürze die Abschiebung nach Ungarn droht.

Presbyterium tagte kurzfristig

Nach einer entsprechenden Mitteilung an Pfarrer Reiner Fröhlich kam das Presbyterium der evangelischen Kirchengemeinde noch am Donnerstagabend zusammen, so dass Mohammed noch in der gleichen Nacht unter dem Schutz des Kirchenasyls ins Lutherhaus einziehen konnte. Damit befinden sich derzeit drei junge Syrer in der kirchlichen Einrichtung.

Von Bombensplitter am Bein verletzt

Mohammed wuchs in Aleppo auf, eine Stadt, die noch 2006 Kulturhauptstadt des Islam wurde. Doch davon ist nicht viel übrig geblieben, denn seit Jahren tobt ein Bürgerkrieg um die strategisch wichtige Stadt. Große Teile, darunter auch viele historische Stadtviertel, sind inzwischen zerstört – ein normales Leben nicht mehr möglich. Nachdem Mohammed durch den Splitter einer Bombe am Bein verletzt wurde, entschloss sich der junge Mann, der eigentlich in Kürze sein Abitur machen wollte, zur Flucht. Gemeinsam mit seinem Bruder machte er sich auf nach Deutschland. Doch dieser Weg führte unter anderem durch die Türkei, Bulgarien, Serbien, Ungarn und Österreich. In Ungarn wurden die beiden Syrer aufgegriffen und inhaftiert. Auch wurden dort ihre Fingerabdrücke erfasst. Allerdings ging bei dieser erkennungsdienstlichen Behandlung bei dem Bruder von Mohammed etwas schief. So dass dieser nun in Deutschland bleiben darf – wenn auch vorerst nur für drei Jahre.

Menschenunwürdige Bedingungen?

Mohammeds Fingerabdrücke wurden mit den in Deutschland eingescannten verglichen. Und daraus ergab sich ein Abschiebungsgrund in das mit „systemischen Fehlern“ behaftete Ungarn. Zahlreiche Hilfsorganisationen bestätigen, dass die Flüchtlinge dort unter menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen. Und es gibt auch Verwaltungsgerichte in Deutschland – unter anderem Köln und Berlin – die nicht mehr nach Ungarn abschieben. Das Verwaltungsgericht in Arnsberg hat da aber wohl eine andere Sicht der Dinge.

Bis zu sechs Monate im Kirchenasyl

Wie lange er im Asyl bleiben muss, dazu konnte Fröhlich keine Auskunft geben. Fakt ist, halten sich Flüchtlinge länger als sechs Monate in Deutschland auf, dann wird das Asylverfahren hier eröffnet und nicht in dem „sicheren“ Drittstaat, in dem sie zuerst registriert wurden. Nur der Fristbeginn wird unterschiedlich gesehen. Das ist auch der Grund, warum die beiden anderen Flüchtlinge, Ali und Alaa, noch im Lutherhaus wohnen müssen. „Bei Alaa, der seit März bei uns ist, rechnen wir eigentlich täglich mit einem Ende der Frist und damit, dass der junge Mann das Kirchenasyl verlassen kann. Bei Ali wird es wohl noch ein bisschen länger dauern“, so der Pfarrer.

Trio wird vom Arbeitskreis Flüchtlinge betreut

Alle drei werden von dem Arbeitskreis Flüchtlinge betreut. Ali und Mohammed wurden bereits seit Monaten von Fritz Schmid in Deutsch unterrichtet. Und auch die Gesamtschüler setzten sich für ihre neuen Mitschüler ein. Nahezu 1000 Gesamtschüler haben mit ihrer Unterschrift bekräftigt, dass sie einen Verbleib der syrischen Flüchtlinge fordern und wünschen.

Update von Mohammed, Ali und Alaa vom 22. Juli 2015

Den Flüchtlingen droht weiterhin die Abschiebung nach Ungarn, weshalb die drei weiter im Kirchenasyl im Lutherhaus der Evangelischen Kirchengemeinde Kierspe ausharren müssen. „Für diese extrem belastende Situation haben Mohammed, Ali und Alaa erstaunlich gute Laune. Aber in bestimmenden Situationen ist ihnen doch anzumerken, wie sehr sie das Ganz physisch und psychisch belastet“, sagt Fritz Schmid, der sich mit einem ehrenamtlichen Helferteam bekanntlich intensiv um die Betreuung der jungen Syrer kümmert. Die rechtliche Lage ist dabei unverändert.

So ist die genaue Rechtsgrundlage

Auf Grundlage der so genannten Dublin-III-Verordnung hat das Verwaltungsgericht Arnsberg entschieden, dass das Trio nach Ungarn abgeschoben werden soll. Diese Verordnung besagt, dass Flüchtlinge in dem Land ihren Asylantrag stellen müssen, über das sie in den EU-Raum eingereist sind, und dieses ist bei den drei Syrern eben Ungarn. Selbsteintrittsrecht ist möglich Allerdings ermöglicht Dublin III allen EU-Staaten über das Selbsteintrittsrecht auch selbst ein Asylverfahren einzuleiten, wenn den Flüchtlingen nach der Abschiebung besondere Härten drohen. Diese sehen Schmid und seine Mitstreiter für Ungarn gegeben, weil das Land in den Medien immer wieder wegen menschenunwürdiger Bedingungen für Flüchtlinge massiv in der Kritik stehe.

Zuversicht, die Abschiebung verhindern zu können

„Es ist deshalb wichtig, dass wir intensiv an diesem Thema dranbleiben. In dieses Land dürfen die drei keinesfalls abgeschoben werden“, sagt Schmid. Petition abschlägig beschieden Obwohl seine Petition an den Deutschen Bundestag, für diese drei Syrer das Asylverfahren in Deutschland zu eröffnen mittlerweile abschlägig beschieden worden ist und über eine zweite Petition der Kiersper Gesamtschüler noch nicht entschieden worden ist, gibt sich Schmid weiterhin zuversichtlich, die Abschiebung verhindern zu können.

„Wenn bestimmte Aufenthaltsfristen überschritten werden, dürfen die Jungs hier bleiben. Deshalb stehen wir über unseren anwaltlichen Beistand in Kontakt mit den zuständigen Stellen des Märkischen Kreises und des Verwaltungsgerichts, um hoffentlich eine positive Lösung herbeizuführen“, so Schmid.

Von Markus Wilczek und Johannes Becker

Quelle: wa.de

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