Wege zur Einsparung von CO2

In Bottrop wird Ein Klärwerk wird zum Kraftwerk

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Ein eigenes Windrand: Betriebsmanager Torsten Frehmann steht vor den Klärbecken und zeigt auf die Windkraftanlage.

Die Kläranlage in Bottrop ist eine der größten in Deutschland – und die erste, die ihre benötigte Energie komplett selbst produziert. Damit ist das Klärwerk auch ein wichtiger Partner des Projektes InnovationCity in Bottrop geworden.

Bottrop – Oben auf den Faul-türmen hat man je nach Wetterlage eine wunderbare Sicht über das Ruhrgebiet. „Manchmal kann man kilometerweit gucken“, sagt Torsten Frehmann, als er auf der Balustrade steht, die die vier ei-förmigen Behälter in 45 Meter Höhe verbindet. Doch der Betriebsmanager des Klärwerks Bottrop schaut gerade lieber auf das, was nahe liegt und seiner Ansicht nach auch gut ist. Unter ihm breitet sich die riesige Klärwerk-Anlage mit allen ihren vielen Becken und Pumpwerken aus, sie gilt als eine der größten in Deutschland. Und sie ist landesweit die erste, die ihren Energiebedarf selbst abdeckt. „Vom Klärwerk zum Kraftwerk“, sagt Frehmann.

Seit Ende des vergangenen Jahres reinigt die Kläranlage Bottrop nicht nur das Abwasser von einer dreiviertel Million Anwohnern in der Region. Sie ist auch vom klassischen Abwasserreinigungsbetrieb zu einer Anlage umgewandelt worden, die gleichzeitig so viel Energie produziert, dass sie den Reinigungsprozess damit speisen kann. Deshalb redet Frehmann heute mehr über Energie als über Abwasserreinigung, was ja seine eigentliche Kernkompetenz ist. Doch man merkt es dem promovierten Ingenieur an, dass ihm dieses Thema ähnlich großen Spaß macht.

Beeindruckende Landmarke: Die Faultürme der Kläranlage Bottrop werden in den Abend- und Nachtstunden blau angestrahlt.

Angefeuert wurde der energetische Umbau des Klärwerks vom Projekt InnovationCity, bei dem zwischen 2010 und 2020 der CO2-Ausstoß in Bottrop um 50 Prozent gesenkt werden soll. Auch, wenn es keine finanziellen Verbindungen zwischen der Kläranlage und der Innovation City Management GmbH (ICM) gibt. „Dieses Projekt war für uns noch mal ein Extra-Anschub“, so Frehmann.

Innovation City als Extra-Anschub

Ein weiterer Baustein zu einem CO2-einsparenden Klärwerk befindet sich gerade in Bau. Es ist eine Art riesiges Gewächshaus, das auf einer Fläche von über 40 000 Quadratmetern entsteht und in dem künftig Klärschlamm solarthermisch getrocknet werden soll. „Der Klärschlamm ist das Abfallprodukt der Wasserreinigung. Früher hätte man ihn aufs Feld gebracht, was aber seit vielen Jahren nicht mehr gemacht wird. Heute wird er thermisch verwertet“, erklärt Frehmann. „Wir bekommen hier auch den Schlamm von zwei anderen Groß-Kläranlagen per Druckrohrleitung angeliefert: aus Duisburg und aus Dinslaken“, sagt Frehmann. Die Entwässerung habe bislang mit dem Einsatz von Braun- und Steinkohle stattgefunden. „Mittlerweile sind alle Zechen geschlossen. und die Steinkohle, die wir hier eingesetzt haben, kam aus Kolumbien. Wir stoßen dabei rund 60 000 Tonnen CO2 pro Jahr aus“, sagt Frehmann. Diese Menge wird künftig eingespart. Denn in der neuen Anlage werde der Klärschlamm künftig per Abwärme und Sonnenenergie so weit getrocknet, dass dieser selbstständig brenne und dabei die Turbinen antreibe. Die Rauchgasreinigung bei der Klärschlammverbrennung werde ebenfalls komplett modernisiert und erneuert. Die Asche gehe danach in den Deponiebau. Alles in allem die sauberste Sache, die derzeit möglich scheint.

Ein Vision wird Wirklichkeit

Somit ist „eine Vision“, wie Frehmann den energetischen Umbau nennt, bald Realität geworden: das Hybrid-Klärwerk. Eine Kläranlage verbraucht in der Regel 20 Prozent der Energie, die eine Kommune benötigt. Mehr als die Straßenbeleuchtung oder die Schulen. „Unser Standort hier braucht in etwa so viel Strom wie eine 30 000-Einwohner-Stadt. Der meiste Strom wird für die Wasserbelüftung benötigt“, erläutert Frehmann. Phosphor, Stickstoff und Kohlenstoff müssten aus dem Wasser gelöst werden. „Dafür brauchen die Bakterien viel Sauerstoff, der dem Wasser durch die Belüftung zugeführt wird“, so Frehmann weiter.

Bereits vor dem energetischen Umbau habe das Klärwerk 50 bis 60 Prozent der Energie durch Blockheizkraftwerke und eben die Faul-Eier, in denen Methan produziert wird, selbst abgedeckt. „Doch es war klar, dass wir ein Re-Powering brauchten“, so Frehmann. Die alten Blockheizkraftwerke wurden ersetzt durch vier neue, hocheffiziente Kraftwerke mit einer Leistung von jeweils 1,1 Megawatt. Die Dampfturbine wurde ebenfalls ausgetauscht. Zudem wurde ein eigenes Windrad aufgestellt, das 3 Megawatt Leistung liefert. Im Eingangsbereich des Verwaltungsgebäudes hängt ein Bildschirm, der die aktuellen Leistungsdaten aller Energiequellen anzeigt. Frehmann hat einen Wettbewerb ausgeschrieben: Wer sich mit dem höchsten angezeigten Wert fotografiert, gewinnt am Ende ein Eis. „Noch liege ich vorne“, sagt Frehmann und grinst.

Zusätzlich wurden eine 500 Quadratmeter große Photovoltaik-Anlage installiert, die ebenfalls ihren – wenn auch vergleichsweise geringen – Anteil an der Gesamtleistung von rund 10 Megawatt beisteuert. „Das ist viel mehr Strom, als wir eigentlich brauchen. Unser Bedarf liegt bei bei 4 bis 5 Megawatt“, sagt Frehmann. Da eine Einspeisung des Überschusses ins Stromnetz finanziell nicht so lukrativ sei, wurden im Zuge des Emscher-Umbaus neue Pumpwerke in Gelsenkirchen und Bottrop errichtet, die vom Klärwerk nun mittels einer eigenen Stromleitung versorgt werden. - Jens Greinke

Quelle: wa.de

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