Beschimpft, bedroht und attackiert: Gewalt gegen Rettungskräfte

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„Mein Gefühl ist, dass die Gewalt gegen uns Retter zugenommen hat.“ Rettungssanitäter Sebastian Spies neben einem Rettungswagen in der Malteser-Dienststelle in Essen.

BOCHUM / ESSEN - Werden Rettungskräfte ständig beleidigt oder gar angegriffen? Oder sind das lediglich Einzelfälle? Ein Forschungsprojekt an der Ruhr-Universität Bochum widmet sich dieser Frage. Eine Befragung von Malteser-Rettern ergab derweil, dass Beschimpfungen im Einsatz für die meisten an der Tagesordnung sind.

Der betrunkene Obdachlose am Essener Hauptbahnhof soll sich auf eine Liege im Rettungswagen setzen. Doch aus seiner Tasche zieht er ein Küchenmesser. Die Klinge verfehlt den Körper von Malteser-Rettungsassistent Sebastian Spies nur knapp.

Polizisten überwältigen den Mann wenig später. „Nach so etwas muss man mal kräftig Luft holen“, sagt der 31-jährige rückblickend. „Mein Gefühl ist, dass die Gewalt gegen uns Retter zugenommen hat.“ Doch er will nicht dramatisieren. Meist beließen es seine Patienten bei Beschimpfungen und der Androhung von Gewalt.

Aber auch das belastet. Der Beruf des Rettungssanitäters sei für die Seele gefährlicher als er angenommen habe, sagt der Malteser-Betriebsarzt in NRW, Wolfgang Braun. Er bietet Deeskalationslehrgänge an, in denen die Helfer etwa lernen, die richtige Körperhaltung einzunehmen. Für Braun sind diese Kurse ein besseres Mittel als eine Stichschutzweste. Darüber hatten die Malteser in NRW nachgedacht, sie aber im Gegensatz zu ihren Nürnberger Kollegen nicht eingeführt.

Auch Rettungsassistent Spies ist überzeugt, dass die Weste die Patienten ohnehin nur aggressiver mache und er nicht als Retter wahrgenommen würde. Ein Dortmunder Kollege habe sich trotzdem für sie entschieden, weil er Angst um seine einzige Niere habe, erzählt er.

Bei einer Befragung unter 265 Mitarbeitern des Malteser Hilfsdienstes in NRW im Frühjahr gaben mehr als 90 Prozent an, dass sie sich während ihrer Einsätze permanenten Beleidigungen und Beschimpfungen aussetzten. Die kämen nicht nur von dem Patienten selbst, auch von dessen Freunden und Verwandten. „Von der grölenden Clique vor einer Disco oder von der Ehefrau, die sich mit den Worten ,Hey, mein Mann ist privatversichert‘ einmischt und zur Furie wird“, sagt Spies.

Professor Wolfgang Heinemann von der Ruhr-Universität Bochum fasst die Ergebnisse der Studie so zusammen: Körperliche Gewalt ist laut Studie zwar seltener, aber 63 Prozent der Befragten haben sie demnach schon erlebt. Sie sind zudem ständigen Bedrohungen ausgesetzt wie etwa in dem Spruch „Wenn das Kind stirbt, seid ihr dran.“ Heinemann leitet derzeit eine noch größer angelegte, deutschlandweite Studie zur Gewalt gegen Malteser. Ebenfalls an der Uni Bochum forscht die Sozialwissenschaftlerin Julia Schmidt aktuell für ihr von der Landesunfallkasse NRW finanziertes Projekt „Gewalt gegen Rettungskräfte in NRW“. Sie bezieht dabei Mitarbeiter aller medizinischen Rettungsdienste und Feuerwehrleute mit ein. Ihr Zwischenergebnis: „Es ist ein Problem für die jeweils Betroffenen, aber ein Problem, das aufgebauscht wird. Es wird immer suggeriert, die Gewalt gegenüber Rettern habe heftig zugenommen, es sei eine Verrohung der Gesellschaft festzustellen. Das wurde aber bislang gar nicht untersucht, repräsentative Studien fehlen.“

Ihr Forschungsprojekt soll prüfen, ob das Phänomen tatsächlich ein erschreckender Standard bei den Rettungseinsätzen ist oder ob von Einzelfällen gesprochen werden muss. Ihre bisherigen Ergebnisse sprechen deutlich für Einzelfälle. In etwa drei Jahren soll es eine neue Untersuchung geben, um eventuelle Veränderungen festzustellen.

Die verbale Gewalt, Pöbeleien wie „Ey, du Penner!“, gehören laut Schmidt für die Befragten zum Arbeitsalltag. Das deckt sich mit den Ergebnissen der Malteser-Befragung. Schmidt konzentriert sich allerdings auf die körperliche Gewalt: Die habe „vielleicht ein Drittel“ der Retter „äußerst selten“ erlebt, sagt sie. Es seien die typischen Abwehrreaktionen: ein Patient, der dem Sanitäter ängstlich die Spritze aus der Hand schlägt. „Und nicht, wie häufig dargestellt, ein aggressiver Patient, der seinen Retter bewusst verletzen will“, erklärt Schmidt. - dpa

Quelle: wa.de

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