„Die CDU ist weiblicher geworden“

Mit Ursula von der Leyen als Nachfolgerin von Horst Köhler und Angela Merkel als Kanzlerin (beide CDU) wäre Deutschland stark in Frauenhand. „Dass gerade aus einem konservativen Lager Frauen an die Spitze kommen können, ist noch vor zehn Jahren nicht absehbar gewesen“, sagt der Politologe und Merkel-Biograf Gerd Langguth im Gespräch mit Laura Engels.

Wenn Ursula von der Leyen Bundespräsidentin werden würde, stünden in Deutschland zwei Frauen an der Macht. Hätten Sie vor zehn Jahren damit gerechnet?

Gerd Langguth: Dass es dann vor allem auch zwei christdemokratische Frauen wären, dass gerade aus einem eher konservativen Lager überhaupt Frauen an die Spitze kommen können, das war vielleicht vor zehn Jahren so nicht absehbar. Die Frage ist, ob es eine Art „Overkill“, ein Überangebot von Frauen in wichtigen Positionen, gibt. Die Frage ist zu verneinen. Es würde sogar ein sehr positives deutsches Frauenbild in der Welt vermitteln, wenn die zwei wichtigsten Positionen mit Frauen besetzt wären.

Warum schaffen es ausgerechnet die Frauen in der CDU so weit nach oben?

Langguth:Ich denke, dass in der CDU die Frage auch eine Rolle spielt, mit wem Wahlen am besten gewonnen werden können. Weniger die ideologischen Komponenten, ob jemand weiter links oder rechts steht, sondern eher, wer die besseren Chancen hat. Außerdem gibt es keine ganz klare Gesetzmäßigkeit, weil Merkel sich natürlich in einer männerdominanten Welt durchgeboxt hat. Sie hat eben viele überrascht und wurde auch in ihrem Machtwillen unterschätzt. Vielleicht werden Frauen in der Politik eher am Anfang unterschätzt. Und Merkel ist ein Beispiel dafür, dass derjenige, der sie unterschätzt, schon meistens verloren hat Da hat Horst Seehofer sogar mal Recht.

Wie haben Merkel und von der Leyen die CDU verändert?

Langguth: Man kann schon sagen, dass Merkel nicht vom „Gedöns“ gesprochen hat, wie das Gerhard Schröder bei bestimmten weichen Themen wie Frauen- und Familienpolitik getan hat. Merkel ist keine Emanzipationspolitikerin herkömmlicher Art. Aber das Bild der CDU ist weiblicher geworden. Bei den letzten Bundestagswahlen war sogar ein leichter Zugewinn bei Frauen zu verzeichnen. Die CDU hat auch mit Hilfe von Ursula von der Leyen die Familienpolitik wieder als ihre Domäne zurückerobert – auch wenn man Frauenpolitik nicht auf Familienpolitik reduzieren darf. Dass ja ausgerechnet eine christlich demokratische Partei das Familenthema in der Vergangenheit nicht auf ihre vorderste Fahnen geschrieben hatte und dass sich das mit Merkel und von der Leyen geändert hat, das ist ja das Erstaunliche und Interessante dabei. Weil Merkel selber zwar verheiratet ist, aber keine Kinder hat, war für sie natürlich so ein Typ Frau wie von der Leyen besonders wichtig. Eine, die Familie hat, die Wärme und den Rückhalt einer Familie. Das bringt genau Frau von der Leyen als eine „Idealmutter der Nation“ mit.

Glauben Sie, es würde sich etwas ändern, wenn wir eine Bundespräsidentin hätten?

Langguth:Das hängt nicht mit der Frage Mann oder Frau zusammen. Köhler ist ja als Bundespräsident nicht gescheitert, weil er ein Mann ist, sondern weil er mit der politischen Realität in unserem Lande, mit der politischen Klasse nicht zurecht gekommen ist. Das würde bei von der Leyen anders sein. Sicher würde Ursula von der Leyen andere Töne in die Debatten bringen.

Werden an eine Frau andere Maßstäbe gesetzt?

Langguth: Ja, auch an Merkel wurden immer andere Maßstäbe gesetzt. Allein schon bei der Kleidung. Die Männer brauchen nur irgendwelche dunklen oder grauen Anzüge mit einer mehr oder minder passenden Krawatte. Wenn aber Merkel ein tief dekolletiertes Kleid trägt, wird daraus bereits ein Politikum. Die Fragen, ob Merkel eine Stilistin für ihre Haare hat und wo sie ihren Schmuck kauft, sind weibliche Themen, denen sich Merkel übrigens nicht mehr verschließt. Sie hat ja in ihrer Anfangszeit als Ministerin auf all diese Dinge überhaupt keinen Wert gelegt. Dass es gerade in der Welt der Gegenwart bei Frauen auch auf Aussehen ankommt, das ist Merkel rational erst sehr viel später klar geworden.

Quelle: wa.de

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