Ikone wird abgerissen

Aus für Deutschlands bekanntesten Hochofen

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DUISBURG - Die Bilder vom rostigen Hochofen 4 sind zum Synonym für das alte Ruhrgebiet geworden. Nirgendwo sonst ist die Nachbarschaft zwischen Wohnen und Industrie in der Region noch so eng wie im Duisburger Problemstadtteil Bruckhausen. Nun ist das Ende besiegelt.

Von Uta Knapp

Neuer Arbeitsplatz für Kommissar Schimanski gesucht: Mit dem Abriss des ThyssenKrupp-Hochofens 4 verschwindet derzeit in Duisburg Deutschlands wohl bekanntester Hochofen von der Bildfläche. In der Vergangenheit hatte der rostige Koloss nicht nur als Kulisse für die Ermittlungen des Duisburger Fahnders gedient, sondern auch als begehrtes Foto-Motiv. "Das Fotomodell wird geschleift", beklagte bereits das FAZ-Feuilleton das Schicksal der weit über die Grenzen des Ruhrgebiets bekannten Industrieikone.

Zum Wallfahrtsort für Ruhrgebiets-Fotografen war in der Vergangenheit vor allem die Blick aus der Dieselstraße geworden. Die schmale Gasse im angrenzenden Stadtteil Bruckhausen bildet eine direkte Sichtachse mit dem Industriegiganten. Nur eine Straße trennt den Hochofen von den heruntergekommenen Altbauten. Doch auch der Straßenzug im Duisburger Problemstadtteil Bruckhausen steht vor dem Abriss. Eine zehn Hektar große Grünanlage soll nach dem Willen der Planer künftig das enge Nebeneinander von Industrie und Wohnen trennen.

Doch nicht nur gegen das Aus für die Häuser mit den einst prächtigen Jugendstilfassaden regt sich Widerstand: Der Ruhrgebietshistoriker Roland Günter fürchtet den Verlust des einmaligen Miteinanders aus Industrie und Wohnen. "So ein Beispiel gibt es im ganzen Ruhrgebiet nicht mehr", sagt Günter.

Abriss des ThyssenKrupp-Hochofens 4

Wenn der Hochofen 4 voraussichtlich im Sommer kommenden Jahres verschwunden sein wird, soll nach dem Willen des Grundstückeigentümers ThyssenKrupp nur noch eine Brachfläche am Rand des riesigen Duisburger Stahlwerksgeländes zurückbleiben. Rund 7 500 Tonnen Schrott sollen bis dahin fachgerecht mit dem Schneidbrenner zerlegt sein. Ein Großteil davon soll wieder in die Öfen des größten deutschen Stahlkonzerns wandern.

Auch ThyssenKrupp-Beschäftigte sehen den Abriss des einst modernsten Hochofens der Welt mit Wehmut. Vor 30 Jahren habe er seine Karriere mit der Arbeit am Hochofen 4 begonnen, berichtet der zuständige ThyssenKrupp-Betriebsleiter Volker van Outvorst. "Das ist so, als wenn man sein liebgewonnenes Auto zum Schrottplatz" bringt", sagt er. "Da blutet einem das Herz."

1975 war der Hochofen angeblasen worden, wie es in der Sprache der Stahlkocher heißt. Bis zum 19. Mai 2008 wurden rund 43 Millionen Tonnen Roheisen erzeugt. Seitdem hatte die Anlage als Reserve gedient und wird nun nicht mehr gebraucht. Vor dem Hintergrund einer anhaltend schwachen Auftragslage hatte der größte deutsche Stahlkonzern in diesem Sommer Kurzarbeit einführen müssen.

Auf dem riesigen Werksgelände des größten Hüttenwerks in Europa betreibt ThyssenKrupp noch vier weitere Hochöfen. Rund 12 000 Menschen arbeiten in dem mit einer Fläche von 9,5 Quadratkilometern stadtteilgroßen Werk, dessen Straßennetz allein 70 Kilometer misst. Für den zuletzt errichteten Hochofen des Konzerns gibt es auch ein weithin sichtbares Farbkonzept: Modernes Rot statt Rost. - lnw

Quelle: wa.de

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