Bauern machen gegen Flächenfraß mobil

WLV Flächenfraß B61 Gewerbegebiet Bergkamen Logistikpark A2 Heinz-Dieter Kortenbruck, links Reinhard Döring Kreisverbandsvorsitzender WLV foto Halfter

DORTMUND/BERGKAMEN ▪ Jede Sekunde zwei Quadratmeter. Jeden Tag rund 20 Fußballfelder. Jedes Jahr eine Fläche etwa so groß wie die Stadt Lünen. Viele Zahlenspiele, die alle ein Problem verdeutlichen: Die landwirtschaftliche Nutzfläche in NRW schrumpft stetig. „Landfraß“ nennen das die Bauern. Sie fordern ein Umdenken in den Kommunen und machen mobil in der Region.

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"Doppelter Landfraß nur ein Mythos"

Friedrich Timmermann ist einer dieser Landwirte. Der 67-Jährige bewirtschaftet seit gut 40 Jahren Felder, ganz oben im Norden von Dortmund. Da, wo die Stadt schon eher nach Münsterland als nach Ruhrgebiet aussieht. Acht Hektar hat er hier von der Ruhrkohle gepachtet, grünes Land, eingeschlossen von Naturschutzgebieten. Eine Idylle – die aber gefährdet ist. Timmermann bangt um sein Land, denn hier oben, an der Grenze zu Lünen, soll ein Gewerbegebiet entstehen. Die Planungen für „Groppenbruch“ laufen seit fast zehn Jahren. Und genauso lange laufen Anwohner und Landwirte Sturm gegen das 30 Hektar große Projekt.

An diesem Morgen sind sie in großer Zahl auf die durchnässten Wiese gekommen. Haben knallrote „Stoppt Landfraß“-Schilder in den Boden gerammt, Traktoren mit Transparenten geparkt und gruppieren sich um die „Flächenverbrauchsuhr“, mit der der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) den Landfraß in NRW verdeutlichen will. Exakt 16.674.951.440 Quadratmeter zeigt sie gerade, zwei Quadratmeter weniger werden es jede Sekunde.

„Wir wollen die Menschen sensibel machen für dieses Problem“, sagt Hans-Heinrich Wortmann, stellvertretender Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Ruhr-Lippe. Durch Siedlungen, Gewerbegebiete, Straßen ginge Fläche rapide verloren „und ist dann weg. Der Boden ist nicht vermehrbar. Und langsam wird es eng“, sagt er.

Die Bauern nicken. Und reden sich in Rage. Ungerecht sei es, dass jeder Landwirt bei der Errichtung von Ställen eine Rückbauverpflichtung eingehen müssten – für Logistikzentren gelte das aber nicht. Schlecht sei auch, dass Kommunen für jedes zugebaute Feld eine ökologische Ausgleichsfläche ausweisen müssten – und das geschehe eben oft auf landwirtschaftlicher Nutzfläche. „Doppelter Landfraß“ nennen das die Bauern und laufen dagegen Sturm, was ihnen allerdings heftige Kritik von Umweltschützern einbringt.

Einig sind sie sich mit den Umweltschützern in einem anderen Punkt. „In NRW gibt es mehr als 40.000 Hektar Industriebrachen. Die werden nicht angepackt. Das ist ja zu teuer“, sagt Wortmann. Teuer, weil da Altlasten beseitigt werden müssten. Auch lägen diese Areale oft nicht verkehrsgünstig. „Die Industrie baut lieber auf der grünen Wiese und will autobahnnahe Standorte – in Bönen, in Hamm, in Dortmund.“

Oder eben in Bergkamen. In einem Dreieck zwischen Autobahn 2 und Bundesstraße 61, direkt an der Autobahnabfahrt, entsteht derzeit ein neues Gewerbegebiet. „Logistikpark“ steht auf dem Baustellenschild, dahinter haben Bagger und Radlader schon eine Mondlandschaft zusammengeschoben, durchzogen von ein paar Asphaltstraßen.

Auch hier zeigen die Bauern Flagge, zwei Tage sind seit dem Kampagnenstart in Dortmund vergangen. Die Landfraßuhr steht auf 16.674.605.920. Rund 250 000 Quadratmeter weniger werden es sein, wenn der „Logistikpark“ fertig ist. „Wer da einziehen soll, weiß noch keiner“, wettert Reinhard Döring, Vorsitzender des WLV Ruhr-Lippe. Gleichwohl seien bereits 13 Hektar Ackerland planiert und weitere 12 beplant. Und das, obwohl genau gegenüber eine ausgediente Kläranlage des Lippeverbandes seit 20 Jahren brach liege. „Das kann man nicht verstehen“, sagt er.

Bauer Timmermann versteht so etwas auch nicht. „Der bequemste und billigste Weg ist nicht immer der richtige“, ist seine Botschaft. Noch hofft er, dass wenigstens „Groppenbruch“ in Dortmund nicht realisiert wird. „Schon 2004 sollten hier die ersten Bagger anrollen“, so der Landwirt. Passiert ist nichts, und nach verschiedenen politischen Wechseln wird vielleicht auch so schnell nichts passieren. Timmermann bleibt vorsichtig optimistisch: „Man darf die Hoffnung nie aufgeben. Den Kampf aber auch nicht.“ - hd

Kommentar: Fatalen Trend umkrempeln

Wer mit seinem Auto über die Autobahnen durch Westfalen fährt, muss schon ganz schön suchen, um mal zehn Kilometer zu finden, wo sich kein Gewerbegebiet befindet. Klar, die klammen Kommunen brauchen Geld, und im Ringen um die Gewerbesteuer überbieten sie sich gegenseitig mit attraktiven Flächen im Buhlen um Investoren. Die Folge: Statt Grün wächst Beton – ein fataler Trend, den Bauern und Umweltschützer zu Recht beklagen. Doch muss man Industrie- und Gewerbe zwangsläufig auf der grünen Wiese ansiedeln? Klar, die Investoren zieht‘s ins Grüne, weil es für sie einfach und billig ist, auf dem freien Acker an gute Grundstücke zu kommen. Die Folge aber ist, dass in den Städten alte Brachen vor sich hin rotten. Sanierung und Erschließung sind zu teuer. Ein unlösbares Problem? Nein. Die Landesregierung hat es sich zum Ziel gesetzt, den „Landfraß“ aufzuhalten. Das kann nur funktionieren, wenn man Investitionen auf Brachflächen konsequent fördert und das Bauen auf der grünen Wiese bremst. Mit einem neuen Landesentwicklungsplan, der derzeit erarbeitet wird, hat die NRW-Regierung die Möglichkeit, die Pflöcke für einen Weg in die richtige Richtung einzuschlagen. Sie sollte es nun auch tun. - Holger Drechsel

Quelle: wa.de

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