Gang über die Ausstellung in Bochum

Raucherlunge und Liebesakt: Körperwelten in Bochum

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Die Bogenschützin: das perfekte Zusammenspiel der Muskeln.

BOCHUM - Eine umstrittene Ausstellung macht Station in Bochum: In der Ruhrgebietsstadt präsentieren Plastinator Dr. Gunther von Hagens und Dr. Angelina Whalley noch bis zum 19. Januar 2014 ihre aktuelle Show "Körperwelten & Der Zyklus des Lebens". Wir haben uns dort umgeschaut.

Von Susanne Fischer-Bolz

"Und dann sitze ich erst einmal in einer Badewanne mit 1000 Litern Formalin", schmunzelt Heinz Hölscher und man könnte meinen, er freue sich darauf. Er, in diesem Moment noch quicklebendig, möchte einmal der vierte Pokerspieler hinter Glas werden. Klingt irgendwie unheimlich. "Ist es aber nicht", sagt der 67-Jährige, der die Details von seinem Tod bis zum Plastinat haargenau kennt. Obwohl: Eigentlich wird das Formalin gespritzt. Damit wird der Verwesungsprozess gestoppt. Es tötet sämtliche Bakterien und verhindert den Zerfall des Gewebes.

Die Organe und Körperteile sind in alle Richtungen auseinander gezogen.

Doch bevor Heinz Hölscher und alle anderen Körperspender ein Plastinat werden (können) und den Betrachtern eine Reise unter die Haut ermöglichen, gibt es noch eine Reihe weiterer Prozesse: Entwässerung und Entfettung durch Azeton, Imprägnierung durch Kunststoff, Positionierung und Härtung. 1500 Arbeitsstunden dauert die Präparation und Plastination eines ganzen Menschenkörpers - 20 komplette Exemplare sind aktuell in der Ausstellung "Körperwelten und der Zyklus des Lebens" in Bochum zu sehen. Hinzu kommen 200 Körperteile, Scheiben, Organe.

Dicht gedrängt bestaunen die Zuschauer die menschlichen Präparate - und es ist weder widerlich noch abstoßend. Vielleicht fühlt sich der eine oder andere nicht ganz wohl in seiner Haut und ist froh, dass er genau diese noch hat. Es gibt den Wow-Effekt wie bei der "Bogenschützin", die das perfekte Zusammenspiel der Muskeln zeigt, ebenso wie den unterdrückten "Um Himmels Willen-Schrei" beim zerrupft aussehenden Plastinat, das sämtliche Nervenfasern präsentiert. Zwischen Neugierde und Erstaunen wagt sich der Ausstellungsbesucher an der Hermannshöhe in Bochum zum Skiflieger vor, dessen Körperhülle in der Mitte geteilt ist, um einen Blick auf die Muskeln und inneren Organe zu ermöglichen.

Heinz Hölscher (rechts) und Andreas Mühlenbernd sind Körperspender. Heinz Hölscher möchte gern der vierte Pokerspieler werden.

Apropos Organe: Es ist die Raucherlunge, die von vielen intensiv betrachtet wird -- und es ist das Paar beim Liebesakt, das am meisten Irritationen hervorruft. Genau dieses hatte schon für einige Turbulenzen gesorgt und wurde 2009 in Augsburg mit einer Goldfolie verhüllt, nachdem die Stadt mit einer Strafe gedroht hatte. Seit Beginn der Ausstellung "Körperwelten" 1996 melden sich immer wieder Kritiker zu Wort, die es als nicht menschenwürdig betrachten, dass tote Körper in teilweise seltsam anmutenden oder sogar obszönen Posen in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt werden.

Und auch, bevor die "Körperwelten"-Ausstellung in Bochum eröffnet wurde, wurden Unterschriften gesammelt. Die Initiative "Stoppt Organraub in China" erklärte, dass die Herkunft der Plastinate nicht eindeutig geklärt sei - was vehement von den "Körperwelten"-Veranstaltern zurückgewiesen wurde und wird. Währenddessen ist Heinz Hölscher ein gefragter Mann. Dass er als Mitglied des Bundesverbandes der Körperspender während der Ausstellung zu Gesprächen bereit ist, macht viele neugierig.

Wieso, weshalb, warum will er das? Der gelernte Krankenpfleger möchte "nicht von Würmern zerfressen werden", sondern mit seinem Körper Gutes tun. Und der Wissenschaft dienen. "Ich habe mich für ein Ganzkörperplastinat entschieden. Man kann aber auch Scheibenplastinat oder Teileplastinat wählen", erzählt der Münsteraner. In einem 15-seitigen Verfügungsbogen könne man sehr genau festlegen, was man wolle oder eben nicht wolle. Hölscher möchte also ein Pokerspieler werden - aber ob das klappt, weiß er nicht. Vielleicht, wenn eine der aktuellen "Herrschaften" kaputt geht - denn auch das kann vorkommen: durch den Transport beispielsweise.

Die Raucherlunge gehört zu den Plastinaten, die von den Besuchern sehr interessiert bestaunt werden.

Der Tod hat für Heinz Hölscher keinen Schrecken - "meine Seele kann in den Himmel kommen, der Körper bleibt hier". Oder genauer: wird nach dem Ableben mit dem Bodymobil abgeholt. Das Institut für Plastination in Heidelberg hat einen kostenlosen Überführungsservice für seine Körperspender innerhalb Deutschlands eingerichtet. Für die Körperspende muss nichts bezahlt werden - und der Körperspender erhält auch keine Entschädigung. Dass man einen lieben Verstorbenen in einer Ausstellung erkennen kann, ist unwahrscheinlich.

Es werden keine Angaben zu der Identität und den Todesursachen gemacht. Bei den Ausstellungen stehen die Körper selbst im Mittelpunkt, nicht die zugehörigen persönlichen Informationen. Aber das ist für Heinz Hölscher in Ordnung. "Man trauert mit dem Herzen." Eine Grabstätte - wo auch immer - brauche man nicht.

Info:

Die "Körperwelten" sind noch bis zum 19. Januar 2014 in Bochum zu sehen - montags bis donnerstags 9 bis 19 Uhr, freitags 9 bis 21 Uhr, samstags und sonntags von 10 bis 19 Uhr. Der Eintritt kostet für Erwachsene 18 Euro, für Jugendliche bis 18 Jahren 13 Euro.

Die Ausstellung "Körperwelten und der Zyklus des Lebens" widmet sich dem Kreislauf vom Entstehen und Vergehen - wie sich der Körper verändert, wie er wächst, reift, den Höhepunkt erreicht und schließlich schwächer wird. Tickets gibt es unter anderem bei Eventim. Reservierungen für Schulklassen und Gruppen über die Bochum Marketing GmbH: 0234/963020.

Hintergrund:

Die Plastination wurde 1977 von Gunther von Hagens, Mediziner und Wissenschaftler, erfunden. Das Plastinationsverfahren ist eine Konservierungsmethode, die es ermöglicht, den Verfall des toten Körpers zu stoppen und langfristig haltbare anatomische Präparate für die wissenschaftliche und medizinische Ausbildung herzustellen. Seit 1996 zeigt von Hagens' Institut für Plastination unter dem Titel "Körperwelten" öffentliche Ausstellungen plastinierter Körper, die weltweit viel besucht, aber auch umstritten waren bzw. sind.

Seit dem 30. August gastiert Gunther von Hagens' "Körperwelten und der Zyklus des Lebens" in Bochum. Nach neun Wochen wurde die 100.000. Besucherin begrüßt. Wer ohne Wartezeit in die Ausstellung gelangen möchte, sollte sein Ticket im Vorverkauf erwerben.

Gunther von Hagens

Die Pokerrunde ist Heinz Hölschers Lieblings-Plastinat. Hinter den Pokerfaces der drei Protagonisten steckt noch viel mehr, als auf den ersten Blick ersichtlich: Die beiden außen Sitzenden haben sich gegen den chancenlosen Dritten verbündet, tauschen unter dem Tisch mit ihren Fußzehen heimlich eine Karte aus. Sie haben ihn sinnbildlich schon bis auf die Knochen ausgezogen.

Die Ausstellung ist um eine "tierische" Attraktion reicher: Den Organisatoren ist es gelungen, eines von Gunther von Hagens' Tierplastinaten für die Bochumer Ausstellung bereit zu stellen. Der Braunbär, ein Landraubtier von 2,50 Metern Körpergröße, gewährt Einblicke in Nervensystem, Knochenbau, Muskulatur und Organe unserer tierischen Verwandten.

Gegen Vorlage ihrer ADAC-Clubkarte an der Tageskasse erhalten ADAC-Mitglieder einen kostenlosen Audio-Guide im Wert von 3,50 Euro. Der Audio-Guide vermittelt zahlreiche Informationen zu den Exponaten.

"Sämtliche in den Körperwelten gezeigten Präparate stammen aus einem Körperspendeprogramm, das 1982 in Heidelberg ins Leben gerufen wurde und inzwischen von dem 1993 gegründeten Institut für Plastination geleitet wird. Nur einige wenige Präparate sind anatomischen Sammlungen und Lehrprogrammen entnommen worden. Mehr als 13 500 Personen, darunter 12 000 Deutsche, sind derzeit am Heidelberger Institut für Plastination als Körperspender registriert. Die Gesamtzahl der bereits verstorbenen Spender beläuft sich auf 1285", so die Informationen von der Pressestelle der "Körperwelten".

Beweggründe der Körperspender: 22 Prozent möchten einem guten Zweck dienen; 19 Prozent sind von der Plastination begeistert; 13 Prozent empfinden es als unangenehm, verbrannt oder begraben zu werden; 13 Prozent möchten ihre Angehörigen von der Grabpflege befreien; zwölf Prozent sind von den öffentlichen Ausstellungen begeistert; sieben Prozent möchten Beerdigungskosten sparen; vier Prozent haben keine Angehörigen.

Quelle: wa.de

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