Zweiter Prozesstag [Update 17.20 Uhr]

Soester Babymord-Prozess: Niemand hatte Bedenken

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Die Angeklagte Bianca N. (links) am ersten Prozesstag mit einem Justizbeamten.

[UPDATE 17.20 Uhr] SOEST/ARNSBERG - Im Landgericht in Arnsberg ging am Mittwoch der Prozess um den tragischen Tod der knapp vier Monate alten Fee-Marie aus Soest weiter. Zunächst wurde die 22 Jahre alte Angeklagte weiter befragt. Dann gaben sich Betreuer und Jugendamtsmitarbeiter als Zeugen die Klinke in die Hand.

Der Säugling war im vergangenen November in einer Wohnung am Soester Stadtrand verdurstet, während die Mutter in einer Münsteraner Diskothek im Drogenrausch tagelang durchfeierte. Die Anklage wirft ihr Mord vor.

Die Frau sagte erneut, dass sie ihre Tochter im Drogenrausch vergessen habe. "Ich fühlte mich frei und unbeschwert, war glücklich und ausgelassen", beschrieb sie ihre Stimmung im Einfluss von Amphetaminen und Ecstasy. Dass die Drogen nach ihrer Schilderung dazu beitrugen, dass ihre Tochter sterben musste, ließ sie völlig außer Acht.

Dabei scheint die 22-Jährige nicht von Anfang an eine schlechte Mutter gewesen zu sein. "Ich habe mich wirklich auf das Kind gefreut", sagte sie zu ihrer Schwangerschaft. Das bestätigten die Mitarbeiter des Soester Jugendamtes und die vom Amt eingesetzten Helfer. Sie habe sich gut auf die bevorstehende Geburt vorbereitet. Und auch nach der Entbindung sei alles gut gelaufen. "Sie war vielleicht sogar zu vorsichtig, hatte Angst, ihre Tochter auch nur kurz allein zu lassen", sagte die Pädagogin des Sozialwerkes Sauerland, die die Frau von März bis Oktober 2013 regelmäßig betreute.

Ähnlich äußerte sich die Sozialarbeiterin des Jugendamtes über ein Treffen mit der Mutter. "Ich hatte ein gutes Gefühl. Es gab eine Beziehung zwischen Mutter und Kind. Ich hatte keine Bedenken, dass das nicht funktionieren könnte."

Fotos aus dem Gericht in Arnsberg:

Prozess Soester Babymord in Arnsberg

Wie kam es, dass die 22-Jährige dann ab Mitte Oktober ihre Wohnung verwahrlosen ließ, ihre Tochter offenbar nicht mehr ausreichend versorgte und dann einfach ihrem Schicksal überließ? Fragen, die das Landgericht bisher nicht ansatzweise klären konnte.

Als die junge Frau dann Mitte November wieder in Soest auftauchte und von ihrem Betreuer auf Gerüchte über den Tod ihrer Tochter angesprochen wurde, kam das Drama ans Licht. "Sie hat mir dann gesagt: Mein Kind lag eines morgens tot im Bett. Da bin ich vor Schreck nach Münster gefahren." Das rief Jugendamt, Polizei und die Mordkommission auf den Plan. "Wir haben zwei Stunden vor der Wohnung gewartet, was passiert", erinnerte sich die Sozialarbeiterin des Jugendamtes an den 18. November 2013. "Ich bin gottseidank nicht mit reingegangen. Der Geruch reichte."

Vorwürfe machten sich die Betreuer nicht. Im Vorfeld habe es auch die Überlegung gegeben, die junge Mutter in ein betreutes Wohnen zu schicken. "Aber es gab keine Warnsignale. Es war auf einem guten, positiven Weg." Die Angeklagte hatte auch keine Lust auf eine Unterbringung in einem Mutter-Kind-Heim. "Das habe ich abgelehnt. Es ist schwierig in solchen Einrichtungen. Ich wollte mich von der Klientel, die dort lebt, abgrenzen."

Fotos vom Tatort in Soest:

Baby tot in Soester Wohnung gefunden

Warum die junge Frau dann Amphetamine und Ecstasy konsumierte, blieb unklar. Eine Toxikologin der Uni Münster hatte eine Haarprobe der Angeklagten untersucht. "Haar haben eine Funktion wie ein Fahrtenschreiber. Drogen, die im Blutkreislauf unterwegs sind, werden im Haar eingelagert", erklärte sie. Demnach hatte die 22-Jährige im Tatzeitraum wirklich diese Drogen genommen. Und sie bestätigte die von der jungen Frau erzählte Version: "Dass sie die Zeit und alles vergessen hat, wäre denkbar."

Als letzter Zeuge wurde dann noch ein Kinderarzt aus Soest gehört. Er hatte die Vorsorge-Untersuchungen bei Fee-Marie durchgeführt und konnte sich ebenfalls nicht an Auffälligkeiten erinnern. Allerdings bot er dem Gericht "ein Denkmodell" zur Erklärung das Dramas an: Er geht davon aus, dass die 22-Jährige unter einer Hirnschädigung leidet, die durch den Alkoholkonsum ihrer Mutter während der Schwangerschaft verursacht wurde. Das sogenannte Fetale Alkohol-Syndrom werde leider häufig nicht erkannt. Viele Verhaltensweisen der Angeklagten würden aber darauf hindeuten, dass sie an dieser Schädigung leiden könnte.

Das Gericht nahm den Hinweis auf und beauftragte den psychiatrischen Gutachter sich auch mit diesem Aspekt zu befassen. Im Vorfeld des Verfahrens hatte sich die Angeklagte geweigert, mit dem Experten zu sprechen. Nun stimmte sie aber zu, dass er sie genauer untersuchen kann.

Der Prozess wird erst am 18. Mai fortgesetzt. Bis dahin soll der Gutachter die 22-Jährige in der Untersuchungshaft in Gelsenkirchen besucht haben. Im dortigen Gefängnis ist die Soesterin in einer Einzelzelle untergebracht. Ihr Anwalt begrüßt das, weil seine Mandantin sonst möglicherweise Angriffen von Mitgefangenen ausgesetzt wäre. - jot

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Quelle: wa.de

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