„Emscherkunst.2010“ zeigt vergessenes Land

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Bogumir Eckers Säule am „Herner Meer“ pfeift im Wind, eine Laterne im Wasser beleuchtet sie nachts. ▪

ESSEN ▪ Die schwankende Brücke über der Emscher bietet einen atemberaubenden Blick: Vorn rechts eine heimelige Siedlung mit Ein-Familien-Häuschen. Links rauchende Schlote und mächtige Umspanntürme. Unten das glänzende Band des Flusses. Von Ralf Stiftel

Hierher kommt man, um sich zu erleichtern. Zwei gelbe Kabinen enthalten Toiletten. Am Becken dazwischen kann man sich die Hände waschen. Selten war Kunst so praktisch wie die Gemeinschaftsarbeit der kroatischen Künstlerin Marjetica Potrc und des niederländischen Architektenbüros Ooze. „Between The Waters: The Emscher Community Garden“ überspannt auf rund 90 Metern die Insel zwischen Fluss und Rhein-Herne-Kanal.

Konzentriert findet man hier, was das Projekt „Emscherkunst.2010“ umtreibt: Eine Kläranlage. Die Fäkalien werden über natürliche Filterbeete geleitet, mit Regenwasser vermischt. Unten findet man eine Zapfstelle mit einem Produkt: Wasser in Trinkqualität. Den Wert des Wassers wollen die Künstler unterstreichen. Außerdem bauen sie auf mit ihrer Anlage bewässerten Beeten Gemüse und Kräuter an.

„Emscherkunst“ ist das aufwendigste, teuerste Kunstprojekt der Kulturhauptstadt. Von Samstag an sind 20 Arbeiten von 40 internationalen Künstlern zugänglich. 34 Kilometer lang, mal 30 Meter, mal zwei Kilometer breit ist der Streifen zwischen Emscher und Kanal, der sich von Oberhausen bis Castrop-Rauxel spannt. Die von Florian Matzner kuratierte Schau soll mit einem Etat von 11 Millionen Euro ein vergessenes Stück Land wieder in den Blick rücken. Sie wird maßgeblich von der Emschergenossenschaft getragen, die hier einen gewaltigen Landschaftswandel umsetzt – bis 2020 werden 4,4 Milliarden Euro verbaut. Die Emscher war einst die offene Abwasserleitung des Ruhrgebiets. Noch immer riecht man das, wenn man den Fluss auf einer Brücke vor dem neuen Klärwerk überquert. Die Insel ist ein einzigartiges Gelände, eine Industriebrache, von Unkraut und Gebüsch zugewuchert. Jochen Stemplewski, Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft, möchte hieraus einen „Vorgarten des Ruhrgebiets“ machen.

Nicht alle Projekte sind vollendet, eins beginnt erst: In Oberhausen entwarf Tobias Rehberger eine Fußgänger- und Fahrradbrücke, die im Herbst vollendet ist. Andere haben bereits von der Bevölkerung Spitznamen bekommen wie „reemrenreh (kaum Gesang)/Leben“ vom Bildhauer Bogumir Ecker und dem Komponisten Bülent Kullukcu im Yachthafen „Herner Meer“, die „Käsestange“. Aus dem Wasser erhebt sich eine 23 Meter hohe gelbe Säule mit Löchern, in denen sich der Wind bricht, so dass Musik erklingt, ergänzt um eine Klanginstallation auf dem Pier.

Am entgegengesetzten Ufer hat der Amerikaner Mark Dion das Clubhaus der „Gesellschaft der Amateur-Ornithologen“ aufgestellt, einen Gastank, in den er Fenster schnitt, ein Plüschsofa stellte, Regale mit Büchern für Vogelfreunde. Inspiriert hat Dion ein winterlicher Besuch, bei dem die Wasserfläche voller Vögel war. Den Besucher zischen auf dem Weg zur Kunst Gänseeltern an, die über ihre Küken wachen.

Was neue Nutzungen sein können, führt die niederländische Gruppe „Observatorium“ vor. „Warten auf den Fluss“ in Altenessen ist ein Ensemble aus Pavillonen, errichtet aus altem Gerüstholz. Am Ende der Renaturierung soll hier das neue Bett der Emscher verlaufen – bis dahin können Gäste das wild zugewucherte Terrain erleben, mit Halbpension in Jugendherbergsqualität.

Die türkische Künstlerin Ayse Erkmen setzt ein wenig flussabwärts der Ruine eines Kohlenbunkers eine Krone auf: Das Abschlussgeländer wird vergoldet. So erinnert sie an die Industriegeschichte. Die US-Künstlerin Rita McBride errichtet einen archaischen Obelisken aus einem Hightech-Material, aus Karbon. Die Landmarke fügt sich in ein Ensemble mit der 1988 errichteten Bramme von Richard Serra auf der Schurenbachhalde und dem „Tor“ von Raimund Kummer am Emscherweg aus dem Jahr 1987. Ihr schwarz glänzendes Material versinnbildlicht den einstigen Wert der Kohle, des „schwarzen Goldes“.

Am Klärwerk in Herne arbeitet Silke Wagner Arbeitergeschichte auf. Bergarbeiterproteste im Ruhrgebiet sind als mehr als neun Meter hohes Mosaik auf die Außenseite eines Faulturms aufgebracht – monumentale Szenen alter Kämpfe.

20 Werke am und im Wasser: Emscherkunst.2010 wird am Samstag mit einem Bürgerfest eröffnet. Bis 5.9. sind die Arbeiten frei zugänglich, mehr als die Hälfte der Objekte bleibt dauerhaft am Ort. Im Besucherzentrum Nordsternpark in Gelsenkirchen gibt es Karten und Kurzführer, 10 – 19 Uhr, Tel. 0151 / 58 88 57 05,

http://www.emscherkunst.de

Führungen, sonntags, 10 – 14 Uhr, Treffpunkt Besucherzentrum. Katalog in Vorbereitung, Verlag Hatje Cantz, Ostfildern

Quelle: wa.de

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