Dokumentarfilme über das Ruhrgebiet: Hübner/Voss

WITTEN ▪ Christoph Hübner und Gabriele Voss sind Dokumentarfilmer. Sie zeigen Menschen und Wohnräume des Reviers. Sie leben in Arbeitersiedlungen („Inmitten von Deutschland“, 1982), porträtieren Jugendspieler von Borussia Dortmund („Die Champions“, 2002) und drehen „Emscher-Skizzen“ zu einer renaturierten Landschaft. Sie haben Preise erhalten und schaffen eine „Visual History“, wie es Gabriele Voss ausdrückt. In Witten sprachen sie mit Achim Lettmann über den Blick aufs Ruhrgebiet, den Reiz des unfertigen Wandels und das neue Interesse am Dokumentarfilm.

Das Ruhrgebiet ist eine Region des Wandels. Was hat sich nicht verändert?

Christoph Hübner: Der Grundcharakter des Ruhrgebiets. Es ist immer noch eine Landschaft aus Städten und verschiedenen Identitäten. Obwohl das Ruhrgebiet überformt wird, weil aus Industrie mehr Industriekultur geworden ist. Viele Menschen, viele Einwanderergruppen müssen sich in irgendeiner Weise zusammenfinden. Der Druck, sich zusammenzufinden zwischen den Städten und zwischen den Menschen, der ist größer geworden. Gleich geblieben ist, dass es eine liebenswerte Landschaft mit liebenswerten offenen Menschen geblieben ist. Und es ist eine anarchistische, eine anarchische Landschaft, in der vieles unverbunden nebeneinander steht.

Gabriele Voss: Zum Glück noch anarchisch. Nicht so verformt wie in großen Städten, wo der Stadtteil-Charme verschwindet und es aussieht wie überall. Man muss hoffen, dass die charmanten Dinge nicht verschwinden.

Was ist charmant?

Voss: Naja, es gibt so Ecken, wo sich Ländliches mit Industriellem berührt, oder Großstädtisches mit ganz Kleinem. Das können Sie in Witten, aber auch in Oberhausen und Bottrop finden. Es zeigt sich eine Reibung von unterschiedlichen Dingen und Lebenswelten. Es wäre schade, wenn das unter dem Aspekt sogenannter Schönheit oder architektonischer Gesamtgestaltung verloren geht.

Was ist Ihnen im Revier immer wieder begegnet?

Hübner: Im Positiven ist es eine fehlende Hierarchie. Es ist nicht entscheidend, welche Armbanduhr man trägt, was für ein Gehabe man hat. Es ist entscheidend, ob man mit dem Menschen auskommt. Eine bestimmte Art von Gleichheit. Verbunden mit einer Offenheit, auf die es bei der Kommunikation ankommt. Das gilt auch für offene Türen bei Institutionen. Wir machen nicht nur Filme im Ruhrgebiet, und in manchen, auch südlichen Regionen dieses Landes, ist der Zugang zu Institutionen nicht so einfach. Unsere positiven Erfahrungen haben wir mit Borussia Dortmund gemacht, auch mit der Emscher-Genossenschaft. Die Emscher-Genossenschaft ist auf uns zugekommen, man kannte unsere Filme und schätzte sie, und so konnten wir eine Reihe von Kurzfilmen, die „Emscher-Skizzen“, machen. Das ist sehr besonders.

Was ist Ihr Motiv, Dokumentarfilme zu machen?

Voss:Im Mittelpunkt steht immer der Mensch. Diese Geschichten in der Begegnung zu erzählen, ist reicher, als eine Geschichte für einen Spielfilm auszudenken. Es hat auch mit der Arbeitsweise zu tun, mit der Arbeit ins offene. In der Musik gibt es die komponierte und die improvisierte Musik. Und das Dokumentarische hat viel mit dem Improvisieren zu tun. Ich glaube, das liegt uns.

Hübner: Wir stehen zu einem bestimmten dokumentarischen Stil. Heutzutage ist der sogenannte Dokumentarismus, wenn man mal RTL ansieht, sehr nassforsch. Man geht sofort auf die Menschen zu und möchte wissen, welche Praktiken sie im Bett haben. Was wir machen, ist eine Art Gegenmodell. Wir sagen, es gibt eine bestimmte Distanz, ich rücke Dir nicht zu nah auf die Pelle. Wir zeigen das, was du mir zeigen möchtest. Diese Distanz ist vertrauensbildend. Wenn wir zurückkommen, wie in unserem Fußballfilm „Champions“, stoßen wir auf eine Form von Vertrauen, und wir können weitermachen. Das ist in der heutigen Zeit eine wichtige Qualität.

Geben Sie mit Ihren bewegten Bildern etwas zum Archiv-Ruhrgebiet dazu?

Hübner: Die Überschrift zu unserer Arbeit im Ruhrgebiet ist „Filmische Geschichtsschreibung“. Insofern liegt das sehr nah. Nur ist es noch nicht ausreichend gewürdigt worden. Es ist eine Geschichtsschreibung nicht im Sinne, es war einmal so, sondern, was ist heute. Eine Geschichte, die den Anspruch hat, genau geschildert zu werden.

Im Kino ist der Dokumentarfilm eine Erfolgsgeschichte. Ob „Buena Vista Social Club“ oder „Nomaden der Lüfte“. Hat Ihnen diese Entwicklung genutzt?

Hübner: Absolut. Der Erfolg des Dokumentarfilms im Kino ist das Schattenbild des Versagens im Fernsehen, bei der zunehmenden Formatierung. Das Kino ist ein Schutzraum für den Autorendokumentarfilm geworden. In den letzten zehn Jahren haben wir Kinofilme gemacht wie den van Gogh-Film, „Champions“ und „Thomas Harlan – Wandersplitter“. Das Kino ist ein angemessener Ort, ein Konzentrationsraum.

Auch die Kulturhauptstadt 2010 schätzt das Ruhrgebiet als wechselvoll und unfertig. Fühlen Sie sich verstanden?

Voss: Deshalb sind wir ja schon lange hier. Die Kulturhauptstadt musste uns das nicht bewusst machen. Und unsere Filme sollen nicht nur Archivalien sein, sondern Erinnerungskultur. Nach 25 Jahren waren wir nach Bottrop-Ebel eingeladen worden, die Filme nochmal zu zeigen. Die Menschen waren nicht mehr zwanzig, sondern Mitte 50. Viele, die im Film zu sehen sind, lebten auch nicht mehr. Und was da im Saal an Bewegung war, plötzlich lebendig wurde... Dass die Arbeit in dem Sinne nachhaltig wird, das wünsche ich mir.

Im Stadion

Am 12. Mai wird die Filmreihe „Kino im Stadion“ im Dortmunder Signal-Iduna-Park mit der Dokumentation „Halbzeit“ von Hübner/Voss eröffnet: 21 Uhr. Die Filmemacher haben 26/27-jährige Fußballer porträtiert, die bereits vor zehn Jahren in dem Doku-Film „Die Champions“ zu sehen waren und zur A-Jugend von Borussia Dortmund gehörten. „Halbzeit“ ist der zweite Teil der Trilogie „Fußballerleben“. Karten demnächst unter

http://www.signal-iduna-park.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare