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Tönnies wirbt Ukraine-Flüchtlinge an Grenze an - Fleischkonzern reagiert auf Kritik

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Von: Tobias Hinne-Schneider

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Der Fleischkonzern Tönnies wirbt ukrainische Flüchtlinge aus der Ukraine als Arbeitskräfte an. Das Unternehmen reagiert auf die heftige Kritik.

Update vom 31. März, 15.06 Uhr: Die Firma Tönnies, Deutschlands größer Schlachtbetrieb aus Rheda-Wiedenbrück in NRW, hat nach Kritik an Jobangeboten für Flüchtlinge an der polnisch-ukrainischen Grenze das Angebot vorerst eingestellt, wie ein Unternehmenssprecher mitteilte. Zuvor hatte der NDR über Kritik von Flüchtlingsorganisationen und aus der Politik berichtet, bei der dem Lebensmittelproduzenten unsensibles Verhalten vorgeworfen wurde.

„Sorry, vielleicht waren wir hier zu voreilig“, hieß es in einer Stellungnahme. Das Unternehmen habe auf Initiative des Europaabgeordneten Dennis Radtke Lebensmittel und Hygieneartikel für Babys und Kleinkinder nach Südpolen gebracht. Dort wurden die Spenden von der Caritas verteilt. Bei den Gesprächen vor Ort sei der Wunsch geäußert worden, so das Unternehmen, schnell in Europa einen Job zu finden, um Geld zu verdienen, damit die Flüchtlinge nach dem Krieg ihre Häuser in der Ukraine wieder aufbauen könnten.

„Unter dem Einfluss dieses emotionalen Besuchs entstand die Idee des Unternehmens, direkt an der polnisch-ukrainischen Grenze Flüchtlingen Unterstützung durch Arbeitsplätze und Wohnungen anzubieten. Die Dankbarkeit für das Angebot bei den Flüchtlingen war sehr hoch.“

Tönnies werde ab sofort sämtliche weitere Maßnahmen nun mit Politik und Behörden absprechen. Laut Stellungnahme ging es darum, Menschen zu helfen. „Eigentlich hat das Unternehmen derzeit nicht einmal Bedarf an zusätzlichen Kräften. So gibt es sogar einen Einstellungsstopp in den Kernbereichen.“ Die Arbeitsplätze schaffe der Lebensmittelhersteller extra für die Flüchtlinge, und zwar je nach Qualifikation in verschiedenen Bereichen, teilte Tönnies mit.

Fleischkonzern Tönnies wirbt Ukraine-Flüchtlinge an Grenze an: Scharfe Kritik an Tönnies

[Erstmeldung] Hamm - Millionen Menschen fliehen vor dem russischen Angriffskrieg aus der Ukraine. Die Menschen stranden häufig zunächst an der polnisch-ukrainischen Grenze. Flüchtlingshelfer bezeichnen die Lage dort als chaotisch. Mittendrin: Mitarbeiter des Fleischkonzerns Tönnies aus Rheda-Wiedenbrück (NRW). Sie werben Kriegsflüchtlinge für die Arbeit in den Fabriken an. Das Vorgehen des Unternehmens wird scharf kritisiert. (Alle aktuellen Infos zum Russland-Ukraine-Konflikt bei uns im News-Ticker)

UnternehmenTönnies Holding
HauptsitzRheda-Wiedenbrück
Mitarbeiterrund 16.500 (2020)

Fleischkonzern wirbt Ukraine-Flüchtlinge an Grenze an: Scharfe Kritik an Tönnies

Tönnies-Sprecher Fabian Reinkemeier hat auf Anfrage der ARD bestätigt, dass Mitarbeiter des Unternehmens an die polnisch-ukrainische Grenze geschickt wurden, um dort den überwiegend weiblichen Kriegsflüchtlingen ein Arbeitsangebot zu machen. „Wir bieten elf Euro die Stunde und liegen damit über dem gesetzlichen Mindestlohn“, sagte Fabian Reinkemeier. Darüber hinaus wird den Geflüchteten eine Unterkunft in Deutschland, etwaige Zuschläge und der Transport angeboten. Die Kosten für die Unterkunft werden vom Gehalt einbehalten - das ist einem Handzettel zu entnehmen, den die Tönnies-Mitarbeiter an der Grenze verteilen.

Fleischkonzern wirbt Ukraine-Flüchtlinge an Grenze an: Das steht auf den verteilten Handzetteln

Das wird den Kriegsflüchtlingen auf dem Handzettel angeboten:

Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben schon ein Dutzend Kriegsflüchtlinge in Deutschland eingestellt. „Wir haben vereinzelt schon Frauen mit Kindern zu uns geholt, da wir familiengeeignete Unterkünfte auf dem privaten Wohnungsmarkt für sie finden konnten“, erklärte Reinkemeier weiter.

Fleischkonzern wirbt Ukraine-Flüchtlinge an Grenze an: Flüchtlingsorganisation kritisiert das Vorgehen

Patrick Walkowiak von der Flüchtlingshilfsorganisation Friends of Medyka sagte dem ARD-Magazin Panorama, er habe die Anwerbungsversuche im polnischen Aufnahmelager Przemyśl mitbekommen und selbst mit den Tönnies-Mitarbeitern gesprochen. Ihm zufolge sollen nur Menschen, die auch in den Fabriken der Tönnies Holding arbeiten können, mit nach Deutschland genommen werden - Ältere und Kinder nicht. Die Geflüchteten befänden sich in einer absoluten Notlage und könnten in dieser Extremsituation die Anwerbeversuche gar nicht einordnen, so der Flüchtlingshelfer.

Dass Kindern und Älteren der Transport verwehrt wird, bestätigte Reinkemeier nicht. Die Kritik kann das Unternehmen offenbar nicht nachvollziehen. Wir helfen den Kriegsflüchtlingen vor Ort und bieten ihnen eine Zukunftsperspektive“, wird der Sprecher weiter zitiert. „Wir bereichern uns nicht an der Not der Flüchtlinge.“ Nur wenn die Flüchtlinge im Unternehmen arbeiten, dürfe man ihnen eine Dienstwohnung anbieten.

Der Miteigentümer der Unternehmensgruppe Tönnies Holding, Clemens Tönnies, spricht bei einem Interview.
Clemens Tönnies ist Miteigentümer der Unternehmensgruppe Tönnies Holding. © Friso Gentsch/dpa

Fleischkonzern wirbt Ukraine-Flüchtlinge an Grenze an: Politik will schnelle Lösungen

In der Politik wird das Vorgehen von Tönnies verurteilt. Clara Bünger, flüchtlingspolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, kritisiert in der ARD, dass Tönnies die Notlage der Menschen ausnutze. „Die Beschränkung seines Hilfsangebots auf Einzelpersonen, die sich verpflichten, in seinen Fleischfabriken zu arbeiten, macht sprachlos.“ Als „unmoralisch und würdelos“, bezeichnet Filiz Polat, die Grüne-Migrationsexpertin, das Angebot des Unternehmens.

Die Politikerinnen erklärten darüber hinaus, dass es wichtig sei, schnell eine Infrastruktur für Geflüchtete zu schaffen, damit diese nicht auf „zweifelhafte Angebote von Unternehmen wie Tönnies angewiesen sind.“

Clemens Tönnies hatte in einem Beitrag auf Twitter und LinkedIn zu Beginn klare Stellung zum Konflikt in der Ukraine bezogen. Das Vorgehen von Wladimir Putin verurteilt er. Der ehemalige Schalke-Boss hatte sogar „seinem Verein“ Hilfe angeboten, nach dem Aus des russischen Hauptsponsors Gazprom. Dennoch bleibt Tönnies umstritten. In die Kritik war das Unternehmen gleich zu Beginn der Corona-Pandemie geraten - nach Massenausbrüchen in den Fabriken.

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