Doppelter Abi-Jahrgang: Viele Firmen stocken Lehrstellen auf

NRW - Wegen des doppelten Abitur-Jahrgangs werden im nächsten Jahr in NRW mehr als 10.000 Jugendliche zusätzlich auf den Lehrstellenmarkt strömen. Viele Firmen bieten deswegen mehr Ausbildungsplätze an.

Der doppelte Abiturjahrgang 2013 hat Folgen für den Lehrstellenmarkt. Schätzungen zufolge wird es in NRW zwischen 10.000 und 13.000 zusätzliche Bewerber geben. Das erwartet die Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen der Bundesagentur für Arbeit. Viele Ausbilder reagieren auf den Ansturm und stocken die Zahl ihrer Plätze auf, ergab eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa.

Mehr Plätze schaffen will zum Beispiel die Supermarktkette REWE in Köln. Jährlich bietet der Konzern 800 neue Lehrstellen in NRW an, davon 150 speziell für Abiturienten. Im kommenden Jahr will Rewe aber insgesamt 250 Plätze für Abiturienten schaffen, also 100 zusätzliche. Das Unternehmen wolle "die Möglichkeiten nutzen, die sich aus dem doppelten Abiturjahrgang ergeben", berichtete ein Sprecher.

Auch der Lebensmittelhändler KAISER'S TENGELMANN aus Mülheim/Ruhr setzt auf Expansion. Im Jahr 2011 begannen in NRW knapp 200 Lehrlinge eine Ausbildung bei der Kette. Über die Erfahrungen in Bayern, wo es 2011 einen doppelten Abi-Jahrgang gab, sagt eine Sprecherin: "Da hatten wir deutlich mehr Bewerbungen, was sehr schön ist, weil der Handel immer noch mit einem kleinen Imageproblem zu kämpfen hat. Fleischereifachverkäufer ist halt nicht unbedingt ein Beruf, mit dem man vor Freunden angeben kann - aber einer mit Zukunft." Für Abiturienten gebe es ein spezielles Ausbildungsprogramm, das 2013 ausgeweitet werden solle.

Eine gute Gelegenheit im Rennen um die besten Köpfe sieht auch der Personalchef der Mobilfunkfirma E-PLUS in Düsseldorf. "Dem Abiturjahrgang 2013 sehen wir erfreut entgegen", hebt der Manager hervor. Bereits jetzt fehle es an qualifizierten Bewerbern. Vom doppelten Jahrgang erhoffe er sich mehr Auswahl. E-Plus wolle sein Angebot ausbauen. Aktuell hat die Firma in NRW 20 Auszubildende oder Teilnehmer eines dualen Studienganges unter Vertrag.

Gut vorbereitet auf den Run ist auch die WESTFÄLISCHE PROVINZIAL VERSICHERUNG aus Münster. Sie bildet jährlich 20 neue Innendienstler aus. Im Jahr 2013 sollen es einmalig 30 Stellen sein. Das sei ein Beitrag zu einer Kampagne der regionalen Industrie- und Handelskammer. Im Außendienst sei eine Aufstockung dagegen nicht sinnvoll, erklärte eine Sprecherin. "Die Plätze im Außendienst schwanken je nach Bedarf, da sind nicht speziell mehr geplant."

Viele Lehrstellen-Anbieter müssen aber auch abwägen. Denn sie wollen nicht über Bedarf ausbilden, damit sie die Azubis auch übernehmen können. So sieht es etwa die SPARKASSE AACHEN. "Wir machen uns Gedanken zum Thema, werden aber nach jetzigem Stand die Stärke der Ausbildungsjahrgangs unverändert bei rund 50 lassen", sagte ein Sprecher. "Wir bilden vor allem aus, um die Leute auch zu übernehmen, und da orientieren wir uns am eigenen Bedarf." Einen "Numerus clausus" für Ausbildungsplätze bräuchten Bewerber nicht zu befürchten. "Natürlich sieht eine gute Note besser aus, aber es zeigt sich nachher in Tests und Gesprächen, ob jemand zu uns passt."

Auch beim Autobauer FORD in Köln sind die Azubi-Zahlen vom Bedarf abhängig. Sie liegen nach Firmenangaben bei 210 pro Jahr. Darauf seien die Kapazitäten der Werkstätten ausgelegt. "Da ist ja alles drauf ausgerechnet. Deshalb ist eine Erhöhung erstmal nicht geplant", so eine Sprecherin.

Der Essener Energieversorger RWE will zwar die Ausbildung in Bereichen ausbauen, in denen sich viele Abiturienten bewerben. Insgesamt soll es aber nicht mehr Plätze geben, sondern nur eine Umschichtung zwischen den Berufen, in denen ausgebildet wird. RWE hatte Ende 2011 in Nordrhein-Westfalen mehr als 1700 Auszubildende.

Bei THYSSENKRUPP, ebenfalls in Essen ansässig, sollen 2013 hingegen mehr Bewerber in verschiedenen Ausbildungsprogrammen starten. Der Stahl- und Technologiekonzern bildet nach eigenen Angaben seit Jahren bewusst auch über Bedarf aus. Angaben zur Zahl der Lehrlinge kann der Konzern nur auf Bundesebene machen.

Die STADTVERWALTUNG SIEGEN kann nach eigenen Angaben dagegen nicht über Bedarf ausbilden. "Wer in der Verwaltung ausgebildet wurde, hat ein falsches Qualifikationsprofil für den freien Markt", erläuterte eine Sprecherin. Die Stadt versuche allgemein immer, neue Stellen zu schaffen, aber nicht speziell für das Jahr 2013. Und außerdem: "Bewerber mit Abitur sind auch nicht primär unsere Klientel."

Experte: Jetzt noch viele Azubis nehmen

Nordrhein-Westfalens Unternehmer sollten laut einem Arbeitsmarktexperten den doppelten Abi-Jahrgang 2013 nutzen, um sich mit Fachkräften einzudecken. "2013 und auch noch 2014 werden wir einen Überhang aus dem doppelten Jahrgang haben. Aber danach wird es eng, weil die geburtenschwachen Jahrgänge auf den Markt kommen", sagte der Sprecher der Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen der Bundesagentur für Arbeit, Werner Marquis.

Der Experte wies auf den wachsenden Fachkräftemangel hin. "Bis 2020 werden die Unternehmen rund eine Million Fachkräfte verlieren allein durch die Mitarbeiter, die in Rente gehen."

Internet:

NRW-Arbeitsagentur

IHK Nord Westfalen zum doppelten Abijahrgang

Insgesamt 180 000 junge Leute werden im nächsten Jahr nach Erwartungen der Kultusministerkonferenz Schulen in NRW mit Allgemeiner Hochschulreife oder Fachhochschulreife verlassen, ein Plus von rund 55 000. "Rund 30 Prozent eines Abi-Jahrgangs entscheiden sich für eine Ausbildung", berichtete Marquis. Eine großflächige Verdrängung von Bewerbern ohne Abitur sei aufgrund des wachsenden Fachkräftemangels nicht zu befürchten. Zudem schaffen viele Unternehmen gezielt zusätzliche Ausbildungsstellen für den Jahrgang 2013.

Die Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen, die für das Münsterland und das nördliche Ruhrgebiet zuständig ist, hat eigens eine Initiative ins Leben gerufen, damit Firmen mehr Lehrstellen schaffen. Bisher seien 130 Unternehmen aus dem Münsterland dabei, schilderte Sprecher Matthias Schmied. "Wir haben seit Ende Januar rund 300 zusätzliche Plätze eingeworben." Er hoffe, die 500 zu erreichen. Firmen könnten junge Leute an die Region binden. "Wer einmal weg ist, kommt so schnell nicht wieder." - lnw

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare