Als Anstifter vor Gericht

Ehrenmord an Arzu Ö.: Urteil gegen Vater am Montag

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Arzu Ö.

DETMOLD - Im Namen der Ehre musste Arzu Ö. sterben - ermordet vom eigenen Bruder. Aber es ging nicht um ihre Ehre, sondern vermutlich um die der Familie und ihres Oberhaupts: Arzus Vater steht seit einer Woche vor Gericht wegen Anstiftung zu diesem Mord. Am Montag wird das Urteil gefällt.

Von Matthias Benirschke

Nicht immer an diesen drei Verhandlungstagen kann Richter Michael Reineke seine Empörung verbergen. "Es geht hier um Mord an einem jungen Mädchen aus nichtigem Anlass", donnert er eine 23-jährige Zeugin im Landgericht Detmold an, die - wie so viele andere Zeugen in diesem Prozess auch - sich entweder nicht erinnern mag, nichts Schlechtes über den Angeklagten sagen oder schlicht nichts wissen will. Ermordet wurde die junge Kurdin Arzu Ö. von einem Bruder, vier weitere Geschwister haben dabei geholfen. Alle sind inzwischen verurteilt. An diesem Montag wird das Urteil über den Vater Fendi Ö. gefällt, der die fünf dazu angestiftet haben soll.

Der Vater der von ihren Geschwistern getöteten Kurdin Arzu Ö., Fendi Ö. (Mitte), sitzt im Verhandlungssaal im Landgericht in Detmold zwischen seinem Anwalt Torsten Giesecke (rechts) und einem Dolmetscher.

Für die weit verzweigte, vielköpfige Familie Ö. war es eben keine Nichtigkeit, sondern eine Frage der Ehre: Eines der zehn Kinder von Fendi Ö., Arzu, verliebte sich in einen jungen Mann, den Gesellen der Bäckerei, in der sie jobbte. Nichts Außergewöhnliches für eine 18-Jährige in Deutschland. Allerdings sind ihre Eltern 1984 aus Ost-Anatolien nach Deutschland gekommen. Die Kurden gehören zur Glaubensgemeinschaft der Jesiden. Und strenggläubige Jesiden lehnen eine Verbindung zu Nicht-Jesiden ab.

Dazu kommt: Die erste Auswanderergeneration denkt und fühlt oft noch stark in den patriarchalen Strukturen ihrer alten Heimat. So erklärt es zumindest der Psychologe und Jesidenspezialist Jan Kizilhan vor Gericht. Die Familie, der Clan ist alles, der Einzelne ordnet sich dem Willen des Oberhaupts, des Vaters unter.

Das passt auch gut zur Anklage. Der Vater habe die Kinder angestiftet, Arzu am 1. November 2011 aus der Wohnung des Freundes zu entführen und zu töten. So sollte der "durch Arzus Verhalten in der jesidischen Öffentlichkeit vermeintlich erlittene Ehr- und Gesichtsverlust" wieder gutgemacht werden.

Aber so sehr sich das Gericht mühte, einen Beweis für diese Anklage fand sich nach Ansicht von Prozessbeobachtern nicht. Da gab es nahe Verwandte, die die Aussage verweigerten; entferntere Verwandte, die sich an ihre Aussagen von damals bei der Polizei nicht mehr erinnerten; Arbeitskollegen, die angeblich seit zehn und mehr Jahren kein privates Wort mit Fendi Ö. gewechselt hatten. Schon die Ermittler, die zweieinhalb Monate nach Arzu suchten, hatten von einer Mauer des Schweigens berichtet.

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Übrig blieben nach drei Prozesstagen, 26 Zeugen und drei Sachverständigen vage Indizien. Ein Häftling, der mit einem der später verurteilten Brüder die Zelle teilte und erstaunlich detailreich von Erzählungen seines Zellennachbarn berichtet hatte, wonach Fendi die Arzu töten wollte. Die Kinder hätten Fendi davon abgehalten. "Dann müsst ihr das übernehmen", habe Fendi gesagt. Später widerrief der junge Mann, zufällig ebenfalls Jeside, seine Aussage und behauptete, er habe sich alles nur ausgedacht. Eine Freundin Arzus aus dem Frauenhaus, die aussagte, die 18-Jährige habe Angst vor ihrem Vater gehabt.

Die verurteilten Geschwister machten vom Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Darum darf keine ihrer Angaben aus dem ersten Prozess nun gegen den Vater verwendet werden. Und der 53-jährige Fendi tat im Sinne der Verteidigung das einzig Richtige: Er schwieg eisern. Selbst als der Rechtsmediziner die Untersuchung von Arzus Schädel in allen Einzelheiten schildert, als der Richter vorliest, wie die Leiche Arzus an einem Golfplatz in Schlesig-Holstein gefunden wurde, mit zerschossenem Kopf, Tierfraß und Maden, schweigt er.

Der deutschen Justiz ist es bisher selten gelungen, Väter als Drahtzieher sogenannter Ehrenmorde zu belangen. Im Prozess gegen die Geschwister hat Arzus ältere Schwester Sirin geschildert, wie sie in der Tatnacht mehrmals mit "der Familie" telefonierte, aber immer abgewiesen wurde. Sie solle Arzu dalassen, denn sie habe sich gegen die Familie entschieden, habe sie zur Antwort bekommen.

Weil alle schweigen, kann niemand beweisen, dass Sirin damals mit Fendi telefonierte. Damit bleibt vermutlich auch ungeklärt, ob Fendi den Mord an Arzu hätte verhindern können. Das könnte ihm nämlich eine Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord durch Unterlassen einbringen. Was bleibt, ist das, was Fendi durch seinen Verteidiger zu Arzu erklären lässt: "Sie war aus unserer Familie ausgeschlossen, damit war für mich die Sache erledigt." - lnw

Quelle: wa.de

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