„Eltern entscheiden über die Zukunft der Schulen“

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Sylvia Löhrmann (54, Grüne, ) ist seit Juni 2010 NRW-Schulministerin. ▪

Nach ihrem ersten Jahr sitzt die rot-grüne Minderheitsregierung in Düsseldorf fester im Sattel als ihr viele zugetraut haben. Über ihren größten politischen Erfolg, die Einführung der Sekundarschule mit Hilfe der großen Oppositionspartei CDU, sprach Vize-Ministerpräsidentin und NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann mit Detlef Burrichter.

Ein Jahr Minderheitsregierung liegt nun hinter Ihnen. Wie steht es um Ihr Nervenkostüm?

Löhrmann: Bestens! Es gibt keinen Grund zur Klage. Wir haben alle Abstimmungen hinbekommen, die allermeisten ohne große Probleme. Insofern ist unser Konzept aufgegangen. Und wenn man mal auf das höchst umstrittene Feld Schule blickt: Wer hätte uns als Minderheitsregierung denn eine große Schulreform mit Verfassungsänderung zugetraut – und das mit der CDU? Wir führen islamischen Religionsunterricht ein – mit der CDU. Ebenso beim Thema Inklusion. Also: Das zentrale landespolitische Thema Schule gestalten wir zusammen mit der großen Oppositionspartei. Schöner hätte es eigentlich nicht kommen können.

Halten Sie den Politikansatz einer vorsorgenden Sozialpolitik auch nach der bitteren Niederlage vor dem Verfassungsgerichtshof, der Ihren Nachtragshaushalt für das Jahr 2010 mit der entsprechenden Kreditaufnahme untersagt hatte, für richtig?

Löhrmann: Mit dem Nachtragshaushalt wollten wir Altlasten der Regierung Rüttgers aufarbeiten. Ja, es ist richtig, in frühkindliche Bildung zu investieren, in Schule und in passgenaue Ausbildungskonzepte. Natürlich gilt trotzdem, dass wir auch die Nettoneuverschuldung abbauen müssen. Die Balance muss stimmen.

Ein Beispiel ist die Beitragsfreiheit für das letzte Kindergartenjahr vor der Einschulung. Ist das eine verpasste Chance für einen schnelleren Ausbau der Betreuungsplätze für unterdreijährige Kinder, wie Ihnen das die Träger jetzt vorwerfen?

Löhrmann: Wir tun ja beides. Wir investieren ja auch in die Verbesserung der Qualität der Kitas. Zum Beispiel bei der Personalausstattung, und das letzte Kita-Jahr wird beitragsfrei. Wir entlasten damit Familien des Mittelstandes, die immer so gerade über der Schwelle sind; das sind die, die immer zahlen müssen. Ich halte nichts davon, das gegeneinander auszuspielen. Wir haben eine Koalitionsvereinbarung, und zu der stehen wir auch.

Zur Schulpolitik: Was unterscheidet die künftige Sekundarschule von der ursprünglich von Ihnen geplanten Gemeinschaftsschule?

Löhrmann: Der Unterschied ist nur ganz gering. Die Sekundarschule hat keine eigene Oberstufe (wobei von den zwölf Gemeinschaftsschulen, die zum neuen Schuljahr an den Start gehen, ohnehin nur zwei eine eigene Oberstufe geplant hatten). Außerdem ist die zweite Fremdsprache ab der Klasse 6 nicht mehr verpflichtend. Wenn also ein Jugendlicher schon für sich entschieden hat, die Mittlere Reife zu machen und sich nicht mit einer zweiten Fremdsprache zu „belasten“, braucht er es auch nicht. Aber für die Schüler, die das Abitur anstreben, ist die zweite Fremdsprache im Programm der Sekundarschule enthalten. Insofern wird der individuelle Bildungsweg gestärkt und gefördert. Das sind die einzigen beiden Unterschiede zur geplanten Gemeinschaftsschule. Die Sekundarschule ist ein vollwertiges umfassendes Schulangebot und führt zu allen Bildungsabschlüssen.

Welche Bedeutung hat der Wegfall der Oberstufe?

Löhrmann: Das wird mehr als wettgemacht dadurch, dass wir Gesamtschulgründungen erleichtern. Wo immer eine oder mehrere Gemeinden zusammen den Bedarf für eine Schule der Sekundarstufe I und der Sekundarstufe II haben, da muss sie dann eben eine Gesamtschule gründen. Dazu reichen jetzt 25 Kinder pro Klasse. Dass bedeutet, dass Neugründungen von Gesamtschulen künftig mit 100 Kindern pro Jahrgang möglich sein werden.

Bleibt das gemeinsame Lernen in der Sekundarschule beschränkt auf die Klassen 5 und 6?

Löhrmann: Die Kommunen können sich auch für längeres gemeinsames Lernen entscheiden. Wir haben – und das finde ich toll – gemeinsam mit der CDU vereinbart, dass diese neue Schule in den Klassen 5 und 6 gemeinsame Lerngruppen vorsieht. Und ab Klasse 7 wird entschieden, entweder integriert oder teilintegriert weiter zu lernen. Letzteres bedeutet, dass in einzelnen Fächern nach Neigung und Leistungsstärke differenziert wird. Oder es geht ab Klasse 7 in getrennten Bildungsgängen weiter. Entschieden wird vor Ort.

Für wieviele neue Gesamtschulen sehen Sie Potenzial angesichts der insgesamt rückläufigen Schülerzahlen?

Löhrmann: Dazu gibt es keine Vorgaben, und auch das wird vor Ort entschieden. Insofern bedarf es guter kommunaler Schulentwicklungsplanung, die auch regional abgestimmt sein sollte. Wir wissen, dass es etliche Gesamtschulinitiativen gibt. Im vergangenen Jahr stand die Zahl 40 im Raum. Sie haben jetzt eine neue Chance.

Ist das Konzept der Realschule angsichts der neuen schulischen Möglichkeiten mit der Sekundarschule noch zeitgemäß?

Löhrmann: Das hängt davon ab, wie stark die Schülerzahlen zurückgehen und ob es gelingt, mit diesem jetzt breit getragenen Konzept der Sekundarschule die Stärken aller Schulformen zusammenzuführen. Das große Potenzial in den Realschulen – nämlich Schüler zu guten mittleren Bildungsabschlüssen zu führen, aber auch zu guten Abschlüssen, die den Besuch der gymnasialen Oberstufe ermöglichen ­- passt ja ins Konzept der Sekundarschule. Die zurückgehenden Schülerzahlen und der Rückgang der Hauptschule erhöhen den Druck. Je offensiver die Realschulen sich in die neue Konzeption einbinden, um so besser.

Wird es in 10 oder 15 Jahren noch Realschulen in NRW geben?

Löhrmann: Ja, aber das hängt von der Schulentwicklung vor Ort ab. Das entscheiden nicht wir von Landesseite. Wir schaffen keine Schulformen ab, sondern wir eröffnen Schulentwicklungsmöglichkeiten. Und letztlich entscheiden die Eltern, welche Schulen es in 10, in 15, in 20 Jahren in Nordrhein-Westfalen geben wird.

Das gilt auch für die Hauptschule?

Löhrmann: Grundsätzlich ja. Aber die Hauptschule steht viel mehr unter Druck. Von den landesweit 640 Hauptschulen ist die Hälfte so klein, dass sie den pädagogischen Erfordernissen im Grunde nicht mehr gerecht werden kann. Das sind dann Schulen, in denen eine Breite an Leistungspotenzial nicht mehr möglich ist. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen eindeutig, dass Kinder in zu eingeschränkten Lernmilieus weniger lernen. Wir wollen aber, dass unsere Kinder besser und mehr lernen.

Welche neuen Herausforderungen stellt die Sekundarschule an das Lehrpersonal?

Löhrmann: Wir brauchen insgesamt eine Weiterqualifizierung unserer Lehrkräfte. Der Anspruch ist die individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler. Das sind ganz neue Herausforderungen, erst recht wenn ich das Thema Inklusion (Anmerkung der Redaktion: gemeinsames Unterrichten von behinderten und nicht-behinderten Kindern) hinzunehme. Auf die größere Heterogenität und Vielfalt müssen wir unsere Lehrkräfte vorbereiten. Für die Sekundarschule brauchen wir passgenaue Fortbildung, und die wird es auch geben.

Quelle: wa.de

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