Beschimpft und beschmiert – doch Adolf Sauerland will im Amt bleiben

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Der Mann kann einstecken: Adolf Sauerland nach einer Ketchup-Attacke vor genau einem Jahr.

DUISBURG - Er wurde beschimpft, ausgebuht und mit Ketchup beschmiert. Doch Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland will sein Amt nicht räumen. Jetzt droht ihm das erste von Bürgern initiierte Abwahlverfahren in NRW.

Im dunkelblauen Anzug steht der kleine Mann vor dem Mercatorzimmer im Blitzlichtgewitter, die Arme hängen herunter, die Fäuste sind geballt. Adolf Sauerland (56) will Oberbürgermeister in Duisburg bleiben, obwohl eine Bürgerinitiative gerade 79 000 Unterschriften von Bürgern vorgelegt hat, die seine Abwahl fordern. Mehr als ihn 2009 gewählt hatten.

Pfiffe und Buhrufe schlagen dem einst so beliebten Verwaltungschef entgegen, als er im Rathaus erklärt, weiter an seinem Amt festhalten zu wollen. „Schäm Dich“, brüllt ein Duisburger. So etwas muss dem ehemaligen Berufsschullehrer, der sich mit seinem Ruhr-Dialekt und dem blau-weißen MSV-Schal immer als Mann des Volkes fühlte, besonders wehtun.

Die erste Pressekonferenz am Tag nach dem Schock der Loveparade-Katastrophe vom 24. Juli 2010 hatten alle Beteilgten wie gelähmt erlebt: Der Veranstalter, die Polizei, die Stadt. Frei von Schuld an der Katastrophe war keiner – so scheint es nach den bisherigen Ermittlungen. Doch es war Sauerland, der mit einer floskelartigen abgelesenen Erklärung die Wut der Bürger und die Kritik der Presse auf sich zog.

Dass er die Übernahme persönlicher Verantwortung verweigerte und noch Monate später eine Entschuldigung bei den Angehörigen vermissen ließ, machte ihn bei den Bürgern zum Kristallisationspunkt all ihres Zorns und ihrer Verunsicherung nach einem für viele unerklärlichen Ereignis. Für die Angehörigen der Opfer war der Verwaltungschef gleich erledigt. Sie wollten Sauerland weder bei der Trauerfeier nach dem Unglück noch zum Jahresgedenken dabei haben.

Sauerland wurde zum Sündenbock, und je mehr er ins Abseits geriet, desto mehr zog er sich auf sich selbst und wenige Getreue zurück. Er stürzte sich in die Arbeit, in Rathausroutine und Repräsentationstermine, die für Beobachter etwas Gespenstisches bekamen.

Die starre Frontstellung zwischen OB und Kritikern, die es durchaus auch im Rathaus gibt, führte zu einer Bürgerbewegung, wie sie Duisburg wohl seit den Protesten der Krupp-Arbeiter in Rheinhausen in den 80er Jahren nicht mehr erlebt hat.

Nicht die Aktivisten, die mit Anti-Sauerland-T-Shirts in die Kameras drängen, sondern ganz normale Duisburger prägten das Bürgerbegehren zur Abwahl. Eine gespaltene Stadt bis zum Ende der Amtszeit von Sauerland 2015 – das wollten auch Bürger nicht, die die Verdienste des Oberbürgermeisters in der Zeit vor 2010 würdigten.

Sonst wäre die erstaunliche hohe Zahl von 79 000 Unterschriften niemals zusammengekommen. Die tragen Vertreter der Bürgerinitiative am Montag in abgegriffenen Aktenordnern in den Duisburger Rathaussaal, wo sie Bürgermeister Benno Lensdorf (CDU) entgegennimmt.

Wenn im Dezember die Unterschriften ausgezählt und auf ihre Echtheit überprüft sind, könnte Sauerland schon bald seinen Sessel räumen müssen. Dafür müssten 92 000 Bürger im Abwahlverfahren gegen ihn stimmen. Angesichts der viermonatigen Stimmensammlung für das Bürgerbegehren scheint auch diese Hürde erreichbar. Und falls nicht, hat die Bürgerbewegung ein Ziel schon jetzt erreicht: Duisburg aus seiner politischen Agonie zu befreien. - dpa

Quelle: wa.de

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