„Märkische Berge“

Szenarien entworfen: Westfalen für Alpinisten

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"Berge finde ich einfach toll", sagt Benjamin Vogel, Künstler und Wanderer aus Dortmund-Hombruch.

DORTMUND - „Hagen?“ Benjamin Vogel lacht: „Die sind leider alle weg, im Hengsteysee ertrunken!“ Die Stadt, die sich gern das „Tor zum Sauerland“ nennt – ausradiert. Mit einem Federstrich 186.000 Einwohner in einem Stausee versenkt. Zum Vergleich: Beim Untergang der Titanic waren’s knapp 1500.

Von Jutta Rudewig

„Wissen Sie, bei so vielen Bergen ist einfach kein Platz für Dörfer an jeder Ecke“, sagt der 43-Jährige, schaut ein bisschen weiter nach rechts auf die riesige Landkarte, als sehe er sie zum ersten Mal. Diesmal meint er Werdohl, 210 Meter über null, 18.000 Einwohner – ebenfalls alle weg. Iserlohn übrigens auch. Ein bisschen Schwund gibt’s schließlich immer. Hemer dagegen durfte bleiben. Glück gehabt.

Seit 2006 arbeitet Benjamin Vogel in seinem kleinen Reihenhaus in Dortmund-Hörde an seiner eigenen Welt – den „Märkischen Bergen“. Ein monumentaler Hochgebirgszug kurz hinter der eigenen Haustür.

Hauptberuflich ist der Künstler Lehrer. Oder umgekehrt, ganz wie man will. Sein rechter Fuß ist bandagiert, die Gehhilfe lehnt an der Wand. Das Atelier im Obergeschoss ist spartanisch eingerichtet. Pinsel, Farben, ausgespülte Nutella-Gläser, ein paar Bücher, Yoshikazu Shirakawas „Meine Welt der Berge“, ein Buch über die Dolomiten, ein Bildband über die Alpen aus der Luftbildperspektive, der Blick durchs Fenster in den kleinen Garten hinter dem Haus.

An der Stirnwand hängt die Neugestaltung des Märkischen Kreises als Hochgebirgszug, die Märkischen Berge, reine Erfindung, ein riesengroßer Fake aus der Vogel-Perspektive. Zweimal zwei Meter misst die Karte und knüpft rechts und links an die reale Welt an, in der Hagen zur Linken durchaus noch existiert und die nach rechts vom Bigge-See begrenzt wird. Dazwischen liegt die wunderbare Welt der Berge, so, wie sie sich Benjamin Vogel nach einer alles verändernden Eiszeit auf den Grundlagen von Kartografie und Mathematik vorstellen kann.

Vogel erfindet unter Berücksichtigung aller Einflüsse wie Klima oder Geologie maßstabsgetreue Landkarten, die es hätte geben können, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre. Sehr genau und mit jeder Menge mathematischer Vorarbeit. Ein Jahre währendes Puzzle aus Vierecken, die aneinander gefügt werden und am Ende Vogels neue Welt ergeben.

Auch Lüdenscheid ist beim Schwund der Städte verschont geblieben. Die Bergstadt existiert nach wie vor, nur nicht ganz so hoch wie sonst. „Ungefähr 400 Meter über Null, und die Stadt liegt an der Lenne“, zeigt Vogel auf den Verlauf des Flusses, der eigentlich ganz woanders wäre.

Im Schatten des mächtigen Lüdensteins

In Vogels Bergwelt hat sich der Flusslauf verschoben und Lüdenscheid die Möglichkeit eröffnet, sich statt Stadt des Lichts nun „Stadt an der Lenne“ zu nennen, im Schatten des mächtigen Lüdensteins. „Tolle Sache“, sagt Vogel, „da kann man davon ausgehen, dass sich jedes Wochenende von Lüdenscheid aus Tausende auf den Weg zum Lüdenstein machen und die Aussicht auf die Berge genießen. Immerhin 1678 Meter hoch. Zwei bis drei Stunden sollte so eine Wanderung wohl dauern.“

Es geht auch noch höher. Stolze 3084 Meter misst das höchste Kalkgebirge in den Märkischen Bergen. „Wäre doch toll, direkt vor der Haustür ein Hochgebirge zu haben“. Wo andere Bilder im Kopf haben, sind’s bei Benjamin Vogel die Berge. Das war schon beim kleinen Jungen so. Wo keine Berge sind, da erfindet er halt welche: „Ich bin in der Lage, mir mit einem Blick auf eine Karte vorzustellen, wie’s da aussieht.“

Bauingenieurwesen hat er studiert, später dann Kunst mit Schwerpunkt Malerei und Mathematik. Lehrer ist er geworden, und die Studienfächer hat er zu dem verknüpft, womit er sich heute stundenlang beschäftigt. Mapping, das Herstellen einer Karte, verbunden mit Kunst, und alles bis aufs i-Tüpfelchen genau.

Mit den Eltern, so erzählt er, sei er immer in die Berge gefahren. Während die Brüder schnell lustlos wurde, habe ihn die Leidenschaft gepackt. Und später stellte sich dann die Frage: „Wie wäre es denn, eine eigene Bergwelt zu erschaffen?“

Computeranimation? Programme? Digitalisierung? Google-Earth? „Wäre alles möglich, aber ich steh’ auf Handarbeit. Ein leeres Blatt zum Start. Das hat damals angefangen mit dem Langseetal.“ Auch so ein fiktives Tal, das einfach nur schön ist, aber nirgendwo real existiert.

Etwas anderes als Berglandschaften möchte Vogel nicht erfinden. „Klar kommt das vor, dass einer fragt: Malst Du mir das Matterhorn? Aber das lehne ich ab.“ Er hält einen Moment inne, als müsste er über die eigenen Worte nachdenken: „Naja, das kann ich ja auch, ich hab ja meinen Job und muss nicht von der Kunst leben.“

Es ist ein langer Wanderweg vom ersten Entwurf bis zu dem Blick auf die Märkischen Berge, den man vom „Raffelnberg“ aus hat. Dorthin, auf den 1601 Meter hohen Fels, ist man mit der fiktiven Zahnradbahn gefahren. Oben angekommen, schaut der geneigte Tourist über den Halver See Richtung Osten über Lüdenscheid hinweg auf die Bergkulisse.

Diese Aussicht hat Benjamin Vogel festgehalten in akribischer Genauigkeit und in Öl. 60, vielleicht 70 Stunden habe er dafür gebraucht, schätzt der Künstler.

Mehr Zeit für seine Arbeiten hätte er schon gern. Vier Ausstellungen im Schnitt sind’s inzwischen im Jahr, die er bestückt, zuletzt in Kreuztal. Kunstpreise hat er schon eingestrichen, einer davon machte möglich, das „Projekt Märkische Berge“ im Rahmen eines Heftes auf Hochglanz-Füße zu stellen.

Und jetzt noch ein Reiseführer

Zukunftspläne gibt es auch im Kopf des Dortmunders. Einen fiktiven Reiseführer will er ausarbeiten. Sowas, was man liest, das Kino im Kopf einschaltet, sich vorstellt, dort entlang zu wandern und diese Gegenden doch nie zu erreichen, weil es sie nicht gibt. „Oder vielleicht mal ein Skigebiet. Mit fiktivem Pistenplan.“

Letzte Frage, bevor wir uns aus Benjamin Vogels Welt verabschieden: Der Achillessehnen-Riss, mag es ein Unfall auf einer seiner fiktiven Wanderrouten gewesen sein? Der Künstler lacht: „Nein, ganz profan ein falscher Schritt nach hinten auf dem Kunststoffboden der Tennishalle....“

Quelle: wa.de

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