Brücken in NRW: Verstärken oder komplett neu bauen?

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In besonderen Fällen werden Bauwerke häufiger geprüft, so finden bei gravierenden Defiziten jährliche oder sogar halbjährliche Prüfungen statt, bis hin zu einer quasi ständigen Überwachung wie im Fall der Rheinbrücke bei Leverkusen.

Düsseldorf - Nach dem verheerenden Brückeneinsturz in Genua befasst sich morgen der Verkehrsausschuss des Landtags mit dem Zustand der Brücken an den Autobahnen, Bundes- und Landesstraßen in Nordrhein-Westfalen. Laut Landesregierung befindet sich fast jede zehnte Brücke an Bundesfernstraßen in NRW in nicht ausreichendem bis ungenügendem Bauwerkszustand. Katastrophenfälle wie in Italien sollen durch frühzeitige Überprüfungen der Statik wirksam verhindert werden.

Marode Brücken bedeuten Baustellen und die führen häufig zu Staus. Immerhin: Wie das Verkehrsministerium mitteilt, steht NRW im bundesweiten Vergleich besser da als die meisten anderen Bundesländer. So konnten die Zustandsnoten der Brücken im Zuständigkeitsbereich des Landesbetriebes Straßenbau seit 2005 leicht verbessert werden. Der Anteil der Bauwerke an Bundesfernstraßen in nicht ausreichendem bis ungenügendem Bauwerkszustand – entspricht den Noten 3,0 bis 4,0 – sank von 14,3 Prozent in 2005 auf aktuell 8,9 Prozent.

Besonders schlechte Zustandsnoten haben zum Beispiel die Brücken im Autobahnkreuz Köln-Nord (3,5) und Köln-Gremberg (4,0). Besser sieht es in der hiesigen Region aus. Die Brücken der Autobahnen A 45 und A 46 im Märkischen Kreis liegen zwischen 2,2 und 3,0. An der A 44 im Kreis Soest weist das Ministerium Noten zwischen 1,5 und 2,7 aus. Die Brücken an der A1 und A2 in Hamm und dem Kreis Unna bewegen sich zwischen 2,4 und 3,0.

"Die Brücken in Deutschland sind grundsätzlich sicher, unabhängig von ihrem Alter." - Hendrik Wüst, NRW-Verkehrsminister

Ein „nicht ausreichender“ oder „ungenügender“ Bauwerkszustand ist übrigens nicht zwangsläufig ein Hinweis auf eine ungenügende Tragfähigkeit, sondern kann auch Folge einer eingeschränkten Verkehrssicherheit sein, zum Beispiel durch fehlende oder schadhafte Geländer.

Die Noten von 1 bis 4 spiegeln den „äußeren Zustand“ wider. Um Aussagen über die statische Tragfähigkeit, also den „inneren Zustand“, insbesondere älterer Bauwerke zu erhalten, werden Straßenbrücken in Deutschland seit 2011 systematisch nachgerechnet. Damit werden Aussagen zum statischen Zustand zu einem frühen Zeitpunkt möglich – noch bevor Schäden durch Materialermüdung entstehen.

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In NRW betreut der Landesbetrieb Straßenbau NRW aktuell rund 10.000 Brücken an Bundesfern- und Landesstraßen. Insgesamt vorrangig nachzurechnen sind insgesamt 1 119 Brückenbauwerke. Bis April diesen Jahres waren mit 520 knapp die Hälfte nachgerechnet. Davon müssen zum Erreichen des geforderten Traglastniveaus 132 Bauwerke verstärkt und 316 Bauwerke komplett erneuert werden.

Für den Bereich der Bundesautobahnen ist vorgesehen, im ersten Schritt die wichtigsten Transitautobahnen für den Schwerverkehr möglichst baustellenfrei bereitzustellen. Dazu werden zunächst alle Brücken im Zuge der Autobahnen A 1, A 2, A 3, mit Teilen der A 40, und A 57 abgearbeitet. Das Nachrechnen der einzelnen Brücken kann mehrere Monate dauern. In der Regel übernehmen das spezialisierte Ingenieurbüros, deren Kapazitätsgrenzen sind laut Landesregierung allerdings derzeit bundesweit weitgehend ausgeschöpft.

Die Brückeninfrastruktur stößt an vielen Stellen früher an ihre Leistungsgrenze, als dies zu erwarten war. Vor allem bei den älteren Brücken werden die ursprünglichen Tragreserven zunehmend aufgebraucht. Hierfür nennt das Verkehrsministerium als wesentliche Ursachen die deutliche Zunahme insbesondere des Schwerlastverkehrs sowie die Bauwerksdefizite aufgrund des Alters, des verwendeten Materials und der Bauart. Noch bis Ende der 1970er Jahre waren die Straßenbrücken in Deutschland für deutlich weniger prognostizierten Verkehr konzipiert. Viele der vor 1985 errichteten Bauwerke können ihre ursprünglich prognostizierte theoretische Nutzungsdauer von 70 (Betonbrücken) bis 100 Jahren (Stahlbrücken) heute bei weitem nicht erreichen und müssen vorzeitig erneuert oder verstärkt werden.

Die Brücken in Deutschland seien, so NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst in seinem Bericht für den Ausschuss, grundsätzlich sicher, unabhängig von ihrem Alter. Bundesweit würden alle Bauwerke zur Gewährleistung dieser Sicherheit von den zuständigen Straßenbauverwaltungen systematisch überwacht. Die Straßenbrücken in Deutschland unterlägen im internationalen Vergleich einer äußerst dichten Kontrolle. Zudem hat das Bundesverkehrsministerium in den vergangenen Jahren in Zusammenarbeit mit den Ländern einen neuen „Traglastindex“ entwickelt, der unabhängig von Genua Ende 2018 eingeführt werden soll.

Quelle: wa.de

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