Die 1. Biennale für Internationale Lichtkunst

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Atommodelle von Mondstaub lässt Spencer Finch auf dem Dachboden von Birte Schneider in Unna leuchten. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ HAMM/BERGKAMEN – Blitze irrlichtern durch den Dachboden in Hamm. Sie reißen das weiße Motorrad aus dem Dunkel. Bässe wummern, dann wird die Musik sanfter, dann wieder dröhnt ein Motor. An den Wänden entdeckt der Betrachter Projektionen. Ein Mann lässt die Hand über den Schatten des Motorrads gleiten. Im Kopf entsteht der Film eines Geisterfahrers. Das Werk des isländischen Künstlers Egill Sæbjörnsson rockt.

Es gehört zur 1. Biennale für internationale Lichtkunst, die als Projekt der Kulturhauptstadt Europas in sechs Städten des Ruhrgebiets zu sehen ist. Kurator Matthias Wagner K hat unter dem Titel „Open Light in Private Spaces“ Arbeiten von 60 Künstlern in 60 Privaträume gebracht. Die Schau erneuert ein Projekt des belgischen Ausstellungsmachers Jan Hoet von 1986 in Gent, „Chambres d‘amis“. Der spätere documenta-Chef holte die Kunst aus dem Museum in den Alltag. Zwei Monate lang ist nun wieder Kunst in Privatwohnungen in Bergkamen, Bönen, Fröndenberg, Hamm, Lünen und Unna zu sehen. Dabei sind klassische Werke aus Museen zum Beispiel von Laszlo Moholy-Nagy (1895– 1946), internationale Gegenwartskünstler wie Bruce Nauman, Jenny Holzer, James Turrell. Der japanische Künstler Kazuo Katase war schon in der Genter Ausstellung vertreten. In Lünen zeigt er „Helle Kammer Schwarzer Berg“. Für das Reihenhaus mit einem japanisch gestalteten Garten kombinierte er einen Leuchtkasten im Wohnzimmer mit einem Kohlehaufen draußen, um seine Erinnerungen an den Fujiyama zu vergegenwärtigen.

Mehrere Traditionslinien prägen die Biennale. Elín Hansdottir, die jüngste Teilnehmerin, baute für ein altes, stillgelegtes Kino in Hamm ein Labyrinth, das in einem Projektionsraum mündet. Dort läuft „Reciprocal“, ein Video, das die Schleiertänze von Loie Fuller rekonstruiert. Die Amerikanerin, die Toulouse-Lautrec auf Plakaten darstellte, begeisterte in der Belle Époque die Pariser, indem sie ihre Auftritte mit farbigen Scheinwerfern beleuchten ließ, eine Vorwegnahme von Lichtkunst, wie Kurator Wagner K unterstreicht. Eine weitere Rekonstruktion von Fuller ist in Bönen zu sehen.

Auf dem Dachboden von Birte Schneiders Bestattungsinstitut in Unna hat Spencer Finch ein Atommodell von Mondstaub aus Lampen installiert – und spielt wunderbar mit der kosmischen Anmutung von Lichtpunkten. In der Tenne von Elke Middendorfs Hof in Bergkamen ist „Lamentable“ von François Morellet installiert, mehrere gebogene Leuchtröhren, die einen Kreis von mehr als sechs Metern Durchmesser ergäben, nun aber als eine Art Schriftzeichen den Scheunenraum beherrschen und einen markanten Kontrast zu den Plastikfässern mit Apfelwein und den ausgestopften Vögeln ergeben.

Licht kann heilen. Damit arbeitet Mischa Kuball in seinem Werk für eine Arztpraxis in Unna. Buchstaben und Zahlen werden an Wände projiziert. Der Betrachter versucht unwillkürlich, darin Codes zu entdecken, Sinn zu schaffen. Diese Anregung der Hirntätigkeit kann zum Beispiel auf Schlaganfallpatienten therapeutisch wirken.

Mit Schatten spielen Anny und Sibel Öztürk in ihrer Installation im Wohnzimmer der Familie Richter in Bergkamen. Über eine Wand voller Bilder wandert Licht, das scheinbar durch ein Fenster fällt: Man sieht Gitter und eine Pflanze. Aber hier hat nicht die Abendsonne den Turbo eingelegt. Das Licht kommt aus einem Projektor, das Bild ist eine Erinnerung an das Haus der Großmutter in Istanbul. Die Schwestern und ihre Gastgeber haben sich angefreundet. „Nun mischen sich unsere Erinnerungen“, sagt Anny Öztürk.

So kommen die spirituell aufgeladenen Stelen von Björn Dahlem in die Hammer Pauluskirche und nebenan in die Wohnung von Ulrike Weißenfeld, die mit Begeisterung Gäste empfängt und weitergibt, was sie im Gespräch mit dem Künstler erfuhr. Ein Partykeller, eine Garage, das Kinderzimmer eines elfjährigen Mädchens werden Ausstellungs- und Begegnungsräume. Auf 20 000 ist die Zahl der Tickets limitiert, um die Gastgeber nicht zu überfordern. Matthias Wagner K ist sich sicher, dass die Biennale ausgebucht sein wird.

Auf die Besucher warten magische Momente. Zum Beispiel bei Gisela Schmidt, 82, der ältesten Gastgeberin, die in ihrem Zechenhaus in Bergkamen als erstes sagt: „Jetzt habe ich jeden Tag Besuch.“ Ihr Vorratsraum mit Unmengen an Vasen, Töpfen, Schachteln und Einweckgläsern hatte es dem Kurator sofort angetan. „Wissen Sie“, sagt Frau Schmidt, „in meiner Generation konnten wir uns schwer von Dingen trennen. Wer weiß, wann man das noch brauchen kann.“ Nun leuchten hier rote Neonworte von Joseph Kosuth. Das letzte ist „Bedeutung“. Auf subtile Weise kommentieren Kosuths Begriffe dieses private Archiv aus Erinnerungsstücken, diese Rückschau auf gelebtes Leben. „Bedeutung“, wiederholt Frau Schmidt. „Da habe ich endlich begriffen, was der Raum mir sagen kann.“

60 Kunstwerke werden in privaten Räumen gezeigt: 1.Biennale für Internationale Lichtkunst – Open Light in Private Places

Eröffnungsfeier 27. März ab 18 Uhr im ehemaligen Förderturm Bönen. 27.3.-27.5.,

tägl. 10-18 Uhr

geöffnet: an Tagen mit geradem Datum Häuser in Unna, Fröndenberg, Bönen; ungerades Datum: Hamm, Lünen, Bergkamen, Tel. 02303/25 66 27

http://www.biennale-lichtkunst.de

Katalog in Vorbereitung

Quelle: wa.de

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