Eine Zuflucht

Kann es jemals so etwas wie eine Güterabwägung geben in einer Debatte, in der Verzweiflung eine entscheidende Rolle spielt? Denn Verzweiflung – vor welchem Hintergrund auch immer – dürfte Anlass gewesen sein, wenn eine Mutter ihr Kind in eine Babyklappe legt.

Eine Zuflucht also. Geboren aus der bitteren, doch leider auch sehr realen Erkenntnis, dass neu geborenes Leben in Gefahr sein kann, wenn Hoffnungslosigkeit der Mutter (oder dem Vater) im entscheidenden Moment keinen anderen Ausweg mehr lässt.

Natürlich wäre es jedem der betroffenen Kinder zu wünschen gewesen, dass es ganz offiziell zur Adoption freigegeben worden wäre. Oder dass die Mutter ein Schriftstück hinterlassen hätte, um dem Kind später einmal die Frage beantworten zu können, woher es kommt. Ein Stück Sicherheit

also – die im Moment der Not aber dazu führen könnte, dass eine verzweifelte Frau ihr Kind eher aussetzt oder gar tötet, als es der Anonymität der Klappe zu überantworten.

Denn hier beginnt – wenn auch unter tragischen Umständen – in jedem Fall eine Lebensgeschichte. Und wer wollte das Recht auf Wissen um die Herkunft höher schätzen als das Recht auf Leben?

MANFRED BRACKELMANN

Quelle: wa.de

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