Ernst Gerlach führt den Asso Verlag Oberhausen

+
Ein Mann, der Bücher liebt: Verleger Ernst Gerlach in den Räumen des Asso Verlags in Oberhausen. ▪

Zwischen den Zechenhäusern spielen Kinder, ein Junge steht in einer Pfütze, ein Mädchen drückt sich am Schaufenster das Näschen platt. Diese Fotografien sind auf großen Kalenderbildern zu sehen – in schwarzweiß. Es sind historische Aufnahmen aus den 50/60er Jahren, als das Leben noch überschaubar war. Der Asso Verlag Oberhausen gibt solche Kalender heraus, die eine Reminiszenz an Ruhrgebietzeiten darstellen und auch andernorts verstanden werden. „Blagen“ heißt so ein Kalender oder „Um die Ecke – Neues aus der Siedlung“. Von Achim Lettmann

Für die aktuelle Ausgabe hat der kleine Verlag sogar einen Preis erhalten auf der Internationalen Kalenderschau des Graphischen Klubs Stuttgart. Ernst Gerlach ist froh, dass er diese Kalender-Reihen hat. Der Verleger war auf der Suche nach Cover-Illustrationen und stieß auf das Fotoarchiv der Stiftung Ruhr Museum in Essen. „Der Tipp einer Mitarbeiterin“, sagt der 66-Jährige, „wie das halt so geht.“ Gerlach hat mit seinem Team bereits vor Jahren die Substanz dieser Alltagsfotografie erkannt. Heute gibt es noch ein Geschenkbuch und Postkarten dazu.

Mit den Publikationen wird querfinanziert – das heißt, Belletristik ermöglicht. Der Asso Verlag baut langsam ein breites Programm auf. „Ich bin Amateur mit Liebe zum Verlagswesen“, sagt Ernst Gerlach. „Wir machen emanzipatorische Literatur und setzen einen Stich gegen Trendmeinungen.“ Dazu zählt Jürgen Links Roman „Bangemachen gilt nicht...“, der von 68ern im Ruhrgebiet handelt. Oder Eva Kurowskis Roman „Avanti Popoloch“, eine sozialistische Kindheit im Revier.

2005 hat Ernst Gerlach den Asso Verlag gekauft und ist damit nach Oberhausen-Königshardt gezogen. Asso steht für „Assoziationen“, für gemeinsames Engagement. Anfang der 70er Jahre wurden Bücher für die links-alternative Szene publiziert. Anneliese Althoff und Annemarie Stern führten den Verlag. Sie brachten „Lieder gegen den Tritt“ heraus, ein Standardwerk zum politischen Lied, das in jede Kommunen-WG gehörte.

Der Asso Verlag setzte auf Arbeiterliteratur, auf politische Aufklärung und Vergangenheitsbewältigung. Ruhrkumpel Kurt Küther schrieb Gedichte und Prosa in „Und doppelt zählt jeder Tag“. Geschichten aus dem Kohlenpott erzählte Josef Büscher, und Anne-Marie Fabian veröffentlichte Auschwitz-Gedichte: „Wink über das Aschenfeld“. Aber zum Beginn des Jahrtausends war die Käuferschaft für politische Literatur ausgedünnt. Bei Asso ging es bergab.

Rund 50 Titel hält der Asso Verlag noch aus dem alten Bestand vor. 35 neue Titel kommen hinzu. Die Vertriebswege sind über den Buchhandel professionell aufgebaut worden. Der alte Asso Verlag verkaufte seine Exemplare ausschließlich an Bücherständen. Das sei heute kaum noch denkbar, sagt Gerlach. Aber ein aktueller Verkaufsweg des Asso Verlags erinnert dann doch an alte Zeiten. Der Oldtimer-Fan Gerlach hat einen Citroen-H angeschafft, einen kleinen Kastenwagen aus Wellblech. Mit diesem „Bücherbus“ wird das Sortiment mobil, wie zur Zeit der Bücherstände.

Das Geschäft ist schwer. Ernst Gerlach hat gelernt, dass die Menschen im Revier nicht sehr sensibel für Literatur sind. Er macht diese Erfahrung auch am Programm der Kulturhauptstadt fest. Musik habe es gegeben, bildende Kunst, aber die Literatur als wesentliche Muse der Kultur sei hinterm Vorhang geblieben, kritisiert der gelernte Kaufmann. Die großen NRW-Verlage sitzen im Raum Köln/Bonn, in Ostwestfalen und Münster. Im Ruhrgebiet sind nur kleine Verlage zuhause. Klartext in Essen bilde die Ausnahme, sagt Gerlach.

Was lässt sich denn verkaufen? Ratgeber und Gefälligkeitsliteratur, die nebenbei weg gehen, weiß Gerlach. Aber die wird es im Asso Verlag nicht geben. Das Familienunternehmen hat zwei Angestellte und einen Beirat, in dem die ehemalige NRW-Schulministerin Gabriele Behler sitzt. Hier werden Vorschläge gemacht. „Einige Autoren melden sich, weil Asso einen guten Ruf hat“, sagt Ernst Gerlach. Er ist stolz darauf, dass das letzte Buch von Hans Dieter Baroth („Café Endlich“) bei Asso greifbar ist. Diese Geschichten haben ihn entfernt an Charles Bukowski erinnert, meint Gerlach und strahlt. Auch mit den Krimis von Ursula Sternberg („Ruhrschnellweg“) ist er glücklich. Oder mit der Kurzprosa von Michael Klaus („...in die weite Welt hinaus“), der viel zu früh gestorben sei. Jürgen Lodemann, der mit seiner Krimireihe Anita Drögemöller großen Erfolg hatte, ist Romanautor bei Asso („Nora und die Gewalt und Liebessachen“). „Aber einen Hausautor kann ich mir nicht leisten“, sagt Gerlach und spielt auf Lodemanns Produktivität an.

Die Identifikation mit dem Ruhrgebiet ist ein wichtiger Bestandteil des Verlagsprogramms. Nicht nur weil Asso diese Wurzeln hat, sondern weil Ernst Gerlach in Oberhausen geboren wurde, und er eine „ungeheuere Liebe zur Region“ verspürt. Sein Vater war Elektriker auf der Gute-Hoffnungshütte. „Wir machen einen ambitionierten Verlag“, sagt Gerlach. In der Familie werde entschieden. Und auf seine Tochter hätten Bücher eine ebenso erotisierende Wirkung wie auf ihn, sagt Gerlach. Es gibt große Pläne im Hause Asso-Gerlach. Im Süden Oberhausens hat der Verleger eine uralte Zeche gekauft, Alstaden I (1853–1903). Förderturm, Pferdestall, Werkstätten und das Pförtnerhaus stehen noch. Es soll ein Literaturcafé werden inmitten eines Industriewalds.

Der Verleger

Ernst Gerlach wurde 1944 in Oberhausen geboren. Er studierte in Berlin und Münster Volkswirtschaft, Theaterwissenschaften, Publizistik. Er machte eine kaufmännische Lehre bei Siemens in Mülheim und arbeitete danach für die WestLB, in NRW-Ministerien unter Friedhelm Farthmann und war Stadtdirektor in Mülheim (1992-95). Als Staatssekretär arbeitete er im NRW-Finanzministerium unter Heinz Schleußer und baute ab 2001 die NRW-Bank der WestLB auf. Heute ist er Geschäftsführer des Verbands der kommunalen RWE-Aktionäre in Essen.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare