Einst pompöse Botschaften verrotten im ehemaligen Bonner Villenviertel

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Mitarbeiter jäten auf dem Gelände der früheren Botschaft Chinas Unkraut. Zu Zeiten der „Bonner Republik“ prägten Diplomaten aus aller Welt das Bild der Stadt. Längst haben sie in Berlin neue Quartiere gefunden.

BONN - Zu Zeiten der „Bonner Republik“ prägten Diplomaten aus aller Welt das Bild in Bad Godesberg. Längst haben sie in Berlin neu Quartier bezogen. Und in Bonn vielfach prachtvolle Häuser hinterlassen – nicht immer aber eine Augenweide.

Es ist eine Momentaufnahme mit Symbolcharakter: Zwei Bedienstete der ehemaligen Botschaft Chinas rupfen wucherndes Unkraut vor dem Treppenaufgang mit den steinernen Löwen. Es ist nicht das einzige Botschaftsgebäude, das im früheren Bonner Diplomaten- Stadtteil Bad Godesberg leer steht. Um einige Häuser ist es desolat bestellt: Sie vergammeln. Wildes Gestrüpp und Schmiergraffiti statt glänzendem diplomatischem Parkett.

Mit dem Abzug von Regierung und Parlament nach Berlin haben auch rund 10 000 Botschaftsangehörige aus aller Welt der Stadt den Rücken gekehrt. Selbstverständlich musste das Diplomatische Corps seit 1999 wieder in der alten und neuen Hauptstadt Berlin präsent sein. Für Bonn bedeutete das einen gewaltigen Exodus an Exzellenzen und einen Wandel im Godesberger Villenviertel.

Die Botschaftsgebäude, oft prächtige Häuser, wurden meist schon in den Umzugsjahren 1999/2000 geräumt und zum Verkauf angeboten. Fast alle früheren Botschaftsgebäude, immerhin rund 200 Häuser, sind inzwischen an den Mann gebracht und werden gepflegt. Oft zeugen leere Fahnenstangen von der Vergangenheit. „Vermutlich gibt es keinen anderen Ort auf der Welt mit so vielen Fahnenstangen ohne Fahnen“, erklärt Michael Wenzel, ein Kenner der Botschaften-Szenerie, der auch Spurensuch-Touren organisiert.

Die meisten der rund 160 Länder, die in Bonn akkreditiert waren, hatten Kanzlei und Residenzen im beschaulichen Südstadtteil Bad Godesberg, gegenüber dem Siebengebirge auf der anderen Rheinseite. Nur einige Länder unterhalten noch Konsulate oder Außenstellen. Die letzte Botschaft, die ihre Zelte komplett abbrach, war 2010 die Demokratische Republik Kongo. „Da war die Residenz schon verkommen“, berichtet Wenzel.

Rund zwei Dutzend Botschaften oder Residenzen stehen noch leer, einige davon verkommen ohne Gärtner als Relikte einer anderen Zeit. Darunter sind neben versteckten kleineren Schandflecken auch die markanten Botschaften von Saudi-Arabien oder Iran, die ausgerechnet an der viel befahrenen Bundesstraße 9, der früheren „Diplomaten-Rennbahn“ zwischen Bad Godesberg und Regierungsviertel, wie Ruinen verrotten. An der saudischen Botschaft hat sich Wildwuchs ausgebreitet. Türscheiben sind eingeworfen, der Garten ist verwittert, neben dem Eingang stehen drei ausrangierte Kühlschränke, den Dachaufbau verunstaltet Graffiti-Geschmiere. Die Saudis haben das Gebäude vor drei Jahren verkauft, doch der neue Bonner Eigentümer konnte seine Pläne damals für ein Hotel nicht realisieren. Gemäß den städtischen Bebauungsplänen sei dies nicht möglich gewesen, erklärt Stadt-Sprecherin Elke Palm.

Nicht weit davon entfernt, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, steht die ehemalige iranische Botschaft. Der innere Zustand scheint marode, die blauen Ornamente an der Fassade sind verblichen, die beiden Tiefgaragentore zugewachsen. „Seit Jahren wird das Gebäude nicht beheizt, die Fenster sind undicht und es gibt Schimmelschäden“, berichtet der Geschäftsführer der Bonner Maklerfirma Limbach, Wieland Münch. „Im Keller ist beißender Geruch, ohne Mundschutz kann man da nicht hineingehen.“ Iran habe vor Jahren 3,5 Millionen Euro für das Haus gewollt. „Das ist unrealistisch, derzeit tut sich da nichts.“

Auch um Syriens in orientalischem Stil gehaltene Botschaft an der Rheinaue kümmert sich kein grüner Daumen. Drinnen wartet ein Ambiente wie aus 1001-Nacht: lichtdurchflutete Innenhöfe, verzierte Marmorböden und sogar ein Hamam. Doch an den Eingangstoren blättert die Farbe. Ein Gedenkstein erinnert daran, dass Hafis al-Assad, der Vater des heutigen Herrschers, der Schirmherr der Eröffnung im April 1990 war. Vor Libyens Botschaft belegen Laubberge und alte Anzeigenblätter, dass hier lange Zeit kein Mensch mehr ein- oder ausging. Die aktuelle Entwicklung ist noch nicht angekommen: „Libysche Volksburo – Bonn“ steht noch auf dem Klingelschild.

Die Stadt wie auch das Auswärtige Amt können gegen solche Zustände nichts machen. „Das ist nach wie vor exterritoriales Gelände, da kann allein der Eigentümer entscheiden“, erklärt Palm. Etliche Villen haben solvente neue private Eigentümer gefunden. Darin sind heute Firmen, Verbände oder sonstige Gesellschaften eingezogen.

In der mit Original-Pagodendächern aus der Heimat gedeckten Botschaft Chinas, ist der Konsularbetrieb inzwischen eingestellt. „Hiermit wird bekanntgegeben, dass hier nicht Visum erledigen kann“, steht holprig auf dem Briefkasten. Hinter den Löwenwachen regt sich aber noch Restpersonal. Was aus dem Anwesen werden soll, ist nicht bekannt. Für die Öffentlichkeit bleibt dieses leblose Klein-China einstweilen gesperrtes Territorium. - dpa

Quelle: wa.de

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