An Weihnachten wird der Glühwein rundgelutscht

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Hartmut Gerhards zeigt in seinem Verkaufswagen auf dem Weihnachtsmarkt in Aachen die Bonbonmasse.

Aachen - In dem nostalgischen Zirkuswagen steht ein freundlicher Mann und verführt die Leute zur süßen Sünde: "Heute schon genascht?" Auf dem Aachener Weihnachtsmarkt duftet es nach Lakritz und Sahne, Himbeeren und Honig. Hartmut Gerhards macht Bonbons. Die Sorte Glühwein ist der Renner.

Seine Kunden tragen verzückte Mienen, während sie die zuckrigen Klumpen von einer Wangentasche in die andere schieben. Das Geräusch zum Gesicht: "Hmmmhhmmm!" Genussvoller Tonfall. Was die Menschen wohl empfinden? "Wer meine Bonbons beschreiben will, muss probieren. Sonst weiß er nicht, wovon die Rede ist", antwortet der Bonbonmacher.

Eifelbrocken, die nach Lakritz schmecken, Salbei, Ingwer und gestreifte Pfefferminzkissen - die Aromen für das Naschwerk stammen aus destillierten Extrakten, Fruchtmark und ätherischen Ölen. Hochwertig und alles Natur.

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Bonbonmacher auf dem Aachener Weihnachtsmarkt

Die Aromenverordnung verbietet alles Künstliche. "Auch beim industriell hergestellten Massenbonbon sind inzwischen natürliche oder naturidentische Aromen vorgeschrieben", sagt Bernd Sladky, sensorischer Sachverständiger von der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft DLG. Die Aromen in Süßwaren müssen zu 95 Prozent von der namengebenden Frucht stammen.

Winterzeit ist Aniszeit. Also kocht der Bonbonmacher eine Portion der gelben Genussbomben, an denen sich die Geister scheiden: mancher liebt ihre intensive Note, andere können sie nicht ausstehen. Für den typischen Geschmack mischt er klaren Anisextrakt unter die Masse aus Wasser, Zucker und Gluskosesirup, die im Kessel brodelt. Den Extrakt lässt er destillieren. Ein kleines Glas genügt.

Schwaden ziehen über den Markt, wenn der Bonbonmacher den wabernden Brei auf eine gefettete Marmorfläche kippt. Die süße Wolke lockt gleich eine Menschenschar herbei. Sie verfolgt gebannt die nächsten Arbeitsschritte.

Wenn die Masse zu einem zähen Strang erkaltet ist, kurbelt Gerhards ihn durch seine Bonbon-Walze. Mit ihr kann er Beeren, Fischformen oder Kugeln und noch andere Motive prägen. Die Walzen sind mehr als 100 Jahre alt und stammen vom Großvater. Deswegen prangt an dem Wagen das Schild: Bonbonmacher Anno 1900.

Gerhards hat früher Karriere in der Süßwarenbranche gemacht. Mit Hektik und Termindruck. Dann stieg er da aus. Bonbons im Zirkuswagen kochen, so hieß sein neuer Traum. "Das war anfangs kein Zuckerschlecken", erinnert sich der 59-Jährige. Aber Menschen den Tag zu versüßen gibt ihm mehr als das große Geldverdienen.

Der Bonbonmacher schüttet die Charge frischer Anisbrocken in ein Sieb und lässt sie darin kräftig durcheinander purzeln. Die Bonbons reiben sich gegenseitig glatt. Rundlutschen muss der Genießer sie selbst. Das lieben viele im Unterschied zur Fabrikware. "Hier ist Standardisierung das Maß. Immer gleich in Form, Farbe und Geschmack", erklärt Lebensmittelexperte Sladky.

Jetzt ist endlich Zeit zum Probieren. Die Zuschauerrunde verkostet die fertige Köstlichkeit. Und den Moment mag der Bonbonmacher besonders gern: Wenn die Gesichter verraten, dass jetzt gerade die Geschmacksnerven ein Feuerwerk erleben. - Eva Gerten, dpa

Quelle: wa.de

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