Strategie steht zur Debatte

Wie viel Mensch braucht der Nationalpark Eifel?

+
Wie viel Mensch braucht der Nationalpark Eifel?

GEMÜND - Zehn Jahre Nationalpark Eifel - ein fast geräuschloser Prozess. Bis zum großen Kahlschlag und der Diskussion: Wie viel Mensch braucht das Schutzgebiet?

Von Elke Silberer

Es hätte ein kleines, feines Jubiläum für den Nationalpark Eifel werden können. Das Streitthema Jagd flackerte in den vergangenen Jahren zwar immer mal wieder auf. Ansonsten gehörten höchstens Umweltrowdys, die mit ihren schweren Geländewagen durch die Landschaft bretterten, zu den Aufregern. Dann kam der große Kahlschlag im Wüstebachtal im vergangenen Jahr. Kahlschlag im Nationalpark? Damit brach eine Diskussion los: Wie stark soll der Mensch in den Nationalpark eingreifen?

Verwaltung stellt Strategie zur Debatte

Die Verwaltung stellt ihre Strategie am Mittwoch in einer öffentlichen Fachtagung zur Debatte: Wie viel Hilfe braucht die Natur, bis sie in die Selbstständigkeit entlassen wird.

Stichwort

Der Nationalpark Eifel, der einzige in Nordrhein-Westfalen, liegt südlich von Aachen und erstreckt sich über 110 Quadratkilometer. Er schützt die sogenannten bodensauren Buchenwälder - Buchen, die auf nährstoffarmen Böden wachsen. Aktuell stehen 56 Prozent der Fläche unter "Prozessschutz", das heißt natürliche Abläufe werden geschützt: auf dieser Fläche wird kein Holz geschlagen, nicht gemäht und nicht beweidet - aber immer noch gejagt, wie Kritiker dem Nationalpark vorwerfen.

Für die internationale Anerkennung durch die Weltnaturschutzunion IUCN muss der Anteil dieser Kernzone 30 Jahre nach Gründung - also 2034 - auf mindestens 75 Prozent steigen. Der Nationalpark Eifel visiert über 80 Prozent an. Bisher haben vier deutsche Nationalparks die 75 Prozent erreicht, die anderen neun noch nicht.

Wenn es nach Holger Sticht vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) geht, so gut wie gar keine: "Das ist ja auch die Grundidee der Nationalparks, dass man die Natur mal walten lässt." Sein Gegenpart ist Gerd Ahnert von der Nationalparkverwaltung. Der für die Waldentwicklung zuständige Mann hat noch einiges auf der To-do-Liste, bis der Park sich komplett selbst überlassen bleiben kann.

Diskussion drehe sich um 2000 Hektar Fichtenwald

Der Nationalpark Eifel habe das Ziel, den Buchenmischwald zu schützen und zu entwickeln, sagt Ahnert: "Es wird häufig so getan, als wenn der Prozess-Schutz, das Nicht-Eingreifen durch den Mensch, Selbstzweck wäre im Nationalpark." Im Norden des Parks hat die Buche einen guten Stand, aber im der Süden dominiert die Fichte. Vor allem um diesen Bereich mit über 2000 Hektar Fichtenwald dreht sich die ganze Diskussion.

Borkenkäfer als Gefahr

"Für uns ist der Prozessschutz genau die gleiche heilige Kuh wie für die Idealisten auch. Man darf aber im Einzelfall nicht den Blick für die Wirklichkeit verlieren", sagt Ahnert. Und die hat einen Namen: Borkenkäfer. Wenn der Mensch an den großen Fichtenwäldern im Süden nichts mehr mache, komme der Borkenkäfer und sei eine Gefahr für die Nachbarwälder. Und die Buchen? Die kämen vielleicht in 600 Jahren. Vielleicht. Denn wo sollen sie herkommen, wenn es keine Mutterbäume gebe?

Zum Schutz der Nachbarn legt die Nationalparkverwaltung einen Buchengürtel an

Zum Schutz der Nachbarn legt die Nationalparkverwaltung einen Buchengürtel an. Aber der braucht noch 20 Jahre Unterstützung. Wenn der Schutzgürtel steht, lässt der Mensch den Kernbereich in Ruhe. Das passiert in anderen Bereichen schon früher.

Auf insgesamt 56 Prozent der Fläche im Nationalpark hält sich der Mensch jetzt schon raus. 30 Jahre nach Gründung, also 2034, soll das Ziel von 75 Prozent Prozessschutz für die internationale Anerkennung dicke erreicht sein.

Der BUND verfolgt einen ganz anderen Ansatz

"Der Nationalpark ist dafür da, zu gucken, was die Natur macht und nicht, was der Mensch macht", beharrt der nordrhein-westfälische BUND-Vorsitzende, Holger Sticht auf einem ganz anderen Ansatz. Die Natur müsse sich schon jetzt allein entwickeln können. Das Gesetz sehe nicht vor, dass der Mensch in den Nationalpark eingreife, Fichten abholze und mit Buchen aufforste. Diese Vorstellung, dass man im Nationalpark auf etwas hinarbeiten müsse, laufe der Nationalpark-Idee völlig zuwider.

Der Fichten-Kahlschlag im vergangenen Jahr auf 8,2 Hektar sei hanebüchen, sagt Sticht. Auf den Waldflächen in Nordrhein-Westfalen gebe es eine Obergrenze für Kahlschlag von 0,3 Hektar. "Die Maßnahme war für den Gewässerschutz. Naturschutzfachlich abgesegnet", hält Ahnert dem entgegen.

Richtige Management sei eine Frage der Feinjustierung

Diese Diskussionen gebe es in vielen deutschen Nationalparks, sagt Volker Scherfose vom Bundesamt für Naturschatz: "Es ist ein fachlicher Konflikt, der wird innerfachlich ausgetragen." Das richtige Management sei eine Frage der Feinjustierung vieler Einzelfragen. "Da kann man nicht pauschal sagen, nach fünf oder zehn Jahren muss jetzt Schluss sein und dann wird gar nichts mehr gemacht." Und: Was seien schon 30 Jahre für einen Wald.

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare