Interview: Doppelter Landfraß ist nur ein „Mythos“

NABU-Präsident Olaf Tschimpke

BERGKAMEN ▪ Die Bauern machen mobil gegen den Landfraß  – und Naturschützer von BUND und Nabu kritisieren die Kampagne als „irreführend“ und „billige Polemik“. Warum – das fragte Holger Drechsel den Präsidenten des Naturschutzbundes (Nabu), Olaf Tschimpke.

Der Nabu fordert von den Bauernverbänden den Stopp der aktuellen „Landfraß“-Kampagne. Warum, was stört Sie daran?

Tschimpke: Wir nehmen es dem Bauernverband einfach nicht ab, dass es ihm um die wirkliche Reduzierung des Flächenverbrauchs geht. Am Ende transportieren die Verbandsvertreter in der Öffentlichkeit nur, dass es ihnen darum geht, die Ausgleichsflächen für den Naturschutz zu verhindern. Das halten wir für nicht akzeptabel. Diese Flächen gleichzusetzen mit bebauten Flächen ist eine Diffamierung des Naturschutzes. Wir haben zurzeit einen Flächenverbrauch von täglich 90 Hektar in Deutschland durch überbaute Fläche, dazu kommen dann die geplanten Ausgleichsflächen. Die richten sich aber danach, welche ökologische Qualität das Grundstück hat, das überbaut worden ist. Normalerweise gilt die 1:1-Kompensation. Tatsächlich aber ist die kompensierte Fläche in einem Großteil der Fälle sehr viel geringer.

Dann ist das Schlagwort der Landwirte vom „doppelten Landfraß“ ein Mythos?

Tschimpke: Das ist mit Sicherheit weitestgehend ein Mythos. Wenn man etwa die Ausgleichsmaßnahmen in einem Flächenpool macht, wie das viele Kommunen und Landkreise schon tun, finden diese meist gar nicht auf landwirtschaftlichen Flächen statt. Da gibt es viele andere Möglichkeiten, etwa an Gewässerrandstreifen.

Was wäre aus Sicht des Nabu der richtige Weg, um Flächen vor der Versiegelung zu schützen und den Landfraß zu stoppen?

Tschimpke: Wir haben ein gemeinsames Forschungsprojekt mit einer Reihe von Städten in Deutschland. Dabei stellt sich heraus, dass es im Wesentlichen darum geht, in den Städten wieder Flächen zu mobilisieren – wir nennen das Innenverdichtung. Es gibt viele Gewerbeflächen, die nicht ausreichend genutzt sind, wo verfallene Gebäude stehen. Wir haben eine Bevölkerung, die nicht mehr wächst. Also muss es doch möglich sein, mit den vorhandenen Flächen sorgfältiger umzugehen, sie zu reaktivieren und wieder zu nutzen. Dann braucht man nicht in die Landschaft zu gehen.

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare