Seniorensportler in Dortmund

Alt, gesund und allein: Wegen Coronavirus einsame Runden auf dem Rad

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Allein auf Phoenix West: Der 78-jährige Willi Altmeyer spult seine Trainingskilometer derzeit als Solist ab.

Unter den von den Behörden verhängten Kontaktsperren haben nicht nur die Menschen in den Alten- und Pflegeheimen gerade sehr zu leiden. Auch Senioren, die noch sehr aktiv und fit sind, vermissen ihre gewohnte Gesellschaft.

Dortmund  - Es hat geregnet an diesem Vormittag, doch papperlapapp, das ist für Willi Altmeyer kein großes Hindernis. Wie fast jeden Morgen unter der Woche steigt der 78-Jährige auf sein Rennrad. Ein paar Regentropfen machen ihm nicht viel aus, sie perlen an ihm ab wie an einer frisch polierten Chromfelge. Da sind diese vermaledeiten Coronaviren schon ein weitaus größeres Ärgernis. Seinen Sport kann er derzeit zwar weiter ausüben, wenn auch mit Einschränkungen. Aber, viel schlimmer: „Mir fehlt vor allem die Kommunikation mit meinen Radkameraden“, sagt der Dortmunder Rentner.

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Coronavirus in Dortmund: Der Kontakt ist stark beschränkt

Seit über zwei Wochen gelten mittlerweile die staatlichen Beschränkungen, die vor allem den sozialen Kontakt minimieren sollen. Willi Altmeyer hält sich an diese Regeln, das ist für ihn „eine Selbstverständlichkeit“. Mit einem Freund Hans-Peter Durst, dem zweifachen Paralympics-Gewinner im Straßen-Radfahren, habe er sich letztens zwar persönlich getroffen: Doch dabei stand Altmeyer auf seinem Balkon und Durst unten auf dem Bürgersteig. Auch der Kontakt zum Reporter wird aufs Äußerste beschränkt: Lediglich für ein paar Fotos verabreden sich die beiden, kommen sich dabei aber nie näher als fünf Meter. Der Rest wird am Telefon besprochen.

Werner Bürker (80) sagt: "Ich sterbe gesund mit 100."

Normalerweise fährt der Dortmunder Rentner mit seinen Radfreunden auf seiner Lieblingsstrecke, der sogenannten Niere. Das ist ein 800 Meter langer Rundkurs nicht weit vom BVB-Stadion entfernt, der deshalb so heißt, weil er die Form dieses menschlichen Organs hat. „Ich sage immer: Auf der Niere kann man nebenher Geld zählen. Oder über das Leben nachdenken. Wie schnell beispielsweise alles vorbei sein kann“, beschreibt der 80-jährige Werner Bürker die kontemplative Wirkung dieses Rundkurses, der einen nach wenigen Runden in eine Art Tunnel zieht. In einen Tunnel, der ab dem Frühling sehr grün ist, weil sich die Strecke in einem kleinen Wäldchen befindet. Hier stört kein Autoverkehr, und abbremsen muss man auch nicht.

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Coronavirus in Dortmund: Alt, gesund und fit

Willi Altmeyer und Werner Bürker haben gemeinsam mit den anderen Rad-Senioren schon unzählige Runden auf der Niere gedreht. „Auch, weil man sich hier beim Fahren so gut unterhalten kann“, sagt Altmeyer. Und nach dem Training sitze man zu sechst oder zu siebt im Zielbereich immer auf den Holzbänken zusammen und rede über Gott und die Welt.

Oder frotzele. „Dann zieht einer über den anderen her“, erzählt Brüker grinsend: „Wenn einer einen Platten hat, sind die anderen am lästern. Das ist das Schöne dabei. Ein bisschen dummes Zeugs erzählen.“ Altmeyers Frau Margrit (75) hat ihrem Mann im Scherz schon öfter gesagt: „Wenn Du ein Kind wärst, würde ich Dir den Umgang mit den anderen verbieten.“

Coronavirus in Dortmund: "Niere" gesperrt

Die Stadt Dortmund hat die Niere vor einigen Tagen wegen dieser enervierenden Pandemie gesperrt, wie alle anderen Sportstätten auch. Deshalb radelt Willi Altmeyer heute nicht weit entfernt auf dem ehemaligen Hoesch-Gelände Phoenix West, wo man zwischen dem alten Hochofen und modernen Start-up-Unternehmen ebenfalls recht ungestört trainieren kann. Das ist zwar nicht so schön, „weil hier oft ein ziemlicher Wind bläst“, wie der 78-Jährige sagt. Doch wichtig sei schließlich, dass man weiter in Bewegung bleibe.

Aber ihm fehle eben die Gesellschaft. „Radfahren ist in erster Linie natürlich eine sportliche Betätigung. Doch die Kommunikation mit anderen Menschen ist mir genauso wichtig. Der Tag hat 24 Stunden, man muss auch mal unter andere Leute kommen. Die Kommunikation steht noch vor dem sportlichen Aspekt. Ich brauche das Gespräch mit anderen Menschen. Und Sport ist in der Gemeinschaft am schönsten“, sagt Altmeyer. Werner Brüker meint zu seinen derzeitigen Solofahrten schlicht: „Grausam.“

Ein Leben voller Sport

Willi Altmeyer ist gelernter Schlosser und hat Mitte der 1960er Jahre zum Programmierer umgeschult. Gearbeitet hat er bei Hoesch, jenem Stahl- und Montanunternehmen, an das heute nur noch die Industrie-Denkmäler auf dem Dortmunder Phoenix-Gelände erinnern. Er hat sein ganzes Leben Sport getrieben, erst Fußball und Handball, danach kam das Laufen hinzu. „Ich habe beispielsweise zig Mal beim Lauf von Werl nach Soest teilgenommen“, erzählt er.

Im Alter von 50 Jahren kam er dann zum Radfahren, ohne das es für ihn heute so gut wie gar nicht mehr geht. Über 8000 Kilometer fährt der 78-Jährige jedes Jahr, die meisten davon spult er auf der Niere ab. 50 bis 60 Kilometer pro Tour fährt er, das sind gut 70 Runden auf dieser kleinen Radrennstrecke. Der 80-jährige Werner Brüker schafft sogar 15 000 Kilometer jährlich und behauptet von sich selbst: „Ich bin der ganz Bekloppte.“

Coronavirus in Dortmund: "Wir halten uns an die Empfehlungen"

Die Dortmunder Radsenioren hoffen, dass sie bald wieder zusammenfahren dürfen. Die staatlichen Beschränkungen findet Willi Altmeyer richtig. Der 78-Jährige ist kerngesund, der Anzug von der Silberhochzeit mit seiner Margrit von vor 30 Jahren passe immer noch. Sein Hausarzt sagt stets: „Willi, an Dir kann ich kein Geld verdienen.“ Doch der Dortmunder weiß auch um die Gefährlichkeit des Coronavirus und dass er und seine Freunde zur Risikogruppe gehören. „Wir halten uns an die Empfehlungen“, sagt Altmeyer. Und Brüker hat sich fest vorgenommen: „Ich sage immer: Ich sterbe gesund mit 100.“ - Jens Greinke

 

Quelle: wa.de

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