Bernd Schindowskis „Voices“ in Gelsenkirchen

Von Ursula Pfennig ▪ GELSENKIRCHEN–Wie altmodisch die Namen klingen: Bertolt Brecht, Ho Chi Minh, Hans Magnus Enzensberger. Und auch die Themen: Unterdrückung, Kampf der Gerechtigkeit, Rosen und Revolutionen. Hans Werner Henze komponierte die Liedsammlung „Voices“ 1973. Im Rahmen des Henze-Projektes von Ruhr.2010 bringt Bernd Schindowski „Voices“ in Gelsenkirchen auf die Bühne.

Im Kleinen Haus der Studiobühne im Musiktheater im Revier rückt alles eng zusammen. Das 15-köpfige Orchester unter der Leitung von Bernhard Stengel findet auf dem Balkon Platz, ebenso die Gesangsstimmen: Marina Sandel als Mezzosopran und Uwe Stickert als Tenor. Die Bühne für das 14-köpfige Ensemble von Johann Jörg erscheint im gleißend weißen Licht noch größer. Dazwischen bleibt rund ein Dutzend Stuhlreihen für die Zuschauer.

Kuba: Das Ensemble steht Kopf, scheint an stummen Schreien zu ersticken – ein Lied über die Zensur der kubanischen Schriftsteller. Griechenland: Das Volk, personifiziert in einer Solotänzerin, entsetzt und hilflos, mit leeren Händen. Das Lied „Grecia 1970“ war eine Anklage gegen amerikanische Waffenlieferungen an das folternde griechische Militärregime. Oder Vietnam: Der Titel „42 Schulkinder“ bezieht sich auf deren Bombentod. Auf den Bühnenhintergrund sind Ortsnamen von Städten auf der ganzen Welt projiziert, manchmal auch Gedichtzeilen wie Menetekel (Videos: Rubens Reis).

Doch das große Ganze bleibt nicht in statischen Parolen stecken, sondern rückt nahe, weil Henzes Musik und Schindowskis Choreographie der universellen Gewalt Stimmen und Gesichter geben. Das Ensemble tanzt in weißen Shirts mit einem Foto des eigenen Gesichts (Kostüme: Andreas Meyer). Die 15 Musiker spielen 70 Instrumente aus aller Welt. Bläser schreien und wimmern unter den harten Anschlägen des Klaviers und der Percussion. Streicher klagen oder wiegeln auf. Der Mezzosopran von Marina Sandel ist kraftvoll und ausdrucksstark, auch wenn die Akustik der Studiobühne Grenzen aufzeigt. Uwe Stickert als Tenor intoniert besonders den Sprechgesang sehr präzise und klar, brillant gelingt der zynisch-ironische Tonfall bei Delius „Vermutungen über Hessen“ („Wenn dein starker Arm es will“).

Eine zentrale Stellung im Liederzyklus nimmt Bertolt Brechts „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking“ ein, in der er auch seine Rolle als Emigrant zwischen Ohnmacht und Hoffnung auf den Sieg der guten Sache skizzierte. Im Gegenein ander der Tänzerinnen und Tänzer visualisiert Schindowski die zentrale Weisheit: „Dass das weiche Wasser in Bewegung mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt. Du verstehst, das Harte unterliegt.“

Manche Liedtexte werden szenisch-erzählerisch umgesetzt, im Vordergrund stehen jedoch abstrakte Bewegungsabläufe, die die psychologische Dimension von Gewalt und Widerstand abbilden. Kraftzehrende Hebungen und viel Bodenarbeit verlangt den Tänzern über 75 Minuten ohne Pause einiges ab. Zu Enzensbergers „Blumenfest“ balancieren die Tänzerinnen minutenlang auf den Füßen und Händen der am Boden liegenden Tänzer – im Spagat, auf Händen, in Hockstellung hängend. Auch die für Schindowski typischen Menschenknoten fehlen nicht, die Individuen verschlucken und wieder absondern.

Bewegte Körper, gehaltvolle Wörter, ausdrucksstarke Stimmen: Das Zusammenspiel macht die starke Wirkung dieser Inszenierung aus.

Die Stücke

Eine Sammlung von Liedern für zwei Singstimmen und Orchester von Hans Werner Henze mit Texten von Brecht, Ungaretti und Enzensberger.

Voices in Gelsenkirchen

im Kleinen Haus der Studiobühne im Musiktheater im Revier.

Termine: 13., 16., 19., 26. Mai, http://www.musktheater-im-revier.de, Tel. 0209/4097-200

Quelle: wa.de

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